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Was tun gegen Alltagsrassismus?

Bayerisch sprechen, besonders strenger Lehrer sein, der Polizei auf die Finger schauen: Hier erzählen vier Menschen, wie sie mit Rassismus im Alltag umgehen

Alltagsrassismus

People of Colour sind in ihrem Alltag in Deutschland immer wieder mit Rassismus konfrontiert. Alltagsrassismus, das können ständige Polizeikontrollen sein, die Benachteiligung bei der Job- und Wohnungssuche, aber auch vermeintlich unschuldige Äußerungen. Die Frage nach der „eigentlichen“ Herkunft oder das vermeintliche Kompliment „Du sprichst aber gut Deutsch“ an Menschen, die hier aufgewachsen sind. Dadurch wird Betroffenen womöglich vermittelt: Du bist anders als die meisten, du gehörst nicht wirklich hierher.  

Es ist für Betroffene schwer nachzuweisen, dass sie aus rassistischen Gründen anders behandelt wurden. Besonders schwierig ist es, wenn die Aussagen oder Taten nicht böse gemeint, sondern unabsichtlich verletzend waren. Wie können Betroffene reagieren? Wir haben Menschen gefragt, wie sie mit Alltagsrassismus umgehen – als Betroffene oder Verbündete.

„Wenn ich auf Bayerisch antworte, zucken sie zusammen, bisweilen entschuldigen sie sich für ihre Aussagen.“

Fadi N.*, Kioskbesitzer 

Früher habe ich als Elektriker gearbeitet. Einer meiner Kollegen kam aus Bayern. Zum Spaß haben wir miteinander Bayerisch geredet. Dabei habe ich gemerkt, dass ich mir sehr leicht deutsche Dialekte aneignen kann. Am besten beherrsche ich Bayerisch, Schwäbisch und Hamburgisch, aber ich plappere auch spontan alle möglichen Dialekte nach. Eine Zeit lang habe ich sie genutzt, um mich gegen rassistische Bemerkungen im Alltag zu schützen.  

Gerade hier im Laden bin ich öfter mit unangenehmen Situationen konfrontiert: Leute behandeln mich herablassend oder reduzieren mich auf mein Äußeres. Wenn ich auf Bayerisch antworte, zucken sie zusammen, bisweilen entschuldigen sie sich für ihre Aussagen. Wir sind alle gleich, das will ich den Leuten zeigen. 

Irgendwann hatte ich ein Problem damit, immer in Dialekten zu sprechen, weil ich den Leuten dann ja etwas vorspiele und meine Identität verberge. Das ist Fassade, mit der kommt man nicht weiter. Wenn Leute ein Problem mit meiner Herkunft haben, muss ich ihnen doch sagen, was Sache ist. Also habe ich wieder angefangen zu widersprechen. Wenn ich intelligent argumentiere, kann ich sie vielleicht dazu bringen, ihr Verhalten infrage zu stellen. Oft wollen Leute mich belehren und sagen so was wie „Wir sind hier in Deutschland …“. Dann erwidere ich: „Ich lebe seit 40 Jahren hier, Sie brauchen mir nicht sagen, wo ich bin.“ 

„Wenn weiße Personen Rassismus ansprechen, werden sie eher als objektiv wahrgenommen, Betroffene dagegen als emotional.“

Arpana Berndt, Autorin und Studentin

Wenn ich Alltagsrassismus erlebe oder beobachte, möchte ich zwar etwas sagen, aber mich nicht unbedingt in den Mittelpunkt stellen oder in Schwierigkeiten begeben. Auf meinem Instagram-Account schreibe ich über meine rassistischen Erlebnisse im Alltag. Dadurch verlagere ich das ein bisschen nach außen: Es geht nicht mehr nur um mich, sondern um ein Problem, das in Deutschland existiert. Zum Beispiel habe ich eine mehrteilige Serie darüber geschrieben, warum ich den Begriff „weißer Mann“ benutze oder warum es keinen Rassismus gegen Weiße gibt.  

Einmal hat ein Dozent in einem Seminar unkommentiert rassistische Fremdbezeichnungen benutzt. Auf meinen Kommentar hin, dass wir solche Bezeichnungen nicht unreflektiert verwenden können, hat er das Gespräch abgewürgt und behauptet, es wäre reine Befindlichkeit, damit ein Problem zu haben. Wenn weiße Personen Rassismus ansprechen, werden sie eher als objektiv wahrgenommen, Betroffene dagegen als emotional.  

Ich will ja mit Leuten in der konkreten Situation diskutieren, aber die meisten Gespräche sind doch immer wieder Grundsatzdiskussionen. Da muss ich mich ständig wiederholen und komme selber nicht voran. Auf Instagram kann ich so sprechen, wie ich das möchte, ohne dass mir eine weiße Person dazwischengrätscht und den Gesprächsverlauf bestimmt.

 „Ihre Herkunft, ihr Aussehen, ihre Hautfarbe und Religiosität werden als Handicap wahrgenommen, das die Schule ausgleichen muss.“

Anwar M.*, Grundschullehrer 

Ich bin Klassenlehrer einer Klasse, in der alle Kinder einen Migrationshintergrund haben. Viele Lehrer*innen reagieren darauf so: Die Kinder sollen bloß nicht überfordert werden, jeden kleinen Lernerfolg müssen wir honorieren. Dahinter verbirgt sich die Einstellung, dass Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund quasi behindert auf die Welt kommen und aufwachsen. Ihre Herkunft, ihr Aussehen, ihre Hautfarbe und Religiosität werden als Handicap wahrgenommen, das die Schule ausgleichen muss.  

Ich mache es genau andersherum: Ich bewerte sie im Unterricht sehr streng. Sobald sie aus dem System Schule raus sind, werden sie bemerken, dass bei ihnen genauer hingeschaut wird und dass sie viel Nerven und Ausdauer brauchen werden

Die brauche ich als Lehrer of Colour auch. Ständig nehmen sich meine Kolleginnen und Kollegen das Recht heraus, meinen Unterricht zu bewerten. Sie gucken im Vorbeigehen in mein Klassenzimmer und berichten der Schulleitung zum Beispiel, dass ich zu viel von meinen Schüler*innen fordern würde. Als muslimischer Lehrer werde ich vom Kollegium genau beobachtet. An meinem Beispiel sehen die Kinder, dass nicht alle Araber Gangster sind wie im Fernsehen, sondern dass man sich mit viel Geduld eine Stellung erarbeiten kann. 

 „Wenn ich von außen dazukomme, verändert sich die Situation, weil die Person, die kontrolliert wird, nicht mehr isoliert ist.“

Caren M.*, Journalistin und Social-Media-Redakteurin 

Ich habe in Hamburg auf St. Pauli gewohnt und beobachtet, wie massenweise schwarze Männer verdachtsunabhängig von der Polizei kontrolliert wurden. Ich wusste nie, wie ich damit umgehen sollte, weil das ja bedrohliche Situationen sind und die Polizei in der Überzahl ist. Also habe ich an einem Workshop der Kampagne für Opfer rassistischer Polizeigewalt (KOP) teilgenommen. Ich wollte lernen, welche Rechte ich habe, was die Betroffenen für Rechte haben und wie ich intervenieren kann, ohne dass es für alle schlimmer wird.

Besonders ist mir im Kopf geblieben, dass man nicht eingreifen soll, ohne die betroffene Person vorher zu fragen. Man soll also nicht hingehen und einen auf „White Saviour“ machen, sondern immer erst die Leute fragen: „Wollen Sie Unterstützung?“ Ein zweiter wichtiger Punkt: nicht beleidigen! Wenn man die Polizei beleidigt, kann das die Aggression gegenüber der kontrollierten Person noch vergrößern.  

Wenn ich von außen dazukomme, verändert sich die Situation, weil die Person, die kontrolliert wird, nicht mehr isoliert ist. Die Hierarchie zwischen der kontrollierten Person und den Passant*innen wird aufgebrochen. Außerdem soll die Polizei merken, dass ihr auf die Finger geschaut wird.  

* Die Nachnamen sind uns bekannt, wurden auf Wunsch der Interviewten aber anonymisiert.

Illustrationen: Frank Höhne

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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