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Typisch Mann

Das heißt für viele: stark sein, keine Emotionen zeigen. Nordafrikaner müssen sich an besonders starre Geschlechterrollen anpassen – findet der Fotograf Adlan Mansri und zeigt junge Männer, die ihr Mannsein anders leben

Foto: Adlan Mansri

Schwarze Jungs sind nie unschuldig: Sobald sie sprechen und laufen, packt die Gesellschaft sie in die Kategorie „Verbrecher“. So zumindest hat der algerische Fotograf Adlan Mansri es erlebt, der in Nordfrankreich aufgewachsen ist. „Ab diesem Moment müssen wir Stärke zeigen. Unsere Verletzlichkeit, Schwächen, Sanftheit oder Emotionen müssen wir verstecken, um in dieser Gesellschaft zurechtzukommen“, sagt er heute. Das Ergebnis sei oft eine Art toxische Männlichkeit – dabei ginge es auch anders. In Berlin hat Mansri Männer fotografiert, die aus nordafrikanischen Staaten nach Europa gekommen sind und sich mit der Frage auseinandersetzen: Was bedeutet Männlichkeit für mich?

Nordine: „Ich kann die Standard-Männlichkeit nicht bedienen“

Nordine: „Die Gesellschaft legt fest, was männlich ist. Geht es nach ihr, hat ein Mann bestimmte Charaktereigenschaften. Er kann zum Beispiel seine Gefühle verstecken. Ich kann diese Gesellschaft und ihre Standard-Männlichkeit nicht bedienen. Ich will es gar nicht. 

Mit meinen Tattoos und Bauchmuskeln verkörpere ich äußerlich vielleicht die klassische Männlichkeit. Gleichzeitig verstecke ich mich nicht, wenn ich weinen muss. Für mich ist das eher ein Zeichen der Stärke, nicht der Schwäche. 

Ich bin Franzose mit nordafrikanischen Wurzeln. In beiden Kulturen bedeutet Mannsein vor allem Machosein, besonders für Nordafrikaner. Ich lebe in totalem Widerspruch zu der Männlichkeit, die beide Kulturen von mir erwarten.“

Karim: „Unbedingt stark und männlich sein zu wollen finde ich gefährlich“

Karim

Karim: „Von People-of-Color-Männern wird oft maximale Männlichkeit erwartet. Nur so können sie sich in einer männerdominierten Gesellschaft Respekt verschaffen. Ich versuche, nicht darüber nachzudenken, wie männlich ich mich verhalte. Unbedingt stark und männlich sein zu wollen finde ich gefährlich. Es verhindert, dass unser Bild von Männlichkeit vielfältiger wird – und lässt die, die anders sind, mit wenig Selbstvertrauen zurück.“

Mustapha: „Für mich war Männlichkeit immer mit Gewalt, Zerstörung und Schmerz verbunden, was ich seltsamerweise ganz schön finde“

Mustapha: „Ich bin unter Frauen aufgewachsen. Mir fällt es schwer, das Konzept Männlichkeit zu verstehen. Für mich war Männlichkeit, besonders die arabische, immer mit Gewalt, Zerstörung und Schmerz verbunden, was ich seltsamerweise ganz schön finde.

Einiges von diesem Bild ist sicher auf mich übergegangen. Aber ich glaube nicht, dass es beim Mannsein um Härte oder Stärke geht. Es ist die Art, wie man auftritt, wie man sein Inneres nach außen zeigt und äußert. Das lässt viel Raum für Kreativität.

Heute weiß ich auch, dass Männlichkeit vollkommen losgelöst ist von der sexuellen Orientierung. In der Schule in Bagdad wurde ich heftig gemobbt, ich war verletzlich, zeigte es, und die anderen nutzten das aus. Ich denke, sie hatten Angst vor mir, weil ich mich nicht männlich zeigen musste, um ich zu sein. Männlichkeit ist eine Eigenschaft, die man braucht, um sich vor anderen zu schützen. Das ist eine traurige Definition, aber nach meinen Erfahrungen sehe ich es heute so.“

Adlan: „Ich habe eine Weile gebraucht, um zu merken, dass ich auf meine eigene Art männlich sein kann“

Adlan

Adlan Mansri (Fotograf): „Ich habe eine Weile gebraucht, um zu merken, dass ich auf meine eigene Art männlich sein kann. Das heißt: nicht dem entsprechen zu müssen, was andere Menschen von mir erwarten.

Das war früher anders, da habe ich versucht, die Klischees zu bedienen. Ich habe Menschen verletzt, ohne es zu merken. Heute weiß ich, dass ich ein solcher Mann nicht sein will. Ich fühle mich wohl als der, der ich bin, mit meinem Körper und meiner Männlichkeit. Um dahin zu kommen, musste ich verstehen: Es geht nicht darum, besonders männlich zu sein, sondern darum, man selbst zu sein!

Ich bin Nordafrikaner und stolz auf meine Wurzeln, aber habe viele Fehler gemacht und Menschen verletzt, weil mir beigebracht wurde, dass das als Mann in Ordnung ist. Heute tut es mir leid. Ich bin lieber sensibel und verletzlich. Und nicht verletzend.“ 

Adam: „Ich habe meine weibliche Seite entdeckt, und es macht mir Spaß, damit zu spielen“

Adam: „Bei Männlichkeit denke ich an Stärke, Selbstsicherheit, Kraft, Härte, Aggressivität, Unabhängigkeit und Ernst. Der Begriff an sich hat für mich weder mit Geschlecht, Sexualität oder Abstammung zu tun. Meine Mutter und die meisten Frauen in meinem Umfeld spielten beide Rollen: die männliche und die weibliche. Schon früh gehörten schwarze Frauen für mich zu den stärksten der Welt; geistig und emotional. Für mich sind sie das Fundament der Familie.

Ich habe meine weibliche Seite entdeckt, und es macht mir Spaß, damit zu spielen. Als schwarzer Mann bedeutet Maskulinität für mich: Überleben und die Kraft, stolz auf das, was ich bin, zu sein; einen Scheiß auf das zu geben, was andere denken. 

Männlich bin ich, weil ich ich selbst bin – nicht weil ich mich Rollenklischees anpasse. Dazu muss ich meine Bedürfnisse und Wünsche kennen.“

Protokolle aus dem Englischen übersetzt.

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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