Ja, denn es geht um gelebte Empathie und Akzeptanz

Die Political Correctness in der Sprache ist der Versuch, gesellschaftlichen  Veränderungen gerecht zu werden, sagt Max Tholl  

Political Correctness (PC) ist anstrengend und verwirrend. Was einst als Umgangssprache durchging, wird durch sie nun zum Tabu. Wer über „Flüchtlinge“ anstatt „Geflüchtete“ redet, steht direkt unter Generalverdacht, „fremdenfeindlich“ zu sein. Wer Kindern heute noch von Astrid Lindgrens „Negerkönig“ erzählt oder Blondinenwitze macht – Gott bewahre. Kein Wunder, dass die Kritik an der PC in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist und schon Politiker wie Sigmar Gabriel oder Winfried Kretschmann davor warnen, dass wir „in politischer Korrektheit ersticken“ und sie „übertreiben“. Schadet die PC uns am Ende? Keineswegs.

Political Correctness bedeutet Rücksicht und gelebte Empathie

Bei der PC geht es vordergründig um die Frage, was man noch sagen und meinen darf und wo Diskriminierung beginnt. Antworten darauf gibt es bisher keine. Stattdessen wird mit Verve um Bezeichnungen gestritten. Kann man noch „Ausländer“ sagen, oder muss man von „Menschen mit Zuwanderungsgeschichte“ sprechen? Muss die deutsche Nationalhymne gendergerecht gemacht werden? „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!“, skandieren die Gegner der PC angesichts von solchen Diskussionen und warnen vor Meinungsverboten und der „Tyrannei der Minderheiten“.

Vielen von ihnen geht es aber um weit mehr als den Sprachgebrauch: Sie bangen um ihre Machtstellung innerhalb der Gesellschaft. Sie fürchten, dass nun andere das Sagen haben. Dass ihre Meinung nicht mehr die einzige bleibt. Dass die PC auf die Spitze getrieben wird, bis sie in Absurdität gipfelt. Ihre Kritik an der PC ist eine verschleierte Sehnsucht nach einer klar eingeteilten Weltordnung und eine Kampfansage an den Fortschritt. 

Wer glaubt, dass PC die Meinungsfreiheit oder das Recht auf Kritik beschneidet, irrt

Denn um den geht es bei der PC. Dass die Gesellschaft bunter und vielfältiger wird, hat große Auswirkungen auf das Miteinander. Frauen sind Männern nicht mehr untergeordnet, Ausländer und Verschiedengläubige sind fester Bestandteil der Bevölkerung und unterschiedliche Sexualität normal. Die PC ist ein Versuch, diesen Veränderungen gerecht zu werden. Denn Begriffe wie „Neger“, „Schwuchtel“ oder „Weib“ sind Überbleibsel einer Zeit, in der Unterschiede nicht respektiert, sondern ausgenutzt wurden, um zu diskriminieren.

Wer glaubt, dass PC die Meinungsfreiheit oder das Recht auf Kritik beschneidet, irrt. Beide werden durch die PC nicht abgeschwächt. Sie stellt lediglich sicher, dass die Diskussion frei von Diskriminierung bleibt. Das will auch das Grundgesetz so. Und das ist ziemlich deutsch und traditionsbewusst. 

Political Correctness bedeutet Rücksicht und gelebte Empathie. Das ist ihre Stärke und Berechtigung. Sie verdeutlicht, dass man die Gefühle und Befindlichkeiten anderer ernst nimmt, auch wenn man sie persönlich nicht teilt. Man muss das Gendersternchen nicht unterstützen, um die Gefühle der betroffenen Personen dahinter zu respektieren.

Die Political Correctness ist ein Kraftakt. Sie fordert, dass wir nicht nur unseren Sprachgebrauch, sondern auch unser Weltbild anpassen. Dass man sich in die Rolle einer schwarzen oder intersexuellen Person hineinversetzt. Würde man die Welt als diskriminierend empfinden? Sollten Ungerechtigkeiten akzeptiert werden, weil sie schon lange da sind oder die Mehrheit sie nicht als solche erkennt? Nein. 

Statt Meinungsverbote fördert sie so Meinungsaustausch

Es gibt noch viel Klärungsbedarf über das, was gesagt werden darf, selbst unter den Befürwortern der PC. Aber eine Anstrengung dieser Art ist wichtig – als Signal. Eine politisch korrekte Sprache verdeutlicht, dass man die andere Person als ebenbürtig akzeptiert. Statt Meinungsverbote fördert sie so Meinungsaustausch.

Natürlich kann die PC „übertreiben“, und sie muss auch die Befindlichkeiten ihrer Gegner respektieren. Nicht jeder PC-Kritiker ist automatisch frauenverachtend, rassistisch, homophob oder allgemein diskriminierend. Die PC hat das Potenzial, gelegentlich über die Stränge zu schlagen, doch das macht ihren Nutzen nicht kaputt. Die Gesellschaft ist stark, sie kann viel aushalten und tolerieren. Diskriminierung im Alltag muss nicht dazugehören. Das wird man ja wohl noch verhindern dürfen. 

Der Jorunalist und stolze Luxemburger Max Tholl war Redakteur bei dem Debattenmagazin The European und beim Tagesspiegel. Er ist Mitgründer von The Idea List und schreibt am liebsten darüber, wie und wo Popkultur unsere Gesellschaft verändert.

Nein zur moralischen Bereinigung der Sprache 

Moralische Haltungen sind aus gutem Grund in liberalen Demokratien Privatsache, findet Alexander Grau

„Political Correctness“: In den Ohren des aufgeklärten Bürgers westlicher Industrienationen klingt das erst einmal gut und vor allem harmlos. Denn wer möchte schon inkorrekt sein, noch dazu politisch inkorrekt? Aber was ist eigentlich politisch korrekt? Und: Wer bestimmt das?
Dass die Beantwortung dieser einfachen Fragen dann doch schwerfällt, liegt an der seltsamen sprachlichen Komposition des Ausdrucks „politisch korrekt“. Denn korrekt ist, ausgehend von der lateinischen Grundbedeutung, alles, was korrigiert wurde, dasjenige also, was fehlerfrei ist, richtig oder – im übertragenen Sinne – angemessen.

„Politisch“ ist ein bewusst schwammiger Platzhalter

Doch genau um das politisch Angemessene geht es nicht, wenn man darunter eine Art zivilen Umgang im öffentlichen Miteinander versteht. Und das liegt an dem banalen Attribut „politisch“. Das Wort ist hier nämlich ein bewusst schwammiger Platzhalter, der darüber hinwegtäuschen soll, dass es nicht um angemessenes Handeln für das Gemeinwesen geht. Sondern um knallharte Ideologie. Denn „politisch“ meint hier die Verdrehung des eigentlichen Wortsinns „moralisch“. Das politisch Korrekte ist nach Ansicht seiner insbesondere akademischen Apologeten nichts anderes als das moralisch Korrekte. Und dieses moralisch Korrekte soll für das gesamte Gemeinwesen gelten und mittels gesellschaftlicher Sanktionen – Sprachreglementierungen, Umbenennungen, Entfernen von Kunstwerken aus dem öffentlichen Raum – durchgesetzt werden. Das ist totalitär. Denn mit Ausnahme ganz weniger Handlungen – Verstöße etwa gegen das Recht auf körperliche Unversehrtheit, Selbstbestimmung und Eigentum – sind moralische Haltungen aus gutem Grund in liberalen Demokratien Privatsache. Weltanschauung und Religion sind Sache des Einzelnen. Die werden erst dann zum Problem, wenn sich daraus Handlungen ergeben, die nicht zum Strafgesetzbuch passen.

Das Recht auf die freie, unliebsame Meinung wollen die Vertreter der PC nicht akzeptieren

Das höchste Gut in einer liberalen Gesellschaft ist die Meinungsfreiheit. Solange nicht zu einer Straftat aufgerufen wird, hat der Bürger in freiheitlichen Staaten wie Deutschland – mit wenigen Einschränkungen und Abwägungen – das Recht, zu denken und zu sagen, was er will. Auch wenn das manchen nicht passen sollte.
Genau dieses Recht auf die freie, unliebsame Meinung wollen die Vertreter der Political Correctness nicht akzeptieren. Ihnen geht es um Umerziehung mittels Sprach- und Symbolpolitik: Die Alltagssprache soll moralisch bereinigt werden, alte Bücher auf unliebsame Formulierungen durchsucht, Straßennamen, Denkmäler, Museumsbestände etc. angepasst werden.

Im Kern geht es um einen Kulturkampf, und der hat mit Moral, mit Minderheitenschutz oder Humanismus wenig zu tun. Den Ideologen der Political Correctness geht es um die Verfolgung einer gesellschaftsrevolutionären Agenda. Der Beginn der systematischen Bewegung hin zu einer „politischen Korrektheit“ wird häufig auf die 1980er-Jahre in den USA datiert. Meiner Meinung nach liegen die ideologischen Wurzeln aber wesentlich früher, im Neomarxismus der 1920er-Jahre: Da eine Revolution durch ökonomische Umstände nicht zu erwarten war, setzte man auf die Eroberung der kulturellen Hegemonie, also die Deutungshoheit in der öffentlichen Meinung durch eine gezielte Sprachpolitik und die Einnahme von Schlüsselpositionen im Kultur- und Medienbetrieb. Ziel dieser revolutionären Strategie war die Zerstörung der bürgerlichen Gesellschaft durch Diskreditierung ihrer zentralen Institutionen: Familie, Universität, Kultureinrichtungen.

In den späten 60er-Jahren wurde dieses kulturrevolutionäre Konzept von den Ideologen der 68er-Bewegung aufgegriffen. Der Philosoph Herbert Marcuse etwa empfahl explizit eine „sprachliche Rebellion“ und betonte, „dass die Verwirklichung der Toleranz Intoleranz gegenüber den herrschenden politischen Praktiken, Gesinnungen und Meinungen“ erfordert. Legitimiert wird diese Strategie durch die Pathologisierung der Gesellschaft. Der durchschnittliche, von heimlichem Groll erfüllte Kleinbürger wird als Patient betrachtet, der durch eine entsprechende Sprachtherapie „geheilt“ werden muss. Das ist anmaßend, abstoßend und bizarr.

Gegen Political Correctness zu sein bedeutet nicht, Diskriminierungen gut zu finden

Verstärkt wird dieser Eindruck dadurch, dass diese Auseinandersetzung unverkennbare Züge eines Klassenkampfes von oben trägt: Eine kleine akademische Minderheit gut situierter Wohlstandssprösslinge maßt sich an, die angeblich in ihren Stereotypen gefangenen Massen umzuerziehen. Man könnte das als Vermessenheit verhätschelter Wohlstandskinder abtun. Doch so harmlos ist die Sache nicht. Denn zu viele Menschen, die aus gutem Grund etwa für Minderheitenschutz streiten, machen sich zu bereitwilligen Handlangern einer aggressiven Agenda zum Umbau der westlichen Gesellschaften. Doch gegen Political Correctness zu sein bedeutet nicht, Diskriminierungen gut zu finden. Es bedeutet, unsere Freiheit zu verteidigen.

Alexander Grau ist promovierter Philosoph und arbeitet als freier Kultur- und Wissenschaftsjournalist. Er schreibt u.a. für Cicero und vor Kurzem erschien sein Buch „Hypermoral. Die neue Lust an der Empörung“ beim Claudius Verlag München.

Collagen: Renke Brandt

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