Thema – Erinnern

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Heißes Pflaster

Wer mit dem Auto von Westberlin in die BRD fuhr, musste die DDR durchqueren. Jede Fahrt auf diesen Transitstrecken konnte zum Abenteuer werden

  • Eine Pinkelpause
Autobahn

Mit der Autobahn verbinden viele die schönste Zeit des Jahres: die Ferien. Die Transitstrecken durch die DDR konnten einem aber jede Vorfreude nehmen. Für Transitreisende war es mitunter bedrückend. Es galt das Gebot: besser nicht auffallen.

Von 1961 bis zum Mauerfall war Westberlin eine Insel inmitten der DDR – mit dem Auto nur zu erreichen über eine der vier Transitautobahnen. Das Transitabkommen von 1971 sollte den Reiseverkehr zwischen Westberlin und der Bundesrepublik erleichtern, harte Regeln galten aber weiterhin. Wer nach München wollte, nach Frankfurt, Hamburg oder Köln ließ sich stundenlang durchrütteln auf den alten Betonplattenautobahnen, die schier endlos wirkten, da man in der DDR höchstens 100 Stundenkilometer fahren durfte. Niemand wollte von der Volkspolizei gestoppt werden und horrende Strafen zahlen. Beim unerlaubten Verlassen der Autobahn drohte ein Strafgeld, bei längeren Ausflügen gar die Verhaftung. Rasten durfte man nur an den Transitraststätten, wo West- und Ostdeutsche aufeinandertrafen, wo also auch die Stasi mithörte.

Die Grenzkontrollen waren ein solcher Thriller, dass der erste „Tatort“-Krimi auf der Transitautobahn spielte

Die innerdeutsche Grenze war berüchtigt für ihre Schikanen. Grundsätzlich war jeder Autofahrer verdächtig und wurde auch so behandelt. Die Volkspolizei der DDR suchte nach Schmuggelware, verbotener Literatur, besonders aber nach Republikflüchtigen, also DDR-Bürgern, die in den Westen wollten. 1983 verstarb ein 45-Jähriger während eines Verhörs am Grenzübergang. Ein Herzinfarkt – wie viele andere war er dem Grenzstress nicht gewachsen, dem zuvor schon der erste „Tatort“-Krimi von 1970 („Taxi nach Leipzig“) gewidmet war. Zum 30-jährigen Jubiläum des Mauerfalls unternehmen wir einen Roadtrip durch den innerdeutschen Grenzverkehr:

Ausfahrt I: Peter Bieber – Schmuggeln und geschmuggelt werden

In einem Schrank floh Peter Bieber aus der DDR, später half er anderen bei der Flucht in den Westen. Bis zum Oktober 1972

Ausfahrt II: Hans-Jürgen Hickethier – Kaffeepausen mit der Stasi

In den DDR-Raststätten saßen Ost- und Westdeutsche an einem Tisch. Ein Küchenchef beobachtete die gemeinsamen Brotzeiten über Jahre – genauso wie die Stasi

Ausfahrt III: Ludmilla Korb-Mann – Anhalten verboten

… schlecht für alle, die auf einer Transitstrecke eine Panne hatten

Ausfahrt IV: Stepan Benda – Heimliches Familientreffen

Zu Fuß flieht Stepan nach Westberlin. Den Osten vermisst er nicht, seine Familie dafür umso mehr. Also beschließt er, sie an einer Raststätte zu treffen

Ausfahrt V: Rafael Klust – Bananenrepublik

An der deutsch-deutschen Grenze haben nur die Spießer Schiss, dachte der Rafael Klust. Dabei war der Stress nur eine flapsige Bemerkung und eine Südfrucht weit entfernt

Bildmaterial: ZDFinfo

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

1 Kommentar
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Thomas Bormann
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17.02.2020-11:02

Tolle Geschichten sind das!
Ich habe auch schöne Transit-Geschichten erlebt, und zwar zwischen Hamburg und Berlin. Die Autobahn von Hamburg nach Berlin gab es erst ab 1981. Vorher war die Transitstrecke von Hamburg nach Berlin eine normale Landstraße (heute B5, damals in der DDR "F5"), die mitten durch Dörfer und Städte führte. Man sah viel vom Alltag in der DDR - der kam mir damals auf den ersten Blick sehr grau vor.
Das beste war: Man durfte diese Transitstrecke auch mit dem Fahrrad benutzen, musste allerdings die Etappe durch die DDR innerhalb eines Tages schaffen. Das waren immerhin gut 230 Kilometer von Lauenburg nach Staaken. Das habe ich gemeinsam mit vielen Freunden zwei Mal gemacht, im Juni 1980 und im Juni 1981. Offiziell durfte man mit dem Fahrrad zwar auch nur an der "Inter"-Raststätte Quitzow Pause machen, aber natürlich hält man als Radler öfter. Wenn wir uns in manchem Dort entlang der F5 müde auf einer Parkbank erholten oder in einem Bushaltestellen-Häuschen einen Regenschauer abwarteten, zogen wir wie Magneten Kinder an, die unsere West-Fahrräder bestaunten und uns mit Fragen löcherten. Ältere Menschen klopften uns auf die Schulter und sagten, wenn sie jünger wären, würden sie mitradeln. Aber andere Erwachsene, die noch nicht im Rentenalter waren, vermieden jeden Kontakt mit uns wilden Westlern, denn sie wussten: alles, was wir den Kindern über unsere Räder erzählten und jedes Schulterklopfen war streng genommen ein verstoß gegen das Transit-Abkommen.
Unvergessliche Transit-Erlebnisse!