Thema – Identität

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Das wird mir zu bunt

Ethnische Unterschiede müssen Thema sein, solange Menschen mit Rassismus zu kämpfen haben – aber bitte nicht immer und überall, findet unser Autor, der selbst Person of Color ist. Ein Kommentar

GIF: James Clapham

Neulich ging es an der Uni um Rassismus. Oder besser: hätte es gehen sollen. Viele meiner weißen Kommilitonen nämlich trauten sich nicht, etwas zu sagen, und wenn doch, dann kamen sie richtig ins Schwitzen. Sie rangen stotternd nach den korrektesten Formulierungen – zu brenzlig, über ein Thema zu sprechen, von dem man ja per se nichts verstehen könne. Wenn ich hingegen meine Meinung zu einschlägigen Themen verkünde, mache ich das relativ unbeschwert. In Vorlesungen kann ich selbst gewagte Thesen aufstellen – traut sich eh keiner zu widersprechen. Doch so praktisch das auch klingen mag, ich finde es problematisch.

Der Annahme, Hautfarbe legitimiere oder delegitimiere, Bestimmtes sagen oder tun zu dürfen, liegt die Vorstellung zugrunde, es gäbe die Weißen, die Schwarzen oder die People of Color. Ich finde es ganz schön unterkomplex, sich ein Unterscheidungsmerkmal zu nehmen und davon auszugehen, dass es für jede und jeden in jeder Situation relevant ist.

„Als mache Hautfarbe einen zu einem Mitglied einer homogenen Gruppe“

Damit es keine Missverständnisse gibt: Klar ist es gut, erst mal Menschen zu Wort kommen zu lassen, die möglicherweise selbst betroffen sind. Ich sehe es als Fortschritt, Diskriminierung mit klaren Begriffen zu benennen, um für die Teilhabe marginalisierter Gruppen zu kämpfen.

Nur kommt es mir so vor, dass immer öfter über das Ziel hinausgeschossen wird. Dass die Wahrnehmung vieler Menschen so sehr von Hautfarbe geprägt ist, dass sie die ganze Welt in diese Kategorie einteilen – als mache Hautfarbe einen automatisch zu einem Mitglied einer gigantischen homogenen Gruppe. Das ist fern von der sozialen Realität und besorgt mich, weil ich das Gefühl habe, dass Solidarität und Vertrauen über diese Trennlinien hinweg verloren gehen.

Ist es als weiße Person okay, People of Color auf ihre Erfahrungen mit Rassismus anzusprechen?

„Auf gar keinen Fall!“, entgegnet letztens eine Instagram-Nutzerin auf die Frage, ob es okay sei, als weißer Mensch „People of Color“ auf ihre Rassismuserfahrungen anzusprechen. Es sei unsensibel und festige Machtgefälle, „uns“ direkt nach „unserem Trauma“ zu fragen. Man solle stattdessen Bildungsangebote nutzen.

Hier erzählen vier Menschen, wie sie mit Rassismus im Alltag umgehen

Mir, schwarzhaarig und braun, aufgewachsen in Berlin-Kreuzberg, stellen sich bei solchen Aussagen die Nackenhaare auf. Jemandem kategorisch eine Frage zu verwehren, finde ich total daneben – direkter kann man Dialog wohl nicht ersticken. Ich habe auch schon Erfahrung mit Rassismus gemacht, zum Beispiel werde ich öfters mal als Kanake beschimpft (mein Vater kommt aus Indonesien BTW), auch schon von Polizisten. Wer mehr darüber wissen will, kann mich gerne danach fragen. Ich kann allerdings nur für mich und meine Erfahrung sprechen.

 

Vor zwei Jahren war ich auf einem Konzert der US-Rapperin Princess Nokia. Im brechend vollen Saal befahl sie den „weißen“ Gästen, die dicht gedrängt vor der Bühne standen, nach hinten zu rücken. Sie sollten den POC Platz machen – damit „wir“ auch mal im Vorteil seien. Meine Begleitung wollte gerade ein Foto schießen, und so liefen wir beide tatsächlich etwas in Richtung Bühne – sofort wichen die Gäste ehrerbietig nach allen Seiten aus.

„Ich habe Bekannte, die nur noch Kontakt zu Nichtweißen suchen – da verstehe man sich auf Anhieb besser“

Das war ganz lustig anzusehen, aber gleichzeitig dachte ich mir: Was wäre, wenn da vorne ein weißer Kevin steht, der wegen seines Namens immer schlechtere Noten bekommt? Der von seinen Mitschülern für seinen Caritas-Tribal-Pulli gemieden wird und dessen Hartz-IV-beziehende Eltern nie bei den Hausausgaben helfen? Der soll mir jetzt Platz machen?

Universalismus, also die Vorstellung, dass jeder Mensch erst mal Mensch ist, gilt vielen als komplett überholt. Stattdessen glauben sie, sich nicht mehr über Identitäten hinweg verstehen zu können. Ich habe zum Beispiel Bekannte, die vorsätzlich nur noch Kontakt zu Nichtweißen suchen – da verstehe man sich auf Anhieb besser.

Wenn ich jemanden kennenlerne, interessiert mich erst mal keinen Deut, ob er oder sie sich als black, indigen oder sonst was positioniert. „F*ck your ethnicity“, wie Kendrick Lamar sagt. Ich fühle mich keinem Menschen näher, nur weil er POC ist. Eher noch, wenn er auch aus einfachen Verhältnissen stammt. Denn mal ehrlich: Wenn es überhaupt ein Unterscheidungsmerkmal gibt, von dem man in der Regel sagen kann, dass es über das Leben entscheidet, dann ist es die Kohle deiner Eltern. Aber das ist noch mal eine andere Geschichte.

Nikita Vaillant ist 23 Jahre alt und studiert Kulturwissenschaften. Während seines Praktikums schreibt er aktuell auch für fluter.de.

Gif: James Clapham

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

5 Kommentare
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Gast
  ·  
27.09.2019-12:09

Danke für diesen Text! Hatte ewig schon denselben Gedanken. Und dein Schlusssatz! On Peek. Lasst uns alle Mal wieder mehr in sozialen Klassen denken. Natürlich auch intersektional, aber mit der ökonomischen Komponente im Auge.

Juls
  ·  
27.09.2019-04:09

Meiner Meinung nach kann man die o.g. Frage nicht einfach mit Ja oder Nein beantworten. Das ist sehr individuell je nach Situation. In einem Gespräch unter Freunden kann man vielleicht eher fragen als einfach eine PoC auf der Straße/ in ner Bar darauf anzusprechen. Man sollte sich einfach bewusst sein, dass die Person das persönlich betreffen könnte und es eventuell auch ein nicht so einfaches Thema für sie ist, was sie in aller Öffentlichkeit oder in dieser Situation besprechen möchte.

Ich finds zudem gar nicht so schlimm im Rahmen eines Seminars auch mal die eigene Position als weiße Person zu reflektieren und mal etwas länger darüber nachzudenken, was man so aus welcher Perspektive heraus alles von sich gibt. Rassistische/ sexistische Sprache ist nunmal in unserer Gesellschaft vorhanden und es ist mit ein bisschen Anstrengung verbunden, diese Muster ggf. auch bei sich selbst zu erkennen und sich alternative Formulierungen anzueignen. Man kann sich dabei einfach gegenseitig unterstützen.

Ansonsten finde ich, schließt sich das Nachdenken über Klassismus im Antirassimusdiskurs ja auch nicht unbedingt aus.

Kali Maa
  ·  
28.09.2019-01:09

Nikita soll erst mal aus ser Uni raus und merken wie es ist wenn du als ü30 kanak überall diskriminiert wirst und institutionellen und strukturellen rassismus erfährst. wenn du in einem land lebst wo nazis im bundestag und in der Polizei chillen und wo sich keiner für die NSU morde interessiert. dann soll er mal sagen dass identitätspolitik scheisse ist.

Gast
  ·  
01.10.2019-12:10

Das sehe ich anders. Als Bipoc hört man sich oft genug unreflektierte Aussagen von weißen Menschen an, die das Glück haben einfach nicht drüber nachdenken zu müssen. Meine Schwester ist 4 Jahre alt und als einzig schwarzes Kind im Kindergarten ist ihre Hautfarbe seit Monaten DAS Thema bei ihr. Sie versteht die Kommentare der anderen Kinder und Eltern nicht. Und will einfach dazugehören. Und keiner hat ihr gesagt: So, das ist jetzt ein relevantes Thema, beschäftige dich damit. Ich glaube das sich jede*r Betroffene permanent damit auseinandersetzen muss, welche Rolle er oder sie in der Gesellschaft einnimmt. Deshalb ist es mir egal ob sich ein paar Leute in einer Vorlesung stressen, weil sie nicht die richtigen Worte finden. Ist doch gut. Das heißt ihnen ist klar, dass es ein großes Thema ist und obwohl es eine Minderheit betrifft, wollen Sie Rücksicht nehmen. Als Bipoc erlebt man genug Situationen in denen man sich den Kopf daran zerbricht, es anderen Menschen recht machen zu wollen. Ich weiß nicht ob das in Kreuzberg anders ist. Ich finde es kontraproduktiv diese Entwicklung, die es ja noch nicht lange und auch nicht in allen Kreisen gibt (ich studiere nicht Kulturwissenschaften und in meinem Studium interessiert es die Leute überhaupt nicht, was poc verletzen könnte), runterzumachen. Und warum muss das mit sozialen Klassen vergleichen? Man kann doch sehr gut beides zum Thema machen!

Matthias
  ·  
07.10.2019-07:10

Ich bin da anders aufgewachsen,Hautfarbe oder Herkunft waren nie ein Thema.
Ich wurde als Brillenträger gehänselt und ausgegrenzt,ja,in den 70ern liefen Kinder höchst selten mit ner Brille rum.
Es galt als Volkssport mir die Brille vom Kopf zu reissen "Jetzt kriegt er wieder seinen Anfall...muhaha!"
Kinder machen eigentlich kein Gewese um die Hautfarbe oder Augenform.
Wenn die Hautfarbe deiner Schwester zum Thema gemacht,dann sinds die bescheuerten Eltern die es dazu machen,nicht die Kinder.
Ausser die Eltern haben ihrem Nachwuchs frühzeitig köargemacht "Die ist "anders"...als ob sie ein Tentakelwesen wäre,oder ihr Antennen aus dem Kopf wüchsen..."Piep Piep"