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Das macht dann tausend Sternis

Das Spiel „Animal Crossing: New Horizons“ führt Kinder an ein friedliches Zusammenleben heran. Und an den Kapitalismus

  • 5 Min.
Animal Crossing New Horizons / Screenshot: Nintendo

Wer kennt das nicht: Alles ist prima, alle haben Spaß, bis die dicke Rechnung kommt. Eine Gruppe, die das nicht kennt, sind Kinder im ersten Lesealter. Bis jetzt. Selig grinsend sitzen wahrscheinlich einige von ihnen – neben Teenies und Erwachsenen – seit einer Woche vor „Animal Crossing: New Horizons“.

Das neue Nintendo-Switch-Spiel sieht sehr bunt aus, sehr idyllisch, die Marderhunde Nepp und Schlepp sind äußerst freundlich, und dann kommt ihr grinsender Chef Tom Nook und hat noch etwas Wichtiges, das er den Spielern feierlich überreicht. Ein Smartphone! Ach so – und die Rechnung.

 

Einen kurzen bösen Augenblick kippt der Ton der Erzählung. Genau ein Textfenster lang wirkt Tom Nook ehrlich bestürzt, irritiert, dass hier jemand meint, ohne die nötigen Sternis – so heißt die Währung in der niedlichen Welt – in ein Inselresort ziehen zu können.

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Vielleicht ahnen einige Kinder schon, dass ihre Eltern das Spiel sehr wohl bezahlt haben (es kostet 60 Euro) und dass sie in der kurzen Spielzeit nichts falsch gemacht haben können. Aber die kurze scharfe Spitze am Anfang dieser interaktiven Weltflucht führt bestimmt zu roten Wangen und weiten Augen in den jungen Gesichtern. Dann kommt die eigentliche Pointe: Tom Nook findet seinen fröhlichen Ton wieder. Natürlich ist das alles gar nicht schlimm, es gibt einen Plan, alles abzubezahlen – mit Lohnarbeit. Erledigt man Dinge für Nook, werden einem sogenannte „Nook-Meilen“ angerechnet. Die Lektion, die Spieler – egal welchen Alters – dabei lernen: Wer freundlich ist, der muss das nicht aufrichtig meinen. Vielleicht steckt einfach nur finanzielles Interesse dahinter.

Am 20. März ist „New Horizons“ für die Switch erschienen, die „Animal Crossing“-Serie (das neue Spiel ist das fünfte in der Reihe) hatte diese Pointe aber schon immer. Sie inszeniert die Idylle als Falle: Spieler wandern in ein Dorf aus, das von sprechenden Tieren bewohnt wird. Hier gehen sie spazieren, pflegen Freundschaften, angeln, jagen Insekten, fällen Bäume, jäten Unkraut. Alles in dieser Welt sieht nett und bunt aus. Misstöne? Gibt es kaum.

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Umso bedrohlicher ist die Figur des turbokapitalistischen Immobilienhais Nook. Er gibt allen Spielen der Serie den selben Rhythmus: Zuerst heißt er Spieler willkommen, dann gibt er ihnen einen Wohnraum, der anschließend abbezahlt werden muss. Doch kaum hat man eine Schuld getilgt, nervt Nook mit dem nächsten Extra, der nächsten Erweiterung, für die man sich in Schulden stürzt.

 

Dieser Zahlungsdruck lauert unter der Oberfläche jedes Spielzugs. Ein bisschen angeln gehen, sich Zeit lassen, die Stille genießen – das können die Spieler zwar. Aber wer trödelt, der bezahlt nicht einmal das Smartphone ab. Und wer faul ist, der kann sich auch kein Haus leisten. Der schläft im Zelt. Derweil haben die Nachbarn inzwischen ein Haus. Spricht man sie darauf an, prahlen sie, wie viel Platz sie jetzt hätten: Sie wohnen jetzt auf der Insel, statt hier nur zu hausen.

Natürlich macht das Eindruck. Natürlich will man jetzt auch ein Haus. Ab welchem Alter Spieler eine ironische Ebene erkennen können? Zumindest werden einige Kinder wohl merken, dass die Insel zwar schön, dass Schmetterlinge zu fangen toll und Dekorieren witzig, aber Tom Nook irgendwie doof ist.

Die Moral von der Geschichte? Nichts ist umsonst

Wie steht Nintendo zu seiner Figur? In einem Interview mit der Technikseite The Verge verteidigt der Produzent Hisashi Nogami den Immobilienhai: Er sei „fürsorglich“, aber eben „erwachsen“ und deswegen „vorsichtig im Umgang mit Geld“. Nogamis Gesichtsausdruck bei dem Interview ist nicht überliefert. Wenn er das ernst meint, begreift er den Kapitalismus wohl als Naturzustand und sein Spiel als ein Erziehungswerkzeug.

Denn: Wer möglichst viel interagiert, der wird belohnt. Das wirkt zuerst befreiend – schließlich gibt es unzählige Möglichkeiten, Geld zu verdienen. Aber es ist auch ein schleichendes Gift: Jede Begrüßung, jedes selbst entworfene Design ist nicht nur Ausdruck der Freude, es ist auch eine kalkulierte Interaktion, um dringend benötigte Meilen zu verdienen. Die Spieler lernen: Nichts hat einen Wert an sich; Sternis und Meilen sind es, was zählt.

Dass einer von Nooks Lehrlingen Schlepp heißt, könnte aber die eine oder andere Stirn zum Runzeln bringen. Und auch, dass manche Jobs wirklich sinnlos sind und die Werbung für das Spiel als schmieriges Teleshopping inszeniert ist. Vielleicht erkennen Spieler die mehr oder weniger absichtlich eingestreute kritische Dimension. Die logische Konsequenz? Sie müssten aufhören, „Animal Crossing“ zu spielen. Das ginge dann aber doch sehr weit. Das Spiel hat schließlich 60 Euro gekostet.

„Animal Crossing“ ist am 20. März für Nintendo Switch erschienen.

Titelbild: Nintendo

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

14 Kommentare
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Gast
  ·  
10.04.2020-01:04

Also dem Artikel stimme ich nicht zu. Ich finde man muss nicht überall Sachen hineininterpretieren und sie dadurch schlecht reden. Das Spiel macht vielen Spaß, also lasst diese Leute doch bitte einfach spielen.

Lotte
  ·  
14.04.2020-10:04

Das erste Mal, dass ich einen eurer Artikel lächerlich finde

fluter.de
  ·  
16.04.2020-12:04

Feedback ist super, ein Urteil gut, beim nächsten Kommentar kannst du das aber gern mit Argumenten unterlegen, liebe Lotte. Grüße aus der Redaktion!

Gast
  ·  
14.04.2020-12:04

Finde ich richtig ! Vor allem weil so viele Eltern vergessen ihren Kindern die richtigen Werte bei zu bringen. Das ist keine schöne Wahrheit auch wenn sich diese Regel „Nichts ist umsonst“ nicht nur bei Animal Crossing zu erkennen ist. Guter Beitrag. Finde ich gut man muss jede Ecke kritisch hinterfragen um ein Eigenständig denkender Mensch zu sein. lG

Gast
  ·  
14.04.2020-12:04

Da hat aber jemand das Spielkonzept von Animal Crossing grundlegend falsch verstanden. Es geht ja eben darum, dass man nichts MUSS.
Das fängt schonmal damit an, dass man keinerlei Zwang hat, seinen Kredit abzubezahlen. Es gibt keine Frist, keine Zinsen. Wenn ich will, kann ich jahrelang einfach in meinem Zelt weiterleben. Die Aussage im Artikel, dass man im Zelt lebt während seine Nachbarn ein Haus haben ist falsch: Nur wenn man sich selbst entscheidet, sein Haus auszubauen, ziehen sie nach.
Abgesehen davon kann man auch den Kredit abbezahlen und dann ablehnen, dass das Haus weiter ausgebaut wird, wenn man das nicht will. So entstehen auch keine neuen Kosten.

Fische und Insekten haben nicht nur den Zweck Geld zu bringen. Genau so gut kann man sich zum Ziel setzen, alle Arten einmal gefangen zu haben. Oder mit Freunden ein Angelwettbewerb veranstalten. Oder man geht fischen, weil es schlicht und ergreifend entspannend ist den Wellen zu lauschen während man auf Fische wartet.

Aber an "Jede Begrüßung, jedes selbst entworfene Design ist nicht nur Ausdruck der Freude, es ist auch eine kalkulierte Interaktion, um dringend benötigte Meilen zu verdienen." merkt man schon, dass es für den Autoren anscheinend ein fremdes Konzept ist Dinge zu tun, nur weil sie Spaß machen.

Kapitalismuskritik ist gut und wichtig, aber man muss nicht überall den Teufel hineininterpretieren.

Nina
  ·  
14.04.2020-12:04

Sehe ich ganz anders. In keinem der Teile zwingt Nook doch dazu irgendetwas abzubezahlen. Hol dir ein Haus und lass den Kredit offen - wen juckt es? Oder penn halt weiter im Zelt, auch da zwingt dich niemand zu. Ich spiele das Spiel seit der ersten Generation, da war ich zwischen 5-7 Jahre alt und ich habe die genannten gerade zum ersten Mal gemacht. Habt ihr da mit jungen Menschen drüber geredet oder sind das bloße Behauptungen ohne Grund, weil innder Corona Zeit die Neuigkeiten ausgehen? Animal Crossing ohne Geld wäre Minecraft. Dann spiele ich halt Minecraft. Wie soll das Spiel denn sonst aussehen?

Lara
  ·  
14.04.2020-03:04

Das ist ein Witz, oder? Ich spiele Animal Crossing seit 15 Jahren und Nook fand ich nie Scheiße. Wenn mann seine Miete nicht bezahlen will, dann soll man es nicht tun. Dann haste aber auch nicht sonderlich viel Spielspaß. Kannst die Fische ja in oder vor dein Haus stellen, bis die Insel aus allen nähten Platzt, statt sie zu verkaufen. Dazu zwingt dich niemand. AC lässt sich nämlich auch mit Schulden spielen. Noch nie habe ich gehört, dass jemand Tom Nook blöd findet, es ist eine Mechanik des Spieles um dazu angetrieben werden es zu spielen. Wenn das zu heavy ist, sollte man vielleicht Minecraft spielen.

Gast
  ·  
15.04.2020-09:04

Kapitalismuskritik ist gut und wichtig. Allerdings macht der oder die Autor/in sich das Ganze hier zu einfach. Das Spiel ist keinerlei auf Zwang aufgebaut. Für Items oder Häuser müssen z.B. auch einfach nur Materialien von Bäumen gesammelt werden. Fische und Insekten kann man für ein Museum sammeln. Der ganze Artikel erinnert mich eher an die Argumentation von wegen: “wer Ballerspiele spielt wird später Terrorist“- „Wer Animal Crossing spielt wird später Kapitalist“

Jan Bojaryn
  ·  
15.04.2020-12:04

Herzlichen Dank für das Feedback!
Eine kleine Richtigstellung zu der Frage, wann Nachbarn mit ihren Immobilien angeben: Spielen mehrere Menschen auf derselben Switch, dann leben sie auf derselben Insel. Sobald ein Spieler dort ein Haus baut, tun das auch die tierischen Nachbarn. Leistet sich also ein Familienmitglied zuerst das Haus, dann tun es auch die Tiere auf der Insel. Und erzählen anderen Spielern davon, die noch im Zelt leben müssen.

Aiko
  ·  
15.04.2020-07:04

Habe den neusten Teil zwar nicht gespielt, aber den bekanntesten damals für den DS. Das Prinzip ist das gleiche. Ich war 10. Und Nook fand ich nie super, aber er verlangt keine Zinsen und man kann sich nach jedem getilgten Kredit neu entscheiden, ob man das Haus ausbauen will. Meine Eltern haben mir was Geld angeht die richtigen Werte beigebracht und da kann ein kapitalistisches Spiel auch nichts mehr machen. Die meisten (ja, auch Kinderspiele) sind "kapitalistisch", sobald eben eine Währung dazukommt. Man muss eben für alles bezahlen. In Animal crossing ist lediglich der erste Kredit für das Smartphone kapitalistisch zu betrachten, danach kann man sich entscheiden und jahrzehntelang die Seele baumeln lassen, ohne den Kredit abzubezahlen. Es ist die Aufgabe der Eltern den Kindern den Wert des Geldes beizubringen, und ich finde das Geldsystem in AC immernoch sehr gut.

Der Doktor
  ·  
16.04.2020-12:04

[…]

fluter.de
  ·  
16.04.2020-12:04

Teile des Kommentars haben wir entfernt: Unsere Netiquette verbietet Beleidigungen und unbelegte Anschuldigungen.

Genosse A
  ·  
23.04.2020-10:04

Ich bin Antikapitalist aber liebe Animal Crossing. Und warum? Weil Währung nicht nur ein Merkmal des Kapitalismus ist, sondern auch ein wesentlicher Bestandteil von Sozialismus oder Mutualismus. Außerdem fallen die "Sternis" von Bäumen, man bekommt sie geschenkt, man kann sie ausgraben, man kann sie in Steinen finden und man kann sie sogar eingraben um einen Geldbaum zu pflanzen. Animal crossing zeigt meiner Meinung nach, dass das Prinzip von Geld als tauschmittel nicht gänzlich unmoralisch ist solange jeder die gleichen Chancen hätte, niemand benachteiligt wird und Arbeit/Aufwand noch etwas wert ist. Das sind ja im Endeffekt die Hauptpunkte die uns am Kapitalismus stören.

Nelli
  ·  
13.05.2020-10:05

Super Rezension! Auch wenn es viele nicht wahr haben wollen, das Spiel, Nook und das soziale Umfeld drängen einen Spieler ganz offensichtlich dazu, Schulden zu machen, um möglichst schnell viel freizuschalten oder mit anderen mithalten zu können. Wie viele wollen schon ewig in einem Zelt leben?

Danke für die kritische Bewertung! Bin mal gespannt, wie lange der Hype während und nach Corona noch anhält. Mal abgesehen davon, dass die Animation furchtbar kindchenschema-super-rtl-kitschig ist.