Thema – Erinnern

ABO
Mediathek

Anhalten verboten

Auf den Transitautobahnen durch die DDR stehen zu bleiben, war strengstens untersagt. Schlecht für alle, die eine Panne hatten

  • 1 Min.
Trabis

Es ist 1984 und es nieselt. Ludmilla Korb-Mann schaltet die Scheibenwischer ein – und gleich wieder aus. Aus irgendeinem Grund nämlich kommt keine Flüssigkeit heraus. Ohne verschmiert die Scheibe nur. 

Neben ihr sitzt ihre Freundin Betty, hinter ihnen schlafen ihre Töchter. Sie fahren auf der Transitautobahn A9, in südlicher Richtung, nach Reitzenstein in Bayern. Der Kindergarten der Mädchen hat einen Ausflug aufs Land organisiert: Auch die Berliner Kinder sollen mal Ferien auf dem Bauernhof machen. Ein Spaziergang durch den Tiergarten bis zur Mauer und zurück reicht als Naturerlebnis auf Dauer nicht aus. BRD-Bürgerinnen wie Ludmilla und Betty genießen Reisefreiheit. Doch für viele Westberliner beginnt und endet sie auf den Transitstrecken in der DDR, die den Westteil der Stadt umgibt.

Die Reifen der anderen Autos schleudern Dreck gegen die Windschutzscheibe. Die Sicht wird immer schlechter. Ludmilla überlegt, an die Seite zu fahren und auf Hilfe zu warten, aber die Chance ist gering: Anhalten ist auf der Transitstrecke abseits der Tankstellen, Intershops und Raststätten strengstens verboten. Die DDR-Bürger, die mit ihren Trabants und Wartburgs auch über die Transitstrecken fahren dürfen, wollen der Stasi um keinen Preis auffallen – schon gar nicht mit einer Pannenhilfe für den Klassenfeind.

Für die Soldaten kommt Ludmilla sogar als Spionin infrage

In der Ferne sieht Ludmilla mehrere Lastwagen. „Vielleicht helfen die uns“, sagt sie. „Bist du verrückt?“, entgegnet Betty. „Das dürfen wir nicht.“ Die Wagen sind militärgrün. Sie gehören der Sowjetarmee, die in der DDR stationiert ist. Doch da steuert Ludmilla bereits an den Straßenrand. Die Soldaten stehen im Schutz der Bäume und rauchen. Ludmilla weiß: Mit ihrem Mercedes und West-Kennzeichen gehört sie zur „anderen Seite“, mit ihrem polnischen Dialekt aber auch nicht ganz in den Westen. In den Augen der Soldaten kommt sie womöglich sogar als Spionin infrage.

Ludmilla steigt aus dem Auto. „Die Scheibenwischer sind kaputt. Könnt ihr uns helfen?“

Überrascht sehen sich die Soldaten an. Keiner sagt etwas. Eine kleine, stille Ewigkeit am Rand einer tosenden Straße. Bis einer nickt und ein zweiter ans Auto tritt, immer noch wortlos. Er öffnet die Motorhaube, löst einen Schlauch und bläst zweimal kräftig hinein. Dann nimmt er eine Anstecknadel von seiner Uniform und durchsticht damit die Düsen der Scheibenwischer. Auf sein Zeichen legt Betty den Hebel neben dem Lenkrad um. Die Flüssigkeit spritzt auf die Scheibe.

„Vielen Dank“, sagt Ludmilla. Der Soldat antwortet nicht. Er reibt die Hände an seiner Hose, schlägt die Motorhaube zu und kehrt zu seinen Kameraden zurück. Bis zur westdeutschen Grenze sind es noch 120 Kilometer.

Zurück auf die Autobahn

Titelbild: ZDFinfo

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

0 Kommentare
Meine Meinung dazu...
Die Angabe eines Namens ist freiwillig. Ich willige mit "Speichern" ein, dass die bpb den ggf. angegebenen Namen zum Zweck der Prüfung und Veröffentlichung meines Kommentars verarbeitet. Sie können diese Einwilligung jederzeit widerrufen. Ausführliche Informationen zu Datenschutz und Betroffenenrechten finden Sie hier: Datenschutzerklärung