Thema – Identität

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Die Wahlverwandtschaft

Der niederländische Fotograf Dustin Thierry ist der Chronist der europäischen Ballroom-Szene. Aus ganz persönlichen Gründen

Foto: Dustin Thierry

Berühmt wurde Voguing Ende der 1980er-Jahre. Erfunden hat den an die Posen der Laufsteg-Models angelehnten Tanzstil die New Yorker LGBTIQ-Szene. Bei sogenannten Bällen treten verschiedene „Houses“ gegeneinander an. Diese „Houses“ haben auch eine soziale Dimension: Oft sind sie eine Art Ersatzfamilie für marginalisierte Jugendliche. Typischerweise haben sie eine „Mother“ oder auch einen „Father“, die oder der dem „House“ vorsteht. Seit einigen Jahren ist auch eine europäische Ballroom-Szene sehr aktiv.

fluter.de: Wie bist du in die Ballroom-Szene gerutscht? 

Dustin Thierry: Auf der Kunsthochschule habe ich „Paris is Burning“ gesehen und mich für die Szene interessiert. 2013 war ich dann Resident-Fotograf in dem Jazzclub Bird in Rotterdam. Da habe ich Amber kennengelernt, die Mutter vom House of Vineyard, als sie ihre erste Party veranstaltet hat. Ich habe für sie die ersten Flyer und Poster gemacht und war dann mit ihnen viel auf Festivals unterwegs. 

Hattest du als Hetero auch mal das Gefühl, vielleicht nicht der Richtige für den Job zu sein?

Eigentlich nicht. Klar, viele waren erst mal misstrauisch, haben Fragen gestellt, was ich über die Sache weiß und warum ich das mache. Ich spiele mit offenen Karten, ich zeige die Bilder, ich sage, warum es mir wichtig ist, das zu dokumentieren, und da sind wir dann schnell bei einem Austausch. Da entsteht Wärme, ich fühle mich sehr willkommen, würde mich auch mehr willkommen fühlen in der Ballroom-Community als bei einer Hip-Hop-Party. 

Ein paar Jahre hast du nicht mehr fotografiert. 

Ja, weil meine Kamera in Paris gestohlen wurde. Das war schlimm. Ich hab meine Jobs verloren, mein Einkommen, mein Zuhause. Die Ballroom-Events verfolgte ich dann eine Weile nicht mehr. Bis 2016. Da hat sich mein Bruder umgebracht – nach seinem Coming-out. Dann habe ich wieder angefangen. Das Projekt ist ihm gewidmet. 

War dein Bruder in der Ballroom-Szene?

Nein, war er nicht. Aber ich denke immer, das hätte ein Zuhause für ihn sein können. Und ich hätte es ihm so gerne gezeigt. Er ist wie ich auf Curaçao in der Karibik geboren und hat dann in den Niederlanden studiert. Er war ein sehr guter Skater, er war auch ein sehr guter Bassist in einer Band. Er ist nach dem Studium zurück nach Curaçao, wollte aber wieder nach Europa. Und er wollte auch fotografieren, sagte er mir am Telefon. Ich dachte, ich könnte ihn mit der Queer-Community zusammenbringen. Fünf Tage später hörte ich dann, dass er von einer Brücke gesprungen ist. Ich wollte diesen Verlust mit meiner Fotografie verarbeiten. Immerhin hatte ich meine ersten Fotos mit seiner kleinen Kamera gemacht. Ich habe einen Kodak-Gold-Film mit 36 Aufnahmen in den Sarg gelegt. Ich werde für ihn Fotos machen, eines Tages können wir uns die dann zusammen anschauen. Die Szene hat mich sehr herzlich wieder aufgenommen. Als Teil der Familie.

Ist die Ballroom-Szene ein sicherer Hafen für viele afrokaribische Kids? 

Auf jeden Fall. Die afrokaribische Community ist sehr macho. Und überhaupt recht rigide, was Abweichungen angeht. Ich weiß noch, als Kind stand ich auf Marilyn Manson. Und alle fragten sich, warum ich nicht zu Salsa tanze. In der Geschichte des Selbstmords meines Bruders steckt schon diese Verengung des Blicks drin. Es gibt eine sehr genaue Vorstellung, wie wir uns als männliche Körper präsentierten sollten. Und dann existiert ja immer noch viel Gewalt gegen queere Menschen. Nur 200 Meter von meiner Wohnung entfernt wurden im Januar vier Kids angegriffen, einer starb, zwei davon waren schwarz. Auf der ganzen Welt kommt das vor. Außerdem wird man ja auch systematisch benachteiligt – auf dem Jobmarkt etwa.

Auf deinen Fotos sind sehr viele afrokaribische Menschen zu sehen. Ist das repräsentativ für die Szene? 

Nicht unbedingt. Bei dem Projekt geht es um die black queer bodys. Die wurden in der Foto-Landschaft bislang nicht ausreichend abgebildet. Ich habe mit einem Anthropologen zusammengearbeitet von der Uni Amsterdam. Deshalb der Fokus auf die Schwarzen. Die anderen haben mich auch irgendwann gefragt, ob ich sie fotografieren wollte. Ich fühlte mich dann verpflichtet, sie auch zu fotografieren. Das wäre ja auch eine Auslassung. Die Szene ist sehr gemischt. Und es macht mir wirklich Hoffnung, wie die miteinander umgehen. Wie black gay kids sich durch diese Kultur ausdrücken, wie sie gemeinsam nach Paris fahren, da neue Leute kennenlernen, und da auf eine Reise gehen, ihre Persönlichkeit entwickeln. 

Bei den Bällen dreht sich alles um den ganz großen Auftritt – um Luxus. 

Klar, deshalb habe ich das Projekt ja auch „Opulence“ genannt. Diese Luxus-Nummer, ich sehe das immer so, die steht für das, was man haben hätte können. Auch in einem postkolonialen Kontext: Wir Schwarze könnten dieselben Annehmlichkeiten haben, wenn der Wohlstand und die Chancen fair verteilt wären. Wenn ich auf Ballroom-Events Kategorien wie „Executive Realness“ sehe, wo man als Geschäftsmann auf die Bühne kommt, oder „School Boy Realness“, wo Kids aus gutem Hause nachgespielt werden, dann sind das Fantasien, wer man gerne wäre. Und tatsächlich wirken diese Auftritte ja auf die Mode und Beauty-Industrie zurück: Wenn man sich den Instagram-Feed von Prada anschaut, dann kann den Einfluss von Ballroom total genau sehen. Die Szene könnte da durchaus mehr davon profitieren – und wenn meine Fotos dazu einen Beitrag leisten: umso besser. 

Als 1990 die Doku „Paris is Burning“ über die New Yorker Szene rauskam und für Furore sorgte, fühlten sich einige der Protagonisten anschließend ausgenutzt. 

Ich finde die Ansicht überholt, dass Heterosexuelle in diesen Räumen verboten sein sollten. Viele sagen, dass sie jemanden bräuchten, der für sie spricht. Ich selbst brauche auch weiße Menschen, die in öffentlichen Räumen für mich sprechen – manchmal jedenfalls. Man kann sich da schon unterstützen. Und es ist wichtig, dass Stimmen gehört werden, die sonst nicht repräsentiert werden. 

 

Die Fotos entstanden in Amsterdam, Rotterdam, Berlin, Mailand und Paris.

Aus dem Englischen übersetzt.

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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