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Flowerpower im Rollstuhl

Die Netflix-Doku „Sommer der Krüppelbewegung“ zeigt eine wenig bekannte Seite der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung

  • 3 Min.
Sommer der Krüppelbewegung

„Menschen haben mich nicht als Judy gesehen, sondern als jemand, der krank ist“ – diese Erkenntnis trifft Judith Heumann als noch kleines Kind wie ein Schlag. Nur im Camp Jened, einem Sommercamp im Bundesstaat New York, an dem sie bis zu ihrem 18. Lebensjahr regelmäßig teilnimmt, ist das anders. Dort trifft Judy, die durch eine Kinderlähmung auf einen Rollstuhl angewiesen ist, auf andere Jugendliche mit verschiedensten körperlichen sowie geistigen Behinderungen und merkt: Sie ist nicht allein.

Im Camp sind die Jugendlichen einfach Jungen und Mädchen, die gemeinsam Musik machen, ihre ersten Dates und Freund*innen haben, knutschen, flirten, kochen. Doch in diesen Sommern passiert noch mehr: Inmitten der Hippie- und Bürgerrechtsbewegung der 60er- und 70er-Jahre politisieren sich Judy und viele ihrer Freund*innen. „Das Camp hat uns empowert, wir haben uns gegenseitig gestärkt.“ Dadurch inspiriert, gründete sie die Bürgerrechtsbewegung „Disabled in Action“.

Judy Heumann im Crip Camp (Foto: HolLynn D´Lil / Netflix)

Judy Heumann im Crip Camp

(Foto: HolLynn D´Lil / Netflix)

Die heute 72-Jährige ist eine der Erzähler*innen der Netflix-Dokumentation „Sommer der Krüppelbewegung“, die von dem ehemaligen US-Präsidenten Barack Obama und dessen Frau Michelle mitproduziert wurde. Der Film nimmt einen mit in eine Zeit, in der Menschen mit Behinderungen in vielen Bereichen der US-amerikanischen Gesellschaft diskriminiert wurden – sei es durch fehlende Rampen in Bibliotheken, Aufzüge in U-Bahn-Stationen, Zugänge zu Ausbildung und Arbeit oder Zeichensprache in TV-Nachrichten. Auch James „Jim“ LeBrecht, der für die Dokumentation gemeinsam mit Nicole Newnham das Drehbuch geschrieben und Regie geführt hat, hatte frühzeitig mit solchen Hindernissen zu kämpfen. Er hat einen offenen Rücken und sitzt seit seiner Kindheit in einem Rollstuhl. „Ich musste mich immer anpassen. Ich musste in eine Welt passen, die nicht für mich gemacht war.“

Barrierefreiheit? War Nixon zu teuer

Jahre später kamen die einstigen Camper*innen wieder zusammen. Und zwar an der University of California in Berkeley. Dort gründeten Studierende mit Behinderungen das „Center for Independent Living“, eine Art Beratungs- und Selbsthilfeangebot. Im Zuge der Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg formierte sich dann bei ihnen Protest. Der Grund: Die US-Administration weigerte sich, den „Rehabilitation Act“ umzusetzen, der die Gleichstellung und Antidiskriminierung von Menschen mit Behinderung sicherstellen sollte: Erst legte Präsident Nixon gegen den Gesetzentwurf ein Veto ein, da es ihm zu teuer erschien, alle öffentlichen Einrichtungen barrierefrei umzugestalten. Und dann weigerte sich Gesundheitsminister Joseph Califano unter Präsident Carter, das Gesetz zu unterschreiben.

Die Bürgerrechtsbewegung rund um seine Sprecherin Judy organisierte Besetzungen, Straßenproteste, Hungerstreiks und Auseinandersetzungen mit Kongressabgeordneten. Das Ziel der ehemaligen Camper*innen: endlich als gleichberechtigte Individuen an der Gesellschaft teilnehmen. Es wurde ein jahrzehntelanger Kampf, der auch unter der Reagan- und Bush-Senior-Präsidentschaft weiterging. Der deutsche Titel des Films „Sommer der Krüppelbewegung“ ist daher auch etwas irreführend: Ein Großteil der 108 Minuten dauernden Dokumentation beschäftigt sich schließlich mit den Folgen des Camps, der Bürgerrechtsbewegung von Menschen mit Behinderungen in den USA.

Der Film zeigt diese Reise der Aktivist*innen vom Camp bis auf die Straße in Form von Archivmaterial, musikalisch untermalt durch die Klänge der damaligen Zeit: Bob Dylan, Richie Havens, Buffalo Springfield. Der Film macht Spaß, teilweise wütend, aber zugleich auch Mut. „Sommer der Krüppelbewegung“ schafft es nicht nur, Menschen mit Behinderungen eine Stimme zu geben, sondern auch, sie als willensstarke Menschen darzustellen, die unverfälscht abgebildet werden. Zu Recht gewann der Film den Publikumspreis beim diesjährigen Sundance Film Festival – er würdigt eine bemerkenswerte Community, die gezeigt hat, was Zusammenhalt und Hartnäckigkeit bewirken können. Vielleicht motiviert er damit gar andere Menschen mit Diskriminierungserfahrungen, sich zusammenzuschließen und für mehr Gleichstellung einzustehen.

„Sommer der Krüppelbewegung“ (Originaltitel: „Crip Camp“, 2020) läuft auf Netflix.

Titelbild: Netflix

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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