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„Die Ostdeutschen haben ihr Schicksal selbst gewählt“

Die Treuhandanstalt sollte nach der Wende die ostdeutsche Wirtschaft umbauen – und wurde schnell zur „bestgehassten Behörde“. Der Historiker Marcus Böick erklärt warum

  • 8 Min.
 Beschaeftigte der DDR-Fluggesellschaft Interflug protestieren gegen das Ende des Betriebs. Foto: picture alliance/Paul Glaser/dpa-Zentralbild/ZB

fluter.de: Genosse Böick, nehmen wir mal an, es ist das Jahr 1989 und wir arbeiten beide als Tischler in einem DDR-Betrieb. Wie stehen die Chancen, dass wir ihn 1991 übernehmen werden?

Marcus Böick: Zwei Arbeiter, die nach der Wende gemeinsam einen kleinen Betrieb gründen: Das gab es durchaus. Aber wenn wir ein Kombinat übernehmen wollen, also einen großen Zusammenschluss von Betrieben mit zehn- bis zwanzigtausend Arbeitern, hätten wir ein Problem. Denn wo sollen wir das Geld dafür hernehmen? Uns hätte das Kapital gefehlt, denn in der DDR hatten die Menschen nach 40 Jahren Sozialismus kaum Vermögen. Und auch kulturelle Gründe sprechen dagegen. Wir hätten uns nicht getraut, einfach zu sagen: „Ich bin jetzt der Macher und Manager.“ Diese Großspurigkeit war in der ostdeutschen Gesellschaft nicht gefragt. Am Ende gab es nur rund 5 Prozent Ostdeutsche, die Betriebe von der Treuhandanstalt übernommen haben. 80 Prozent der Betriebe hatten hingegen bald einen westdeutschen Eigentümer.

Erklären Sie doch kurz, was die Aufgabe der Treuhandanstalt war.

Sie sollte die sozialistische Planwirtschaft in die kapitalistische Marktwirtschaft überführen – und das möglichst schnell und effizient. Dazu wurde sie im Sommer 1990 von den beiden deutschen Regierungen der DDR und der Bundesrepublik beauftragt.

Damit wurde die Treuhand zum größten Arbeitgeber der Welt. 

Sie war für die 8.500 DDR-Betriebe zuständig. 1990 arbeiteten hier noch vier Millionen Menschen. Die Treuhandanstalt stand vor einer historisch einmaligen Aufgabe: Die Planwirtschaft war stark durch das SED-Regime geprägt, alles wurde von einer Stelle in Berlin zentral vorgegeben. In der DDR fehlte der Wettbewerb und der Markt – also alles, was den Kapitalismus ausmacht. Deshalb holte die Politik Manager und Unternehmer aus dem Westen, die die Treuhand führen sollten, weil die ja am besten wissen, wie Marktwirtschaft funktioniert. 

Die Treuhand-Zentrale in Berlin, Leipziger/Ecke Otto-Grothewohl-Straße  (Foto: Hubert Link / ZB - Fotoreport)

In der ehemaligen Treuhand-Zentrale in Berlin ist heute das Bundesfinanzministerium untergebracht. 1992 wurde das Gebäude Detlev Rohwedder gewidmet, dem ermordeten Chef der Treuhand

(Foto: Hubert Link / ZB - Fotoreport)
 

Als die Treuhand 1994 einen Großteil ihrer Aufgaben erledigt hatte, hinterließ sie knapp 270 Milliarden D-Mark Miese statt, wie erhofft, 600 Milliarden DM Gewinn. Von vier Millionen Arbeitsplätzen waren nur 1,5 Millionen übrig geblieben. Wie kam es dazu?

Man geht davon aus, dass nur ein Drittel der Betriebe rentabel wirtschaftete. Die Planwirtschaft hatte zum Ende der DDR eine Menge Probleme: Man war von westlichen Technologien abgeschottet, viele Betriebe wurden ineffizient geführt, Arbeiter hatten keine sinnvollen Aufgaben und wenig zu tun. Dazu kam eine starke Umweltverschmutzung. Es war klar, dass sich schnell etwas ändern musste, um in der Marktwirtschaft zu bestehen. Das, was im abgeschotteten Sozialismus vielleicht noch viel wert war, war unter der Bedingung des offenen Wettbewerbs auf europäischer und globaler Ebene eben nichts mehr wert.

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Marcus Böick

Marcus Böick, 1983 in Sachsen-Anhalt geboren, hat zur Treuhandanstalt geforscht und arbeitet als Historiker an der Ruhr-Universität Bochum

Wobei die staatliche Versicherung sehr schnell an die Allianz in München verkauft wurde, Teile der DDR-Staatsbank wurden von Deutscher und Dresdner Bank übernommen, Konsum hieß bald Aldi …

Es gab Bereiche, die sehr attraktiv waren: Finanzdienstleistungen, Transport, Zeitungen, Bauwesen, Gesundheitswesen, Tankstellen, Hotels. Da war klar: Das wird auch in Zukunft nachgefragt. Die Investoren standen Schlange, und die Treuhand musste aufpassen, dass Betriebsdirektoren nicht an ihr vorbei irgendwas verkauften. Mehrheitlich musste sie sich aber um sehr große Betriebe aus der Schwerindustrie, um Bergbau, Werften oder Automobil- und Textilfabriken kümmern. Dafür gab es nach der Wende einfach keine Nachfrage mehr. Die Kapazitäten konnte man relativ einfach aus der eigenen westdeutschen Produktion bespielen. Und gerade bei diesen oft gigantischen Betrieben, die wie Steine im Schaufenster der Treuhand lagen, kamen die Konflikte auf.

Das Vorgehen der Treuhand führte zu großem Protest. Menschen gingen zu Montagsdemos auf die Straße, die Belegschaft in einem Bergwerk trat in den Hungerstreik, 1991 ermordete mutmaßlich die Rote Armee Fraktion den Treuhand-Chef Rohwedder. Welche Fehler hat die Treuhand gemacht?

Die rund 4.000 Mitarbeiter standen unter extremem Druck. Sie konnten sich nicht monatelang auf diese Aufgabe – für viele übrigens der Höhepunkt ihres Berufslebens – vorbereiten. Aber einen Fehler hat man gewiss gemacht: Die kulturellen Fragen und Aspekte der Anerkennung wurden unterschätzt. Vieles hat man von oben herab, sehr schnell und sehr technokratisch entschieden. Die Entscheidungen fällten Manager aus dem Westen, die sich für die harten betriebswirtschaftlichen Dinge zuständig fühlten. Mit allem anderen sollte sich die Politik beschäftigen, doch die hielt sich bewusst im Hintergrund. Diese kulturellen Reibungen zwischen Ost und West wurden aber nie richtig behandelt und verarbeitet.

„Zwischen den Abteilungen der Treuhand gab es einen regelrechten Privatisierungswettstreit.“

Viele bewegt die Frage, ob die Treuhand wirklich so radikal und so schnell handeln musste.

Die Chefin Birgit Breuel hatte das Motto ausgerufen: „Wir müssen uns so schnell wie möglich überflüssig machen.“ Tatsächlich gab es zwischen den Abteilungen einen regelrechten Privatisierungswettstreit.

Ein Vorgehen, das auf viel Kritik stieß.

Es gab durchaus auch Reibungen zwischen den Treuhand-Mitarbeitern. Einige Manager hätten lieber mehr Zeit für Sanierungen in Eigenregie gehabt. Anderen wiederum ging es mit den Verkäufen noch immer nicht schnell genug. Dieser Gegensatz spielte auch an der Spitze eine gewisse Rolle: Während Rohwedder anfangs noch stärker auf eigene Umbaumaßnahmen setzen wollte, setzte seine Nachfolgerin Breuel auf eine schnellere Gangart. Auch außerhalb war dies enorm umstritten: Vielen Kritikern ging es einfach zu schnell. Die Betriebe hätten erst mal für einige Jahre in staatlichem Besitz bleiben können; statt schneller Privatisierung also eine langfristige Sanierung. Um solche Fragen zu klären, fordern mehrere Parteien gegenwärtig Untersuchungsausschüsse zur Treuhand.

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 Personalabbau bei der Buna AG, Treuhand-Demonstration, Berlin, 1992

„Wie Steine im Schaufenster der Treuhand“: Einige Großindustrien konnten auf dem Weltmarkt nur schwer bestehen …

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Personalabbau bei der Buna AG, Treuhand-Demonstration, Berlin, 1992 (Foto: Daniel Biskup/laif)

… wegen Personalabbau und drohenden Schließungen streikten und demonstrierten die Beschäftigten, so wie hier 1992 bei einem Chemieunternehmen in Sachsen-Anhalt

(Foto: Daniel Biskup/laif)

Seit 25 Jahren gibt es die Treuhand nicht mehr. Kann man dieses Kapitel nicht langsam abschließen?

Die Nachwendezeit prägt unsere Gegenwart bis heute sehr stark. Warum gibt es diese Ost-West-Konflikte noch? Warum finden viele Menschen in Ostdeutschland, dass Marktwirtschaft und Demokratie keine Erfolgsmodelle sind? Um die tieferen Ursachen dafür zu finden, müssen wir auch auf die Treuhand schauen.

Würden Sie sagen, dass der Osten tatsächlich vom Westen übernommen wurde?

Diese Frage ist stark umkämpft. Das sieht man auch daran, dass es noch kein allgemeingültiges Wort für das gibt, was da in den Jahren ab 1989 geschah. Viele sprechen von „Wiedervereinigung“ und „Einheit“. Linke Kritiker behaupten, dass der Westen den Osten „kolonisiert“ oder „übernommen“ habe. Das Tragische ist, dass die Ostdeutschen ihr Schicksal ja selbst gewählt haben.

„Es ist ein bisschen wie beim Brexit: Vielen Ostdeutschen waren die Folgen der schnellen Währungsunion nicht bewusst.“

Wieso? Weil sie etwa die friedliche Revolution angestoßen haben?

Das auch. Aber noch mehr, weil sie so schnell wie möglich die D-Mark und die West-Produkte wollten. Mit den ersten freien Wahlen im März 1990 entschieden sich die DDR-Bürger für eine sofortige Einheit und damit auch für eine rasche Wirtschafts- und Währungsunion. Das bedeutete aber auch einen dramatischen Umbruch der Wirtschaft mit vielen Betriebsschließungen und Massenarbeitslosigkeit. In den Augen vieler war dafür die verhasste Treuhand verantwortlich. Dabei war die Gründung einer Treuhand ursprünglich die Idee sogar von Oppositionspolitikern. Diese hatten am Runden Tisch vorgeschlagen, eine Institution zu gründen, die das Volksvermögen unter den gut 16 Millionen DDR-Bürgern aufteilt.

Uns beiden als DDR-Tischler hätte also jeweils ein Sechzehnmillionstel des Volksvermögens, rund 39.000 DM, zugestanden. Klingt doch gut.

Diese Idee war schnell vom Tisch. Am 1. Juli 1990 wurde im Eiltempo die D-Mark eingeführt. Der Wert der DDR-Wirtschaft schrumpfte dahin. Die Treuhand sollte das Volksvermögen nicht länger bewahren, sondern so schnell wie möglich verwerten und privatisieren. Es ist ein bisschen wie beim Brexit: Vielen Ostdeutschen waren die Folgen der schnellen Währungsunion nicht bewusst. Denn über Nacht wurden sie in die Marktwirtschaft entlassen. Es war eine ökonomische Schocktherapie. Die Treuhand wurde zur „bestgehassten Institution“ des Ostens und zum „Blitzableiter“ für den ganzen Frust. Alle negativen Aspekte der Wiedervereinigung werden in diese Bad Bank geschoben. Vor allem für ältere Ostdeutsche, die damals voll im Berufsleben standen, ist die Treuhand ein zentrales Symbol für eine „Abwicklung“ des Ostens. Das Gefühl der verweigerten Anerkennung von Lebensleistung durch Westdeutsche: Das gärt bis heute.

Titelbild: picture-alliance / dpa

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2 Kommentare
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Anna
  ·  
06.10.2019-10:10

Sehr interessant! Danke für das Interview - so verstehe auch ich als Nach-Wende-Wessi endlich mal die Zusammenhänge ohne lange recherchieren zu müssen :)

Rahel
  ·  
09.10.2019-12:10

Ich kann es als Nachwendegeneration im Osten auch mit unterschreiben.
Es gibt aber auch viel Unverständnis für viele Entscheidungen, die wie schon oben erwähnt wurde.
Meine Familie ist eindeutig ein Wendegewinner. Ich habe aber auch vor allem in Zittau und Oberlausitz eine gewisse Perspektivenlosigkeit in den Gebliebenen wahrgenommen. Trotz Universität und kleiner Industrien da hinten. Aus meinem Abijahrgang ist fast niemand mehr dort.
Ich bin kein Verlierer, aber ich spüre durchaus noch Wendefolgen.