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„Außen gelb, innen weiß“

Sie bezeichnen sich selbst als Bananen: Minh Thu Tran und Vanessa Vu erzählen im Podcast „Rice and Shine“ von ihrem Leben als Kinder vietnamesischer Einwanderer

Rice and Shine Podcast

Die Fischsoße mit dem grünen Deckel – und dann noch einen Schuss Maggi. Was sich keine deutsche Kartoffel trauen würde, die beim Vietnamesen auch die letzte Reisnudel mit Stäbchen beflissen aus der Schale fischt, gehört in vielen deutsch-vietnamesischen Haushalten zum Standardwürzprogramm. Zunächst als Ersatz für Sojasoße, weil es die in Deutschland kaum zu kaufen gab, fand Maggi Einzug in die Essgewohnheiten vietnamesischer Einwanderer. 

Solche Anekdoten – sehr viele haben mit Essen zu tun – erzählen die Journalistinnen Minh Thu Tran und Vanessa Vu in ihrem Podcast „Rice and Shine“. Beide sind als Kinder vietnamesischer Eltern in bayerischen Kleinstädten aufgewachsen, eher isoliert von anderen Menschen mit vietnamesischer Herkunft. Als sie sich schließlich auf der Journalistenschule trafen, stellten sie fest, dass ihre Kindheit in einigen Belangen ziemlich ähnlich verlaufen war. Und dass sie beide darüber bisher kaum offen mit einer anderen Person sprechen konnten. Das änderte sich schlagartig – und zum Glück dürfen alle, die wollen, dabei zuhören.

 

Keinen Bock mehr auf Klischees à la „Vorzeigemigrant“

Gab es Anfang der 90er-Jahre noch massive rassistische Ausschreitungen gegen zugewanderte Vietnamesinnen und Vietnamesen – die Bilder von Rostock-Lichtenhagen sind unvergessen –, werden sie, zumindest seit einigen Jahren, häufig als „Vorzeigemigranten“ bezeichnet. Ein Thema, das Minh Thu Tran und Vanessa Vu ausgiebig diskutieren. Ihre Eltern gehören zur ersten Einwanderergeneration. Und deren Erwartungen an ihre Kinder waren oft enorm: alles unter einer Eins in der Schule kaum akzeptabel. Jeder Cent wurde in Schulbildung investiert. Und schon ist es geboren: das Vorurteil vom ewig fleißigen, klugen Asiaten, das Minh Thu Tran und Vanessa Vu nicht mehr hören können. Über den realen Alltag heutiger vietnamesischer Einwandererfamilien in Deutschland wird bislang eher wenig berichtet – der Podcast verändert daran etwas.

Die beiden Journalistinnen sprechen über Themen, die man von so einem Podcast erwartet: Alltagsrassismus, kulturelle Aneignung, den Konflikt zwischen ihrer vietnamesischen Abstammung und Deutschsein. Sie sprechen aber auch über Verblüffendes: wie Aufstieg und Fall des „Bubble-Tea“ die Community in eine tiefe Krise stürzte. Viele investierten damals in das Geschäft mit dem Tapioka-Kügelchen-Getränk. Nicht zuletzt als Wissenschaftler Schadstoffe in dem Getränk fanden, war der Trend schlagartig vorbei. Obwohl die Forschungsergebnisse nicht haltbar waren, waren die Folgen gravierend. Viele Vietnamesen in Deutschland hatten Geschäfte eröffnet und waren plötzlich finanziell ruiniert.

Ein vietnamesischer Nationalheld als Studiogast: Ex-Wirtschaftsminister Philipp Rösler 

Oft laden Minh Thu Tran und Vanessa Vu Gäste mit vietnamesischen Wurzeln ein. Fun Fact: Der ehemalige FDP-Vorsitzende und Ex-Wirtschaftsminister Philipp Rösler ist in Vietnam so was wie ein Nationalheld, weil er es als von Deutschen adoptierter Vietnamese so weit gebracht hat. Im Podcast betont Rösler eine halbe Stunde lang unbeirrt, dass ihm kaum jemals Rassismus in Deutschland begegnet sei. Die meisten anderen Gäste sehen das anders.

Spannend ist auch die Folge darüber, wie sich das Leben vietnamesischer Einwanderer im Osten und Westen unterscheidet. In Ostdeutschland ist die vietnamesische Community bedeutend größer als im Westen, weil die DDR in den 70er- und 80er-Jahren sogenannte „Vertragsarbeiter“ aus Vietnam ins Land holte. Journalistin, Speakerin und Moderatorin Nhi Le wuchs in Thüringen auf. Ihr selbst, sagt sie, begegnete kaum Alltagsrassismus. Inzwischen seien aber viele Vietnamesen in den Westen gezogen. Ihr jüngerer Bruder habe jetzt viel mehr mit Anfeindungen zu kämpfen. 

Zwanzig Folgen gibt es bisher, viele mit selbstironisch bis kritischen Titeln wie „Sind wir rassistisch?“, „Warum sind wir so K.L.U.K.?“ oder „Wir Bananen: Außen gelb, innen weiß“. Über letztere Selbstbezeichnung lachen die beiden dann so herzlich, dass man laut mitlachen muss. Minh Thu Tran und Vanessa Vu haben einen schonungslos ehrlichen, aber immer liebevolle Umgang mit der eigenen Vergangenheit. Wenn Minh Thu Tran erzählt, dass sie aus Angst vor der elterlichen Reaktion weinend mit einer Drei im Schulranzen nach Hause gelaufen ist. Und in der nächsten Folge lachend verkündet, die Mama habe sie angerufen und gefragt: „Warum redest du so schlecht über mich?“ Sie sei aber nicht böse gewesen, sagt Minh Thu Tran. Die Eltern hätten ja in den letzten 20 Jahren auch dazugelernt und sich verändert. „Dass sie uns einfach zuhören. Wie krass ist das denn?“

Den Podcast gibt es hier zu hören. 

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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