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„Für mich war die DDR ein Volltreffer“

Im Interview spricht der palästinensische Fotograf Mamoud Dabdoub über sein Leben in der DDR – als Muslim

  • 4 Minuten
Feier im Studentenwohnheim

fluter.de: Herr Dabdoub, wie sind Sie in der DDR gelandet? 

Mamoud Dabdoub: Eigentlich kam ich per Zufall nach Leipzig, um zu studieren, und dann bin ich geblieben. Nach dem Abitur schickte meine Familie mich nach Westdeutschland, um dort Malerei zu studieren. Ich bin Palästinenser und im Libanon aufgewachsen. Dort wurde ich auch 1958 geboren. Als ich klein war, lebte ich mit meinen neun Geschwistern und Eltern in einem Lager bei Baalbek, nahe der syrischen Grenze. Wir hatten kein einfaches Leben als Palästinenser im Libanon. Und es wurde noch schwerer, als im Land der Bürgerkrieg ausbrach. 

Ich landete erst mal in der BRD und verliebte mich sofort in die deutsche Sprache und das geordnete Land. Leider wurde ich zurückgeschickt wegen bürokratischer Formalitäten. Um zu Hause nicht in Untätigkeit zu versinken, wurde ich der Assistent eines Künstlers. In der Zeit habe ich mit der Kamera meines Bruders, einer „Praktica“ aus der DDR, Fotos gemacht. Die Bilder hat mein Chef gesehen und motivierte mich, mich noch mal für ein Studium zu bewerben. Er setzte sich dafür ein, dass ich in die DDR gehen kann. Es klappte, und so kam ich im September 1981 nach Leipzig. Für mich war die DDR ein absoluter Volltreffer. 

Warum?

Ich hatte sehr viel Glück, mir ging es da sehr gut. Seit ich in Leipzig ankam, bin ich hier nie wieder weggezogen. Und in der DDR habe ich mich als Palästinenser verstanden gefühlt, denn die Menschen verstanden, wenn ich von der Trennung meines Volkes sprach. Als Palästinenser im Libanon war ich es schon gewohnt, nicht richtig dazuzugehören. Ein bisschen so war es auch in der DDR. Im Libanon war ich ein Bürger zweiter oder sogar dritter Klasse. Das war in der DDR zwar nicht ganz so, aber ich war dennoch für viele erst mal ein Exot. 

Humboldt Uni
Studentinnen aus dem Jemen und Palästina im Hof der Humboldt-Universität
 

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Junge Männer auf der Strasse
Studenten am Markt in Leipzig
 

Gab es offene Anfeindungen? 

Kaum, aber wie überall gab es Idioten. Richtig angefeindet wurde ich tatsächlich sehr selten. Einmal hat mich jemand als „Kameltreiber“ beschimpft. Aber so etwas habe ich nicht zu nah an mich herangelassen. Die Menschen wollten mich oft einfach über mein altes Leben im Libanon ausfragen, viele wollten wissen, wie ich aufgewachsen bin und wie es ist, Muslim zu sein. 

Klingt fast so, als sei es damals recht einfach gewesen. 

Nicht alles war gut, aber ich hatte ein schönes Leben. Meine deutschen Freunde luden mich oft zu sich ein, ich lernte ihre Familien kennen und verbrachte sogar Weihnachten mal in Dresden. Auch als Fotograf ging es mir meistens gut, die Menschen waren recht offen zu mir. Doch es gab auch Situationen, in denen die Polizei mich davon abhielt, Ereignisse zu fotografieren. Das erste Mal ist mir das bei einer Demonstration am 1. Mai 1986 oder vielleicht auch 87 passiert. Als dann später zum Mauerfall hin die großen Proteste in Leipzig losgingen, hatte ich große Angst. Es fühlte sich alles an wie ein verrückter Film. Ich habe mich nicht getraut, das zu fotografieren, die Angst, erwischt und abgeschoben zu werden, war zu groß. So erging es vielen Fotografen. 

Wie konnten Sie Ihren Glauben ausleben? 

Moscheen gab es nicht, ich betete in meinem Zimmer. Ich kannte nur wenige andere Muslime. Manchmal trafen wir uns in Wohnzimmern zum Beten. Aber es gab keine große muslimische Gemeinschaft. Deswegen wurden wir wahrscheinlich auch akzeptiert. Damals wurde der Islam noch nicht als etwas Unheilbringendes dargestellt, wie das heute manchmal der Fall ist.

Auch wenn der Staat misstrauisch war und manchmal Arabistikstudenten schickte, die sich dann mit uns anfreundeten – und uns wahrscheinlich auch überwachten. Ich wurde aber immer in Ruhe gelassen.

Famile
Eine Physiotherapeutin und ein Medizin-Student in Leipzig
 

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Maler
Kunst-Student in Berlin

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Jurastudent in Leipzig
Jura-Student in Leipzig
Bandporbe
Musikgruppe bei der Probe
 
 

Sie leben noch immer in Leipzig. Wie ist das muslimische Leben dort heute?

Wenn das muslimische Leben floriert, bekommen die Leute Angst. Früher war Leipzig eine viel offenere Stadt, vor allem gegenüber Muslimen ändert sich der Ton.

Vermissen Sie etwas aus der DDR?

Früher konnte ich sehr frei fotografieren, wenn es um Menschen außerhalb politischer oder öffentlicher Veranstaltungen ging. Kaum jemand hatte etwas dagegen. Ich vermisse diese Wärme. 

Die obligatorische Frage zum Schluss: Wo waren Sie, als die Mauer fiel? 

Ich war dabei in der Bornholmer Straße und bin mit über die Brücke. Wir haben alle geweint, waren so glücklich. Und ich habe mich gefragt, wann uns Palästinensern das passieren wird, dass wir Türen öffnen und über Brücken gehen dürfen. Es war unbeschreiblich, aber ich konnte nichts von alldem fotografieren. Denn ich war wie gelähmt. Noch heute schäme ich mich, dass ich das nicht festgehalten habe mit der Kamera. 

Junge Männer
Medizin-Studenten in Leipzig

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Arbeiter
Ein fröhlicher Arbeitseinsatz

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Moritz Bastei Leipzig
Der Billard Tournee-Sieger in der Moritzbastei, Leipzig
Auf der Treppe
Student in der Humboldt-Universität in Berlin

Fotos: Mamoud Dabdoub 

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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