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Kaffeepausen mit der Stasi

In den DDR-Raststätten saßen Ost- und Westdeutsche an einem Tisch. Der Küchenchef Hans-Jürgen Hickethier beobachtete diese gemeinsamen Brotzeiten über Jahre – genauso wie die Stasi

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Grenze

Es ist 1983 und das Jahr neigt sich dem Ende zu. Im Winter ist die Raststätte Ziesar besonders voll: Die Menschen wärmen sich auf, essen, vertreten sich die Füße. Der Küchenchef Hans-Jürgen beobachtet sie. Ihre Stimmen hallen durch das Restaurant. Das Übliche: Wo kommen Sie her? Wo fahren Sie hin?

Die einen erzählen von Tirol, die anderen vom Harz. Hier fallen sich zwei in die Arme, die sich in Ziesar nach langer Zeit wiederzusehen scheinen, dort bedient Kellnerin Hildegard gerade wieder den Lkw-Fahrer. Die hätten sich ineinander verguckt, die Kellnerin und der Wessi, erzählt man sich in der Küche. Immer öfter erscheine er genau zu Hildegards Schicht.

Hier unterscheiden sich Ostdeutsche und Westdeutsche nur durch die Währung, mit der sie bezahlen

Die Raststätte ist ein besonderer Ort. Der einzige, an dem sich Ost- und Westbürger in dem geteilten Land einfach so begegnen können. Hier sitzen sie an einem Tisch und essen, was Hans-Jürgen auf die Teller bringt. In Ziesar unterscheiden sich Ostler und Westler nur durch die Scheine, mit denen sie zahlen. Trotzdem ist die Atmosphäre angespannt: Die Stasi ist nie weit weg.

Ihre Agenten mischen sich unter die Gäste, belauschen Gespräche und überwachen Raststätte und Restaurant mit Kameras. Sie suchen nach Flüchtigen und Fluchthelfern, nach Schmugglern und politischen Widerständlern.

Für das Pausenvolk sind sie nicht zu erkennen, für Hans-Jürgen schon: Es sind dieselben Gesichter, jeden Tag. Morgens kommen sie kurz nach ihm, abends fahren sie mit ihm wieder nach Hause. Einmal trifft er einen zufällig beim Einkaufen zu Hause und grüßt instinktiv. Für Hans-Jürgen sind die Stasi-Leute wie Kollegen. Er schert sich nicht um die Spitzelei. Er weiß, dass die Stasi in der Raststätte einen eigenen Raum hat. Er weiß, wo dieser Raum ist. Aber er hat ihn nie betreten. Hans-Jürgen hat andere Dinge im Kopf …

Im Dezember 1989, kurz nach der Wende, betritt ein Ehepaar das Restaurant in Brandenburg an der Havel, das Hans-Jürgen betreibt, seit er in Ziesar hingeschmissen hat. Es sind der Lkw-Fahrer und Hildegard. Sie haben gewartet, aufeinander und bis zum Mauerfall, mit dem 1983 noch niemand rechnen konnte.

Zurück auf die Autobahn

Titelbild: ZDFinfo

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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