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Wie sind die denn drauf?

Antisemitische Zeilen, wie die von Kollegah und Farid Bang, sind nur ein Teil des Problems, sagt Jakob Baier, der über Deutschrap forscht. Gefährlicher sei das Weltbild dahinter

Die Rapper Farid Bang und Kollegah

fluter.de: Seit der Echo-Verleihung letzte Woche herrscht große Aufregung über antisemitische Zeilen auf dem neuen Album von Kollegah und Farid Bang – gar so neu ist das Thema Antisemitismus im Deutschrap jedoch nicht, oder?

Jakob Baier: Wenn wir über den kommerziell erfolgreichen Rap sprechen, dann ist Antisemitismus ein vergleichsweise junges Phänomen. Seit etwa zehn Jahren wird vereinzelt darüber diskutiert, wobei die Debatte seit etwa fünf Jahren intensiver geführt wird und mit dem Echo für Kollegah und Farid Bang einen Höhepunkt erreicht hat.

Wie typisch sind denn Zeilen wie die von Kollegah und Farid Bang „mein Körper ist definierter als von Auschwitzinsassen“  im Song „0815" für den deutschen Rap?

Diese Zeilen sind auf keinen Fall repräsentativ für die gesamte deutsche Rap-Landschaft, die sehr vielfältig ist. Was aber an der Zeile bemerkenswert ist: Sie befindet sich auf dem meistverkauften Rap-Album des Jahres, das nun mit einem Preis gewürdigt wurde. Deshalb werfen diese Zeile und der Umgang mit ihr eine wichtige Frage auf: Deutet sie auf ein Problem hin, das in der größten und wichtigsten Jugendkultur vorherrscht?

Welche antisemitischen Bilder und Klischees tauchen in den Battle-Lines im Deutschrap öfter auf?

Beim Battle-Rap geht es darum, eine*n tatsächliche*n oder ausgedachte*n Gegner*in abzuwerten, um sich selbst dadurch aufzuwerten. Dabei kann es auch zu verbalen Schlägen unter die Gürtellinie kommen, wenn Rapper*innen dabei beispielsweise homophobe, sexistische oder rassistische Inhalte äußern. Der Antisemitismus zeigt sich aber nicht unbedingt in einzelnen Battle-Rap-Zeilen. Sondern er zeigt sich, wenn Rapper zu Geschichtenerzählern werden, wenn sie die Welt deuten oder wenn sie vorgeben zu wissen, wie die Gesellschaft funktioniert.

Können Sie da ein Beispiel nennen?

Das Musikvideo „TelVision“ (2016) von KC Rebell feat. PA Sports, Kianush und Kollegah thematisiert beispielsweise eine angebliche Einflussnahme eines kleinen, unheimlichen und mächtigen Zirkels, der zum eigenen Vorteil, und zum Nachteil der restlichen Menschheit, systematisch die Medien manipuliert. „Ihre Propagandamissionen täuschen Abermillionen“, heißt es im Refrain. In einer Sequenz ist jener düstere Machtzirkel zu sehen, und in der ersten Reihe steht ein Mann, der eine jüdische Kopfbedeckung trägt. Auch die Farben seiner blau-weißen Krawatte legen eine Assoziation mit dem Judentum und dem Staat Israel nahe. Hier drängt sich die Frage auf: Warum steht ausgerechnet ein Jude in der ersten Reihe eines Machtzirkels, der angeblich weltweit die Medien manipuliert? Die Anlehnung an die antisemitische Verschwörungstheorie, wonach Juden die Medien steuern, ist unübersehbar.

Der Frage, wie antisemitisch der Deutschrap ist und welche Klischees und Verschwörungstheorien er bedient, geht auch die WDR-Doku „Die dunkle Seite des deutschen Rap“ nach  

Dabei ist eins wichtig zu betonen: Der Antisemitismus ist kein Vorurteilssystem unter vielen und deshalb nicht mit Rassismus gleichzusetzen. Sondern er ist ein Welterklärungsmodell, das alle Widersprüche auflöst, die sich in unserer komplexen und undurchsichtigen Welt auftun. Denn beim Antisemitismus sind am Ende immer Juden schuld. Dies ist entscheidend, um den Antisemitismus im Rap erkennen zu können. In vielen Liedern, insbesondere des Gangstarap, in denen Kritik an gesellschaftlichen Verhältnissen geübt wird, kommt ein sehr vereinfachtes Weltbild zum Ausdruck: Auf der einen Seite sind die Guten, auf der anderen Seite sind die Bösen und dazwischen gibt es nichts. Nicht selten werden Juden dann mit dem Bösen oder mit allem Schlechten in der Gesellschaft in Verbindung gebracht. Dies äußert sich mal mehr und mal weniger eindeutig.

Jetzt gibt es Stimmen, die sagen, Rapper sind ja erstmal Kunstfiguren und keine Privatpersonen, die ihre Meinung öffentlich kundtun. Al Pacino ist ja auch nicht Scarface, sondern ein Schauspieler.

Wenn Al Pacino in einem antisemitischen Film mitwirken würde, dann würde man ihn dafür kritisieren. In der Debatte um die Zeilen von Kollegah und Farid Bang sehen wir, dass die Kunstfreiheit oftmals als Rechtfertigung herangezogen wird, um sich der Kritik zu entziehen. Wenn also gesagt wird, dass die Zeile „Mein Körper definierter als von Auschwitzinsassen“ als Kunst verstanden wird, dann handelt es sich in diesem speziellen Fall eben um eine künstlerische Ausdrucksform, in der Auschwitzopfer verhöhnt werden. Mit anderen Worten: Nur weil etwas als Kunst verstanden wird, heißt das nicht, dass man es nicht kritisieren darf.

Die ganze Debatte findet vor dem Hintergrund statt, dass die antisemitische Kriminalität in Deutschland steigt. In Berlin zuletzt sogar sprunghaft. Jetzt könnte man auch sagen: Wenn überall der Antisemitismus zunimmt, warum fährt man dann den Rappern besonders über den Mund? Sind sie ein Sündenbock für viel größere gesellschaftliche Fehlentwicklungen?

Antisemitismus ist ein gesamtgesellschaftliches Problem, weil er in allen Teilen der Gesellschaft zu finden ist. Wer glaubt, Antisemitismus gäbe es nur im deutschsprachigen Rap, der*die irrt. Man muss jedoch anerkennen, dass es sich beim Rap um die größte und wichtigste Jugendkultur handelt. Wenn dort ein Problem vorliegt, dann verdient dieses Problem eine besondere Beachtung. Das heißt aber nicht, dass man nur über den Antisemitismus im Rap redet und über andere antisemitische Erscheinungsformen schweigt. Vielmehr muss man die verschiedenen Auswüchse des Antisemitismus in Beziehung zueinander setzen und sich die Frage stellen: Gibt es vielleicht einen Zusammenhang zwischen dem Mobbing von jüdischen Schüler*innen und antisemitischen Inhalten in der Musik? Und wie können wir diesem gesamtgesellschaftlichen Problem am effektivsten entgegentreten?

Jakob Baier ist Stipendiat der Hans-Böckler-Stiftung. In seiner Doktorarbeit setzt sich der Politikwissenschaftler mit dem Judenbild im deutschsprachigen Rap auseinander.

Ein lesenswerter Essay von Marcus Staiger zum Thema erschien in der Ausgabe über Rap in der Zeitschrift „Aus Politik und Zeitgeschichte“ 

Foto: picture alliance/Eventpress

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