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Schwarz-weißes Gedenken

Woodstock, wo vor 50 Jahren weiße Hippies feierten, kennt jedes Kind. Zeitgleich tanzten 300.000 Afroamerikaner in Harlem. Dieses Festival ist heute fast vergessen. Warum?

Harlem Cultural Festival (Foto:  PATRICK BURNS/NYT/Redux/laif)

Für die kunterbunte Hippie-Funkband Sly and the Family Stone waren die schwarzgekleideten Typen mit Sonnenbrillen, die sich da am 29. Juni 1969 vor ihrer Bühne aufgereiht hatten, etwas gewöhnungsbedürftig. Doch die New Yorker Polizei hatte sich schlicht geweigert, beim Auftritt der Band vor mehreren Zehntausend Menschen im Stadtteil Harlem für Ruhe und Sicherheit zu sorgen. Also waren die Black Panther eingesprungen, eine afroamerikanische revolutionäre Organisation mit martialischem Look. Die hatte jedoch nicht viel zu tun. Alles blieb ruhig. „Unsere Lieder, die Musiker, die wir getroffen haben, die Kameradschaft – alles war so wunderbar“, schwärmt der Bandgitarrist Freddie Stone heute noch.

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Abbey Lincoln (Foto:  CBS Photo Archive/Getty)

Auch ohne Hippies ziemlich hip: Die Jazzsängerin Abbey Lincoln trat beim „Black Woodstock“ auf, neben Stars wie Nina Simone oder dem jungen Stevie Wonder

(Foto: CBS Photo Archive/Getty)

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Harlem Cultural Festival  (Foto:  CBS Photo Archive / Getty)

Die kostenlose Konzertserie richtete sich vor allem an die schwarze Community und war bis dato eine der größten Feiern afroamerikanischer Musik

(Foto: CBS Photo Archive / Getty)

Ähnlich friedvoll verliefen alle sechs Wochenenden des Harlem Cultural Festival, das zwischen Ende Juni und Ende August 1969 in einem großen Park im nördlichen New Yorker Stadtteil Harlem über die Bühne ging. Die kostenlose Konzertserie war eine der bis dato größten Feiern afroamerikanischer Musik von Soul bis Jazz, bei der Superstars wie Nina Simone und Mahalia Jackson, B.B. King und Stevie Wonder jeweils kurze Auftritte mit ihren Hits hinlegten. Doch der Veranstaltungsreihe ging es nicht nur um Musik – sie wollte auch schwarzes Selbstbewusstsein demonstrieren. Die Musiker verlangten mehr Mitsprache, Bürgerrechte, Gleichheit im eigenen Land.


 

Auf der Bühne spielte die Funkband Sly and the Family Stone ihren Nummer-Eins-Hit „Everyday People“. Bandleader Sly Stone castete Musiker*innen unterschiedlicher Herkunft und Hautfarbe für seine Band. Auch deshalb war sie die einzige, die 1969 auf beiden Festivals spielte – einmal für die Hippies und einmal in Harlem.

Das Harlem Cultural Festival war ins Leben gerufen worden von dem früheren Nachtclub-Sänger und Entertainer Tony Lawrence. Er war bei dem damaligen New Yorker Bürgermeister John Lindsay vorstellig geworden, einem Republikaner, der sich bereits das Vertrauen der afroamerikanischen Gemeinden seiner Stadt erworben hatte, weil er sich regelmäßig in deren Vierteln blicken ließ. Lindsay war offen für Lawrence Idee und wies die städtische Parkverwaltung an zu kooperieren. 1969 hatte das Festival bereits zwei erfolgreiche Jahre hinter sich. Doch dieses Jahr sollte sich zum erfolgreichsten entwickeln: Insgesamt strömten an den sechs Wochenenden rund 300.000 Menschen in den Park.

Black Woodstock (Foto:  DONAL F. HOLWAY/NYT/Redux/laif)

Schatten unter den Bäumen im Park und keine Spur von Chaos. Anders sah es 150 Kilometer weiter nördlich aus, wo 400.000 meist weiße Hippies auf dem Woodstock-Festival in Regen und Schlamm feierten

(Foto: DONAL F. HOLWAY/NYT/Redux/laif)

Harlem Music Festival (Foto:  DONAL F. HOLWAY/NYT/Redux/laif)

Love and Peace gab’s vermutlich auch in der Spontanpredigt dieser Frau

(Foto: DONAL F. HOLWAY/NYT/Redux/laif)

Zur selben Zeit trafen sich rund 150 Kilometer nördlich rund 400.000 vorrangig weiße Hippies in Woodstock. Doch während die ihr Festival mit viel Organisationschaos in den Schlamm setzten, lief in Harlem alles wie am Schnürchen: kein Chaos, keine Verhaftungen, nicht mal eine Anzeige wegen Ruhestörung. Und während sich in Woodstock vor allem junge Menschen tummelten, mischten sich in Harlem die Altersgruppen und sozialen Schichten: Schulkinder, Jugendliche, Familien, Großeltern, christliche Priester, aber auch radikale Linke. Die Älteren eher schick in Anzug oder Kleid und mit Hüten, die Jüngeren mit Schlaghosen und Afros. Auch weiße New Yorker durften selbstverständlich teilnehmen.

Vielleicht auch, weil es dabei zu keinen spektakulären Zwischenfällen kam, ignorierten die Medien die friedlich Tanzenden in dem Harlemer Park weitgehend. Stattdessen richtete sich die gesamte Aufmerksamkeit auf das chaotische Hippiefestival in Woodstock. Schon im Oktober 1969 unkte die New Yorker „Amsterdam Press“, damals die führende afroamerikanische Zeitung der Stadt: „Die Welt wird Woodstock verherrlichen und Harlem vergessen.“ Schließlich, so die Zeitung, würde über die schwarze Community nur dann berichtet, wenn es Aufstände, Verbrechen oder sonstige Probleme gebe.

Black Woodstock (Foto:  WILLIAM SAURO/NYT/Redux/laif)

Keine Nachricht wert: Über die schwarze Community werde nur dann berichtet, wenn es Aufstände oder Verbrechen gibt, kommentierte eine Zeitung anschließend. Friedlich feiernde Schwarze? Eher uninteressant

(Foto: WILLIAM SAURO/NYT/Redux/laif)

 John Lindsay und Mahalia Jackson (Foto:  DONAL F. HOLWAY/NYT/Redux/laif)

Respect! Der New Yorker Bürgermeister John Lindsay stattete dem Festival einen Besuch ab. In der schwarzen Community war der Republikaner angesehen, weil er sich regelmäßig in deren Vierteln blicken ließ. Hier tritt er, umarmt von der Gospelsängerin Mahalia Jackson, vor die Presse

(Foto: DONAL F. HOLWAY/NYT/Redux/laif)

Die Zeitung sollte recht behalten. Nach dem Höhepunkt 1969 zerstritten sich der Initiator Lawrence und seine Geldgeber. Das Harlem Cultural Festival blieb letztlich nicht mehr als eine Fußnote in der Musikgeschichte. Nur eine einzige Verbindung gibt es zwischen dem berühmten Festival in Woodstock und dem vergessenen in Harlem: Die Hippie-Funkband Sly and the Family Stone ist als einzige Gruppe im Sommer 1969 bei beiden Veranstaltungen aufgetreten.

Titelbild: PATRICK BURNS/NYT/Redux/laif

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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