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Hallihallo, Hate Speech!

Der Kulturjournalist Jens Balzer hat zwei spannende Bücher geschrieben: eins über Pop und Populismus, eins über die Siebziger. Beide haben überraschende Parallelen

  • 4 Min.
Jens Balzer ( Foto: imago images / Votos-Roland Owsnitzki )

Spießig waren die Fünfziger, rebellisch die Sechziger, depressiv die Achtziger, verpeilt die Neunziger. Und die Siebziger? Die Dekade des Vokuhila, von Disco und linkem Terrorismus. Das Jahrzehnt der „Muppet Show“, der lila Latzhose, der Videospiele und der Anti-AKW-Bewegung. Es sind solche kleineren Zeitzeugenschaften, anhand derer der Kulturjournalist Jens Balzer in „Das entfesselte Jahrzehnt“ die 1970er-Jahre porträtiert.

Das Problem der Geschichtsschreibung in Jahrzehnten: Die Einteilung ist immer willkürlich. Die historische Entwicklung schert sich nicht um Jahresgrenzen. Jens Balzer weiß das wohl. Seine Siebziger beginnen im Sommer 1969: Hier die gekämmten Menschenmassen, die in Florida dem Start der Mondmission „Apollo 11“ beiwohnen; dort die ungekämmten Menschenmassen, die in Woodstock campieren, um Janis Joplin, The Who und Jimi Hendrix zu hören.

„Dieses Land schreit nach einem Führer“

Beide Ereignisse zeigen laut Balzer etwas Typisches für die Siebziger: eine „Dialektik aus Utopie und Utopieverlust“. Eine Sehnsucht nach einer erdumspannenden Gemeinschaft und die Vereinzelung der Menschen durch kollektive Enttäuschung. Denn kurz nach Woodstock begeht die Manson Family, eine kalifornische Hippiekommune, ihre Morde. Folgt man Balzer, nehmen bestimmte kollektive Fortschritte der Sechziger – der beginnende Feminismus, die Emanzipation, die sexuelle Revolution, der neue Mann – in den Siebzigern erst richtig Fahrt auf. Am Ende der Dekade machen sich auch Neofaschismus und Rassismus breit. Balzer hat immer die gesellschaftlichen Widersprüche im Blick. Das ist nicht nur produktiv, es liest sich auch gut.

So zitiert er David Bowie, der 1969 über Großbritannien sagte: „Dieses Land schreit nach einem Führer.“ Später, im Gewand seiner Kunstfigur des „Thin White Duke“, machte Bowie eine Geste, die ein Hitlergruß gewesen sein könnte – oder auch nicht. Balzer weist weiter (und zu Recht) darauf hin, dass der Nazirock im Windschatten des Punk entstanden ist. Wenn er aber schreibt, es gebe „eine direkte historische Linie, die vom Thin White Duke über die Sex Pistols bis zu Beate Zschäpe führt“, ist das eine arg steile These: Der Terror des Nationalsozialistischen Untergrunds hat viel mit direkten und indirekten Linien in der deutschen Geschichte zu tun – aber wenig mit den Verirrungen David Bowies oder des nicht besonders hellen Sid Vicious, der Hakenkreuze spazieren trug, als er bei den Sex Pistols Bass spielte.

Hier beginnt das Heute

Die schönsten Passagen beschert Balzer, wenn er sich den Raum nimmt, die popkulturellen Zeichen der Zeit im Detail zu lesen. Vor allem dann, wenn er sich Dingen widmet, die anderen als irrelevant erscheinen mögen. Etwa Perry-Rhodan-Groschenheften, deren Held im Verlauf der Siebziger vom Pseudofaschisten zum Pazifisten mutierte. Oder dem Trend zum Aufkleber und zum Button. „In der Sehnsucht nach Buntheit ist die Sehnsucht nach einer neuen Individualität verkapselt“, schreibt Balzer. „Man möchte aus dem grauen Alltag und aus der grauen Masse heraustreten.“

Als Popkritiker ist Balzer in seinem Element, wenn er erklärt, welche Rolle Pop dabei spielt, angestammte Lebensweisen radikal zu hinterfragen: „Dass viele Menschen etwas an der Welt verändern wollen, liegt ja auch daran, dass sie sich in dieser Welt fremd und einsam fühlen. Wer anders sein will, sucht deshalb nach anderen, die auf dieselbe Weise anders sein wollen wie man selbst.“ Also sammeln sich die Leute in Wohngemeinschaften, Szenen und Subkulturen. Und so hat Balzer natürlich recht, wenn er schreibt, die Siebziger seien das Jahrzehnt, in dem „unsere Gegenwart beginnt“. Was sich allerdings mit guten Gründen auch von den Sechzigern, den Achtzigern oder den Neunzigern behaupten ließe.

Wie hängen Pop und Populismus zusammen?

Und wie steht es popkulturell um unsere Gegenwart? Auch da weiß Balzer weiter: Sie bildet die gesellschaftliche Polarisierung ab. So lautet zumindest die These von „Pop und Populismus“, Balzers fast zeitgleich erschienenem Essay. Denn der Ton wird rauer: Es gebe eine Brutalisierung und eine Maskulinisierung, so Balzer, eine diskriminierende, rassistische, patriarchale, sexistische, homophobe Grundierung in weiten Teilen des Pop. Und viel Antisemitismus.

Seine Belege sind offensichtlich. Er findet sie nicht im Subsubsubkulturellen, sondern bei den Branchengrößen, bei Bands wie Frei.Wild, einem Sänger wie Andreas Gabalier oder Rappern wie Bushido, Kollegah und Farid Bang. Die haben musikalisch wenig, rhetorisch aber einiges gemein. Sie alle beherrschen den populistischen Dreischritt Grenzüberschreitung, Relativierung, Selbstviktimisierung.

Pioniere des Hate Speech

Es geht etwa los mit rassistischen und antisemitischen Reimen über Auschwitzinsassen wie bei Kollegah und Farid Bang oder mit dem Spiel mit Nazisymbolen wie dem Eisernen Kreuz bei Andreas Gabalier. Es folgen ein reflexhaftes „War nicht so gemeint“ und schließlich die Klage über den missgünstigen Mainstream, dessen Opfer man sei. Bloß: Wer lernt hier von wem? Balzers Theorie: Der Pop mit seinen reaktionären Fantasien, Haltungen und Begriffen nahm den politischen Populismus vorweg. Rapper wie Bushido gelten ihm als Pioniere des Hate Speech.

Dank Balzers theoriefreudigem Essay stellt man schnell fest: Mindestens die Provokation, eine der ältesten Gesten der Popmusik, scheint von den Rechten und Reaktionären ziemlich erfolgreich vereinnahmt. Stellte Elvis’ Hüftschwung die gängige Sexualmoral der 1950er-Jahre infrage, verschieben heute Rapper wie Gzuz mit einem gewalttätigen Sexismus bloß noch die Grenzen des Sagbaren: „Bring deine Alte mit, sie wird im Backstage zerfetzt. Ganz normal, danach landet das Sextape im Netz“ (aus „Wolke 7“). Zielten die Provokationen von Glamrock, Disco und auch frühem Hip-Hop häufig darauf ab, Diskriminierung zu überwinden und die Botschaft zu verbreiten, dass jeder so leben darf und soll, wie er möchte, geht diese Perspektive den zynischen Individualisten des Deutschrap völlig ab.

Man solle Künstler*innen ruhig stärker in die Verantwortung nehmen, schließt Balzer

Populistische Muster erkennt Balzer aber auch auf der anderen Seite des politischen Spektrums: Wenn eine linke Punkband wie Feine Sahne Fischfilet ihre Loblieder auf Mecklenburg anstimmt, ähnele das durchaus dem, wie Frei.Wild ihre Heimat Südtirol besingen, die sie von „Gutmenschen“ und „Moralaposteln“ bedroht sehen – oder, offenbar ähnlich schlimm, von „Kritikern“. Nur dass Feine Sahne Fischfilet ihr Zuhause eben von „Nazis“, „Faschos“ und „Rassistenpack“ gefährdet sehen.

Sind die Gegenkultur und das utopische Denken des Pop am Ende, weil eingeklemmt zwischen rechter und linker Identitätspolitik? Muss nicht sein, schließt Balzer. Ein Umdenken sei aber nötig: Man sollte die Künstler*innen stärker für ihre Aussagen in die Verantwortung nehmen. Und deshalb auch genauer hinhören.

Titelbild: imago images / Votos-Roland Owsnitzki

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

1 Kommentar
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Matthx Koebx
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21.11.2019-07:11

Zugegeben: Feine Sahne sind ein bisschen lokalpatriotisch. Wie so viele. Und das ist okay. Der Vergleich mit Freiwild ist unzulässig. Denn die Bands sind ideologisch weit voneinander entfernt. Hier soll links und rechts in einen Topf geworfen werden. Das geht auf Kosten der linken Band und der analytischen Schärfe.