Das Heft – Nr. 73

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Wir waren wie Brüder

Unser Autor war mit Nazis befreundet, ohne selbst einer zu sein. Er hat anderen Angst gemacht, um seine eigene Angst zu vergessen. Eine Reise in die Neunziger in Ostdeutschland

Illustration: Gregory Gilbert-Lodge

Die eigene Hässlichkeit kann ein Rausch sein. Wenn man sie umarmt und das Grauen in den Gesichtern derer sieht, die einen beobachten und verachten, aber sich nicht an einen herantrauen, dann strömt Macht durch die Adern wie elektrischer Strom. Als ich bei über 100 Kilometern pro Stunde einem BMW hinter uns auf die Motorhaube pisse, spüre ich diese Macht. Als ich da im Dachfenster stehe, die Hose bis zu den Oberschenkeln heruntergelassen, sehe ich das große weiße Gesicht des Fahrers: Die Augen geweitet, vor Schreck, Entsetzen, Empörung, bläht es sich auf wie ein Ballon, ich würde gern mit einer Nadel hineinstechen. Ich bin 19, ich bin zehn Meter groß und acht Meter breit, ich bin unverwundbar.

Gerade, 30 Jahre nach der Wende, erzählt die Generation meiner Eltern und Großeltern ihre Geschichten. Es geht viel um verlorene Arbeitsplätze, und ja, das klingt hübsch technisch, wie ein leicht lösbares Problem. Aber in diesem preußischen Vollbeschäftigungsstaat namens DDR, in dem Arbeit gleich Lebenssinn war und die wenigen, die keine Jobs hatten, „Assis“ gerufen wurden, bedeutete das eben auch: Kollegen, Brüder, Ehemänner, die sich erhängten, Geschwister und Cousins, die sich langsam zu Tode soffen, Familien, in denen es erst heiß aufwallte wie in einem Vulkan, weil einer jetzt mehr hatte als die anderen, und dann erstarrte alles zu einer toten Landschaft kalter Schlacke. Frauen, die so sehr anpackten, um sich, ihre Männer und ihre Kinder durchzubringen, bis nichts mehr von ihnen übrig blieb als der Wille, „es zu schaffen“.

Ist da noch Platz für die Erzählungen der Neunzigerjahre aus der Sicht derjenigen, die beim Fall der Mauer zu alt waren, um nichts von der Vergangenheit mitbekommen zu haben, aber zu jung, um mitzureden, wie die Zukunft aussehen sollte? Über das Jahrzehnt, in dem auch die Menschen aufgewachsen sind, die heute den Hitlergruß zeigen und brüllen?

Wann fängt man also eine Geschichte über damals an? Für mich begann es nicht 1989. Für mich begann es in der DDR. In der zweiten Klasse malt Ricardo mit dem Bleistift ein Hakenkreuz auf die Schulbank. An sich nichts Besonderes, auch ich habe das schon gemacht. Hakenkreuze malen ist das Verbotenste, was ich mir vorstellen kann. Die Kunst ist, aus dem Hakenkreuz gleich wieder ein kleines Fenster zu machen, bevor einen jemand sieht.

„Die Staatssicherheit nannte Hakenkreuze auf jüdischen Friedhöfen 'Rowdytum' und tat so, als gäbe es keinen politischen Hintergrund“

Auf dem Nachhauseweg von der Schule erzählen wir Jungs uns Judenwitze. Woher wir die hatten, weiß ich nicht mehr. Es hätte sie gar nicht geben dürfen. In der Verfassung der DDR stand, das Volk sei vom Faschismus befreit. Und weil es nun einmal befreit war, durfte der Faschismus nicht existieren. Die Staatssicherheit nannte Hakenkreuze auf jüdischen Friedhöfen und Neonazis, die andere Menschen zusammenschlugen, „Rowdytum“ und tat so, als gäbe es keinen politischen Hintergrund. Punks und alle, die anders aussahen, als sich die sozialistische Elite ihre Bürger vorstellte, verfolgten Geheimdienst und Polizei dagegen hart als Auswüchse einer Dekadenz, die nur aus dem Westen kommen konnte.

„Wir zeigen unsere freundschaftliche Verbundenheit mit dem Sowjetvolk“, schreibe ich am 8. Mai in meinen Heimatkundehefter. Aber wir sehen sie kaum, obwohl viele Kasernen gar nicht so weit weg sind. Manchmal marschiert ein Trupp mit Kalaschnikows auf dem Rücken an unserem Kindergarten vorbei, und wir drücken uns an den Zaun und sehen ihnen nach. „Scheißrussen“, sagt ein Junge neben mir, und als ich ihn frage, warum, sagt er: „Wenn der blöde Hitler unsere Wehrmacht nicht kaputt gemacht hätte, wären die jetzt nicht hier.“ Das hatte ihm jedenfalls sein Vater erzählt.

Wir wussten nicht, wer die Juden waren. Wir wussten nicht, wer die Russen waren. Wer die Nazis waren, wussten wir. Der Nazi war einer, der aus dem Westen kam. Der Kapitalismus galt als Vorstufe des Faschismus, und tatsächlich saßen ja noch alte Nazi-Eliten auf genügend Machtpositionen im Westen, um die als Beweis dafür zu präsentieren.

Der Fall der Mauer brach mir das Herz. Ich hatte Angst vor dem Westen, vor den Faschisten, einfach davor, dass alles, was ich kannte, kaputt gehen könnte. Die Erwachsenen rührten keinen Finger. Sie saßen vor dem Fernseher und sahen sich Demonstrationen an. Sie unterrichteten uns weiter in der Schule, als sei alles völlig normal. Dass wir wirtschaftlich keine Chance hatten, war mir ja klar, jeder Junge, der wusste, wo die Matchbox-Autos herkamen, begriff das. Aber mein Vater war Oberstleutnant der verdammten Nationalen Volksarmee, er hatte mal 30 Panzer kommandiert, wo waren die denn jetzt?

„Mein Plan war, in Westberlin ein paar Leute zu erschießen und einen Krieg zu provozieren“

Ich wollte eine chinesische Lösung, ich wollte Tiananmen-Platz in Berlin und Leipzig. Als mein Vater, der Feigling, nicht loszog, um die Irren da draußen zu stoppen, überlegte ich, wie ich ihm seine Makarow-Dienstpistole klauen könnte. Mein Plan war, in Westberlin ein paar Leute zu erschießen und einen Krieg zu provozieren. Denn den, da war ich mir sicher, den würden wir gewinnen.

Der Zerfall beginnt im Fernsehen. Ich sehe weinende Menschen, starre Menschen, graue Menschen, meistens vor irgendwelchen Schornsteinen oder Werktoren, und immer macht irgendetwas zu. Dann zerfallen die Männer auf dem Dorf. Wenn ich von der Schule komme, sitzen sie vor den Garagen. Sie haben früher Kräne gefahren, große russische Traktoren und Mähdrescher. Jetzt erzählen sie sich Witze über ihre Frauen, die mit irgendwelchen Putzjobs oder Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen versuchen, die Familien über Wasser zu halten. Sie sagen: „Die Alte nervt.“ Dann trinken sie noch einen Schnaps. Oft reden sie gar nicht.

In den Zeitungen, im Radio, im Fernsehen lesen, hören und sehen wir die passenden Botschaften dazu. Ostdeutsche sind zu doof, sich in der neuen Welt zurechtzufinden. Ostdeutsche sind faul. Ostdeutsche sind betrunken. Erst schäme ich mich noch, dann schaue ich der geworfenen Scheiße belustigt beim Fliegen zu, und noch später bin ich stolz darauf, dass „wir“ härter sind als die so leicht zu schockierenden Wessis, die ihr ganzes Leben als Kausalzusammenhang erzählen können, in dem es für alles einen guten Grund und keine dunklen Flecken gibt. Es kann auf eine dämonische Art befreiend sein, wenn von dir und den Leuten um dich herum nur noch das Schlechteste erwartet wird.

Schrottplatz der Geschichte: Nach dem politischen Umschwung 1989/90 entstanden im Osten Deutschlands rechtsfreie Räume, die die Jugend prägten

 

Im Fernsehen sieht man Häuser brennen, in denen ehemalige vietnamesische Vertragsarbeiter leben. Man sieht Männer, die mit Gehwegplatten auf Menschen werfen. Ich sehe, wie die Polizisten verloren vor der Meute stehen. Ich sehe, wie sie zurückweichen.

Bis Ende der Neunzigerjahre weicht dieser neue Staat zurück – in den Kleinstädten und Dörfern. Viele Menschen, die so alt sind wie ich, rechnen nicht mehr mit ihm. Wir sehen alle dasselbe: Es kommen keine Polizisten, wenn 30 Kahlrasierte vor einem Jugendklub auftauchen und Leute vermöbeln, oder sie kommen nur zu zweit und bleiben dann in ihren Autos sitzen. Was sollen sie machen? Selbst verdroschen werden? Das passiert manchmal auch.

Neue Regeln. Ich hätte sie gern gelernt, wenn ich denn welche begriffen hätte. Ist es besser, den Bus zu nehmen, aus dem man nicht mehr rauskommt, wenn Glatzen einsteigen? Oder besser laufen oder Fahrrad fahren? Aber dann bist du zu langsam, wenn sie dich mit dem Auto jagen.

Bunte Haare fanden die Glatzen scheiße, lange auch

Viele Glatzen kamen aus großen Familien, die lebten in ihren Häusern inmitten von Hitlerbüsten und Reichskriegsflaggen. Die Clansöhne mit den Namen, die man fürchten musste, waren vier bis acht Jahre älter als ich. Mit ihren tiefergelegten Golfs oder zu Fuß patrouillierten sie durch die Stadt. Wen sie verschonten und wen sie sich vornahmen, folgte einem Kodex, den vor allem sie selbst verstanden. Wenn sie jemanden aus DDR-Zeiten kannten, aus der Schule, konnte das gut sein. Oder eben besonders schlecht, wenn sie ihn schon damals nicht mochten. Bunte Haare waren scheiße, lange auch.

Ich sitze im Bus, drei Glatzen steigen ein, ohne zu bezahlen. Sie laufen nach hinten durch, ich tue so, als würde ich lesen. Sie gehen an mir vorbei, plötzlich ist es nass in meinem Gesicht. Einer hat mir ins Gesicht gespuckt. Bevor ich das kapiere, drückt mir der kleinste der Typen seinen Daumen in die linke Wange und reibt kräftig, bis mir die Zähne wehtun. „Du musst dich doch sauber machen“, sagt er mit hoher Stimme. „Muss Mutti dir erst bis in den Bus nachlaufen, hm?“ Wahrscheinlich sehe ich aus wie ein Reh im Scheinwerferlicht eines Autos, die drei bepissen sich fast vor Lachen. Die Hand des Kleinen riecht nach Tabak.

„Ich sehe den Hunger in den Augen der Clansöhne und ihrer Handlanger, und ich weiß, ich bin Beute“

Als Kind war ich noch klein und dick, aber in der Pubertät schieße ich in die Höhe. Genetisch bin ich Nazi, fast 1,90 Meter groß, blond, graublaue Augen. Ich trainiere mit Hanteln. Aber mir fehlt das Schläger-Gen, die Lust am Blut der anderen, ich sehe den Hunger in den Augen der Clan-Söhne und ihrer Handlanger, und ich weiß, ich bin Beute. Also versuche ich zu verschwinden, ich trage Grau, ich bin ein Mäuschen. Gott, wenn ich doch nur kleiner wäre.

Hatte ich nicht erst gestern noch alles über Ernst Thälmann und seine Genossen gelesen? Wie sie gestorben waren im Kampf gegen den Faschismus? Ich will nicht sterben, ich will nur in Ruhe gelassen werden. Ich schäme mich. Wir schämen uns alle. Jeder hat seinen eigenen Grund dafür. Der eine wird gefeuert und findet nie wieder Arbeit, der Nächste steht hinter der Gardine und freut sich heimlich, weil das Asylbewerberheim brennt, und ich, ich bin eben ein Feigling.

Entweder es gibt Stress oder einer erzählt vom Stress

Ab der siebten Klasse, im Herbst 1991, gehe ich aufs Gymnasium. Meine Freunde vom Dorf treffe ich nur noch selten, ich bin jetzt etwas Besseres, zumindest sehen sie das so, oder ich denke, dass sie es denken. Ich ziehe mich zurück. Ich habe früher schon gern gelesen, jetzt lese ich eben noch mehr. Kurz vor der Wende sind wir in einen anderen Block gezogen, ich habe ein eigenes Zimmer und muss nicht mehr mit meinem Vater und meiner Mutter in einem Bett schlafen. Das macht es einfacher, mich zu verstecken. Als ich 16 Jahre alt bin, kaufen meine Eltern einen Computer, und ich spiele Eishockeymanager. Diese Welten sind vom Draußen unberührt und kontrollierbar. Ab und an gehe ich raus, tauche auf wie ein U-Boot nach langer Fahrt. Die Nachrichten von der Oberfläche sind über Jahre die gleichen: Entweder es gibt Stress, oder einer erzählt, wie es Stress gab.

„Der hat seine Freundin gezwungen, als Nutte zu arbeiten, und die dann mit dem Kabel erwürgt.“

„Neulich haben sie den einen an der Havel fast kaltgemacht.“

„Die sind mit der Axt in den Jugendklub rein. Die hinter der Tür hat es gleich erwischt. Die Bullen waren wieder bloß zu zweit da.“

Freunde habe ich wenige. Ich bin ein Trottel vom Dorf. Meine Mutter hat mir zwar nach langer Bettelei eine Levi’s gekauft, aber an meinem dicken Hintern sieht die Jeans so aus, als versuchte jemand, meinen Arsch zu zwei Würsten zu kneten. Tragen muss ich sie trotzdem, die Hose war teuer. Im Schulbus lachen sie über mich. Ich bin oft allein, also ein Ziel, und deshalb gehe ich noch weniger raus.

Nach drei Jahren Gymnasium finde ich andere Freunde. Dabei sind: ein kleiner Dünner, der oft lächelt und der mich mit dem Auto nach Hause fährt, wenn es spät wird. Er sagt: Schon mein Vater war ein Rechter. Dafür hatte er Ärger mit den Scheißkommunisten.

„Ich entdecke, wie geil es sein kann, jemandem Schiss zu machen“

Ein anderer aus der Clique schaut oft finster, aber kitzelt einen ab, wenn es in der Schule scheiße gelaufen ist. Er findet die NPD gut. Außerdem: der Sohn eines Polizisten, der immer laut ist, immer Faxen macht, großzügig mit allen teilt und der „Kanaken“ scheiße findet.

Dann einer, der immer ganz ruhig ist, obwohl ihm seine Mutter Stress macht, er dürfe nicht absacken, nicht versagen, nicht untergehen in dieser neuen Welt. Er hört zu Hause CDs von Bands wie Zyklon B und Zillertaler Türkenjäger. Auf der Heckscheibe seines Autos prangt in Fraktur der Schriftzug „Euthanasie“. Die Band heißt eigentlich „Oithanasie“, aber er findet es damals ein lustiges Wortspiel, den Namen so zu schreiben.

Wir durchstreifen das Land im Konvoi. Zum nächsten McDonald’s an der Autobahn, an die Ostsee, nach Tschechien, nach Dänemark. Je mehr wir sind, desto größer wird unsere Landkarte. Zwei Autos sind gut, vier Autos sind besser. Im Schwarm schrecken wir andere ab. Ich entdecke, wie geil es sein kann, jemandem Schiss zu machen, statt selbst der Schisser zu sein. Ich pinkle einem Wessi auf die Motorhaube.

„Ich muss vor Nazis wegrennen. Also bin ich links“

„Rechts“ und „links“, das ist eine Sache der Klamotten, der Frisur und der „inneren Einstellung“, wie wir das damals nennen. Die Mode der harten Nazis verbreitet sich in Molekülen auch an den Gymnasien, die grünen Bomberjacken mit dem orangefarbenen Innenfutter tragen viele. Ich habe lange Haare, ich habe „nichts gegen Ausländer“, ich finde es scheiße, sie zu jagen und zu verprügeln. Das sage ich manchmal auch, und dann streiten wir uns. Ich muss vor Nazis wegrennen. Also bin ich links.

In der Nahrungskette der Jungsgruppen stehen wir nicht weit oben. Wenn die Tighten aus der Muckibude anrücken, die tätowierten Riesenbrocken mit Kampfsport oder Knast im Lebenslauf, und keiner der anderen hat irgendeine Beziehung zu jemandem, der jemanden kennt, dann machen wir uns klein oder lösen uns in Luft auf.

Der Soundtrack dieser Zeit kam von den Böhsen Onkelz. Ich hasste diese Band, bei ihren weinerlichen Liedern für gefallene Jungs dachte ich an die saufenden Männer vor den Garagen. Ein Lied der Onkelz ist allerdings bis heute in meinem Kopf: „Wir waren mehr als Freunde / Wir war’n wie Brüder / Viele Jahre sangen wir / Die gleichen Lieder.“ Es heißt „Nur die Besten sterben jung“, und ich mochte es, vielleicht, weil ich die blöden Jungpioniere vermisste, die Zeit, als wir lieber Papier und Flaschen gesammelt haben, anstatt uns gegenseitig das Leben zur Hölle zu machen, und weil ich dachte: Ja, sterben kannst du ja wirklich.

Manche Erinnerungen reißt man sich ein wie Splitter, und sie schmerzen noch Jahre danach. Der türkische Freund, den ich erfunden habe, ist so ein Splitter. Wir sind nach Ungarn gefahren, das letzte Mal zusammen. Wir liegen am Balaton, spielen Fußball. Wir reißen die Türen unserer Klos auf und fotografieren uns gegenseitig beim Kacken, wir rasieren einander die Brusthaare. Und dann, wir sitzen in einem Café, ich lese Zeitung, vielleicht habe ich da etwas über einen Überfall gelesen, ich weiß es nicht mehr. Ein Freund sagt irgendetwas über „blöde Kanaken“ und dass sie es verdient hätten, und ich bin sofort auf hundertachtzig. Ich schreie, ich hätte einen türkischen Freund, und der läge in Berlin im Krankenhaus, „wegen Leuten wie dir“. Es ist ein kurzer Moment, wenige Sekunden nur, und sofort fühle ich mich mies.

„Ich habe nicht gekämpft und schon gar nicht gewonnen. Ich bin einfach gegangen“

Weil ich gelogen habe, ich habe keine türkischen Freunde und auch keine mit türkischem Namen, woher auch? Es gab an unserer Schule den Sohn eines Ingenieurs aus Angola oder Mosambik, der war nicht weiß. Selbst die Frauen im Dönerimbiss, die ich kannte, waren in der Kreisstadt oder in einem der Dörfer geboren. Ich schäme mich auch, weil ich weiß: Es gibt Menschen, die sind wirklich verbrannt oder wurden zu Tode getreten. Und ich erfinde einen. Gleichzeitig habe ich Angst, dass jetzt unsere Freundschaft vorbei ist.

Das gehört auch zur Wahrheit jener Jahre, viele kannten die Rechten, die Rechtsradikalen, die Neonazis nicht nur von Weitem. Wir waren mit ihnen befreundet, wir mochten manche von ihnen, wir profitierten von ihrem Schutz.

Für meinen Zivildienst gehe ich nach Berlin. Ab 1999 studiere ich in Leipzig. Ich treffe gute Leute aus dem Westen und dem Osten. Wenn ich mich in den richtigen Bezirken aufhalte, treffe ich keine Glatzen. In der Kleinstadt, in der ich zur Schule ging, leben heute auch Frauen mit Kopftüchern, die ihren Söhnen auf Russisch hinterherbrüllen, sie sollen gefälligst auf sie warten. In den Cafés bedienen Menschen, deren Eltern aus Vietnam und der Türkei kamen. Der Freund, auf dessen Heckscheibe „Euthanasie“ stand und den ich für diesen Text wiedergetroffen habe, sagt, er sei mit „Kurden, Türken, Russen, Vietnamesen“ befreundet. Er findet aber, man solle die Leute verstehen, die lieber nicht mit so vielen Ausländern zusammenleben wollen. Als ich ihn frage, ob er auch so leben will, sagt er: „Ach, ich weiß es doch auch nicht.“

Ich habe nicht gekämpft und schon gar nicht gewonnen. Ich bin einfach gegangen.

Dieser Text erschien in einer längeren Version in der taz. Wir danken für die Genehmigung, ihn hier noch mal veröffentlichen zu dürfen.

Illustrationen: Gregory Gilbert-Lodge

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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