„Manchmal kommt der Wind des Meeres selbst dahin, wo wir wohnen. Dann weht er durch die Straßen der Hood, und alles bleibt für einen Augenblick stehen.“

Nur etwa sechs Kilometer trennen Chiron und Kevin normalerweise von der Meeresbrise, die sie in dieser Nacht am weißen Strand Miamis atmen. Doch es liegen Welten zwischen ihrem Leben in der Hood und der sorgenfreien Existenz der Menschen hier. Die Hood, das ist das von Crack und Kriminalität geprägte Liberty City. Ein afroamerikanisches Stadtviertel, in dem nur Drogendealer zu Geld kommen.

Chiron und Kevin wachsen dort in den 1980er-Jahren auf. Nachts, wenn Chirons drogenabhängige Mutter ihn aus dem Haus wirft, um Freier zu empfangen, flieht er ans Meer, seinen Rückzugsort. Und hier kommen sich er und sein Klassenkamerad Kevin näher. Er wird der erste und einzige Mann sein, den Chiron je lieben wird.

Little, Chiron, Black

In „Moonlight“ erzählt Regisseur Barry Jenkins die berührende Geschichte von Chirons Heranwachsen, aufgeteilt in drei Kapitel. Wir begegnen Chiron zuerst als schüchternem, in sich gekehrten Zehnjährigen, der von seinen Mitschülern gehänselt und verächtlich „Little“ genannt wird. Ausgerechnet der in der Nachbarschaft gefürchtete Drogendealer Juan avanciert zu seinem Ziehvater. Er schenkt dem Jungen die Aufmerksamkeit und Geborgenheit, die Chiron zu Hause schon lange nicht mehr bekommt, und zeigt ihm, was Vertrauen bedeutet: zu anderen und in sich selbst. In einer wunderbaren Schlüsselszene des Films, wieder am Ozean, bringt er dem kleinen Chiron einfühlsam das Schwimmen bei. Für seine Verkörperung des vielschichtigen Juan hat Schauspieler Mahershala Ali gerade, neben vielen weiteren Auszeichnungen, einen Oscar erhalten.

„Ein Freund sagte mal zu mir: Ein schwarzer Drogendealer ist nur ein schwarzer Drogendealer. Doch da, wo ich groß wurde, stimmt das nicht“, erzählt Regisseur Jenkins, der selbst in den 80ern in Liberty City aufgewachsen ist. „Bei uns waren Drogendealer Väter, Freunde, Cousins.“

Diese Erfahrung machte auch Tarell McCraney, der nur wenige Straßen von Regisseur Jenkins entfernt groß wurde. McCraney ist der Autor des autobiografischen Theaterstücks „In Moonlight Black Boys Look Blue“, das Jenkins als Vorlage für sein Drehbuch diente. Wie Chiron wurde McCraney vom lokalen Drogenhändler in Obhut genommen, während sich seine drogensüchtige Mutter kaum noch um ihn kümmerte. Und so sehen wir Dealer Juan in „Moonlight“ nicht als stereotypen „Bad Boy“, wie ihn wohl viele andere Filme darstellen würden, sondern zart und menschlich.

„Bei uns waren Drogendealer Väter, Freunde, Cousins“

Genau solche feinfühligen Charakterdarstellungen zeichnen „Moonlight“ aus. Egal welchen Hintergrund wir als Zuschauer haben, wir blicken nicht einfach nur auf ein uns fremdes Leben, sondern wir identifizieren uns. Wir spüren Chirons Einsamkeit, sein Suchen nach Halt und erfahren unmittelbar, was es heißt, seine Homosexualität zu entdecken – in einem Umfeld, in dem Schwulsein tabu ist.

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Szene aus dem Film „Moonlight“: Kevin und Chiron treffen sich als Erwachsene in einem Diner (Bild: A24 / DCM)
In starken Armen: Regisseur Barry Jenkins hat „Moonlight“ für die Verfilmung um ein Kapitel erweitert, das vom erwachsenen Chiron erzählt. Aus dem schmächtigen Jungen ist der aufgepumpte „Black“ geworden (Bild: A24 / DCM)

Regisseur Jenkins erweiterte McCraneys Geschichte für die Verfilmung um ein drittes Kapitel, in dem Chiron als erwachsener Mann zu sehen ist, der jetzt nur noch „Black“ genannt wird. Während der zehnjährige „Little“ aus dem ersten und der jugendliche Chiron aus dem zweiten Kapitel schmächtig sind, hat sich „Black“ eine steinharte Hülle antrainiert. Er ist in die Fußstapfen Juans getreten und dealt in Atlanta mit Drogen. Doch hinter seinen lächerlich großen Muskeln und den goldenen Grillz verbirgt sich noch immer der junge Chiron. Der Außenseiter, der seine Sexualität und Persönlichkeit verstecken und in einer Welt klarkommen muss, die sein Anderssein nicht akzeptiert. Erst ein Anruf aus der Vergangenheit befördert endlich sein spätes, befreiendes Coming-out – und lässt „Moonlight“ mit dem Rauschen des Meeres enden. Ein Rauschen, so pur und bewegend wie der Film.

„Moonlight“ ist ein wichtiger Film in einer Zeit des politischen Umbruchs in den USA – und hat jetzt schon Geschichte geschrieben. Als erster LGBT-Film wurde „Moonlight“ mit einem Oscar als bester Film ausgezeichnet, Mahershala Ali ist der erste Muslim in der Geschichte der Academy Awards, der den Preis erhalten hat. Die Auszeichnungen sind auch ein deutliches Statement aus Hollywood zur Politik Donald Trumps, der nach seinem Amtsantritt sofort die Unterseite der LGBT-Community von der Webseite des Weißen Hauses entfernen ließ und Menschen aus mehreren muslimischen Ländern aus den USA verbannen will. Barry Jenkins rief bei seiner Dankesrede: „Wir werden euch nicht im Stich lassen. Wir werden euch nicht vergessen.“

„Moonlight“; Regie und Drehbuch: Barry Jenkins, mit: Mahershala Ali, Ashton Sanders, Janelle Monáe, 111 Min.

Titelbild: A24 /DCM