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„Wie plump ihr mich damals gemobbt habt“

Früher hat unser Autor seinen behinderten Mitschüler gehänselt, heute sind sie Freunde. Ein Gespräch über Sex und Hörgeräte

Alex und Alex

Alex Raack: Ich habe dich das nie gefragt, aber: Warum bist du eigentlich taub?

Alex Plein: Ich bin von Geburt an hör- und sprachbehindert. Taub stimmt übrigens nicht. Richtig heißt es: An Taubheit grenzend schwerhörig. Etwas umständlich.

Wir kennen uns seit der siebten Klasse. Damals war ich ein Idiot. Ich weiß noch, wie ich dich immer auf dem Schulhof verarscht habe. Der Klassiker: dir einreden, du hättest laut gefurzt, hast es natürlich nicht gehört und müsstest dich nun bei allen dafür entschuldigen.

Ihr habt auch meine Hörhilfen versteckt oder mir den Bürostuhl geklaut, den ich im Unterricht brauchte. Viele waren damals gemein zu mir, auch du. Warum eigentlich?

Darüber habe ich oft nachgedacht. Ich kann es dir nicht sagen. Vermutlich aus Unsicherheit oder weil man damals lieber nach unten getreten hat, als selbst zu kassieren. Heute schäme ich mich dafür.

Ich glaube, du warst einfach überfordert mit der Situation und konntest nicht so auf mich eingehen, wie ich mir das damals gewünscht hätte. Zum Glück hat sich das in der neunten Klasse geändert.

„Wäre es nicht viel besser für dich gewesen, deine Eltern hätten dich auf eine spezielle Schule geschickt?“

Von da an habe ich mich ein bisschen für dich verantwortlich gefühlt. Was vermutlich vor allem mit meinem schlechten Gewissen zu tun hatte. Findest du es schlimm, dass unsere Freundschaft so begann?

Nein. Ich bin einfach froh darüber, wie sich das entwickelt hat. Irgendwann hast du angefangen, mich nach schlechten Noten mit Gags aus der „Wochenshow“ aufzuheitern und zu beschützen, wenn mir die anderen in den Hintern treten wollten. Das zählte.

Für mich bist du immer ein Außenseiter geblieben. Ich sage dir auch ganz deutlich, wieso: Selbst mir fiel es schwer, dich in der Schulzeit halbwegs vernünftig zu sozialisieren. Du konntest nicht hören, man hat dich nur sehr schwer verstanden, und zu allem Überfluss hattest du eine Gehbehinderung. Wäre es nicht viel besser für dich gewesen, wenn dich deine Eltern auf eine spezielle Schule geschickt hätten?

Das klingt vielleicht merkwürdig, aber ich fühle mich in Gesellschaft von Hörenden einfach wohler. Vermutlich, weil ich in einer hörenden Familie aufgewachsen bin. Das ist auch einer der Gründe, warum ich nie Gebärdensprache gelernt habe. Deshalb finde ich auch, dass es richtig war, mich auf eine „normale“ Schule zu schicken – dem Außenseiter-Dasein zum Trotz. Ich komme damit besser klar, als ihr denkt.

Du hattest noch nie eine Beziehung und wohnst mit 37 Jahren allein in einer Regensburger Studentenbude. Fühlst du dich nicht manchmal einsam?

Ja und nein. Einerseits vermisse ich jemanden, mit dem ich zu Hause einfach nur reden kann, ganz egal, ob das nun ein guter Freund oder ein Partner ist. Andererseits versuche ich einfach, das Beste aus meiner Situation zu machen. In bin Mitglied bei den „Jungen Liberalen“, habe einen Stammtisch, gehe ins Fitnessstudio und treffe mich regelmäßig mit meinen Leuten. Alles andere kommt noch, ich bin da ganz optimistisch.

Zum Beispiel Sex?

Du weißt schon, dass ich keine Jungfrau mehr bin? Ich hatte im Laufe der Zeit sehr schöne Erfahrungen, die ich anderen behinderten Menschen auch wünsche. Ich möchte Sex auf keinen Fall mehr missen.

War mir tatsächlich neu.

Inzwischen weiß ich längst, dass ich auf Männer und Frauen stehe. Aber einen festen Freund oder eine Freundin hatte ich leider noch nie. Wie geht es dir eigentlich als frisch Verheiratetem? Kannst du die Ehe empfehlen?

Ich kann dir auf jeden Fall die Liebe empfehlen, eine Hochzeit ist ja eigentlich nur die Krönung. Aber auch eine Aufgabe und Herausforderung. So wie jede Beziehung.

„Sag Bescheid, wenn ich dir beim Glücklich sein helfen kann“

Warum bin ich für dich ein guter Freund?

Du bist ein richtiger Vogel: einzigartig und mit einem großen Herz. Solche Typen verdienen Freundschaften, finde ich. Ehrlich gesagt fühle ich mich auch immer noch für dich verantwortlich. Und wer hält mich sonst über die Entwicklungen des englischen Königshauses oder das Werk von Zsa Zsa Gabor auf dem Laufenden?

(Lacht.) Mir war schon immer egal, was andere von meinen Hobbys denken. Mein Leben, meine Freiheit. Und du musst zugeben, dass Queen Mum wirklich eine außergewöhnliche Persönlichkeit war. Aber darüber sprechen wir ein andermal.

Dein Selbstvertrauen bewundere ich. Aber ich würde nicht mit dir tauschen wollen. Es muss hart sein, mit so einem Handicap durchs Leben zu gehen.

Heute kann ich darüber lachen, wie plump ihr mich damals gemobbt habt. Ich sehe meine Behinderung und die damit verbundenen Schwierigkeiten nicht als großes Problem. Das belastet mich nicht. Oder nicht mehr. Ich bin mittlerweile ganz bei mir und freue mich auf alles, was noch kommt. Wie ist es bei dir, bist du glücklich?

Mal mehr, mal weniger. Aber ich arbeite daran.

Okay. Sag Bescheid, wenn ich dir dabei helfen kann.

Das mache ich.

Foto: privat, Collage: Renke Brandt

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

1 Kommentar
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Theresa
  ·  
06.02.2020-05:02

Wunderschönes Gespräch, danke dafür!