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Bist du traurig, Ailton?

Auf dem Weg zur U-Bahn ging ich jeden Morgen an einem Mann ohne Beine vorbei und überlegte, was das wohl für ein Leben ist

Ailton repariert Schuhe

Jeden Morgen um Punkt acht steht der Mann auf, zieht sich an und schnallt eine skateboardgroße Hartgummiplatte unter seinen Unterleib. Anschließend schiebt er seine Hände in zwei Kinderflipflops, hellblau, Größe 33, und klettert so die drei Stockwerke hinab auf die Straße. Er hievt sich in seinen weißen Fiat Palio, den er sich 20 Jahre lang vom Munde abgespart hat, ruckelt mit Handgas und Schaltung herum und fährt davon. 15 Minuten sind es bei normaler Verkehrslage, doch weil der Verkehr in Rio de Janeiro nie normal ist, sind es immer 30 bis Largo do Machado, Ecke Laranjeiras. Da wartet immer schon ein dürrer Junge, 15, 16 vielleicht, mit einem Bollerwagen, auf dem die Koffer des Mannes lagern. Werkzeug, Schmiere, Hartgummi und Schuhe über Schuhe. Arbeit für eine Woche oder sogar einen Monat.

Ohne Beine im Land der Beine?

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Ailton repariert Schuhe

Dass er ausgerechnet Schuhe repariert, nimmt er mit Humor

Er reiht sich ein in die Straßenverkäufer-Promenade, nimmt seinen Platz gleich neben dem U-Bahn-Lüftungsschacht ein, rechts von ihm die Handyhüllen-Frau, die auch gebrannte CDs für 9,99 Reais und grellfarbene Kinderröcke verkauft. Links der Maiskolben-Mann, gegenüber ein Matratzen-Outlet, und daneben hat gerade ein McDonald’s-Eisladen aufgemacht, an dem die Leute an heißen Tagen kleben wie Stubenfliegen an einer Leimfalle. Sie stehen Spalier, wenn die Passanten morgens vom U-Bahn-Eingang eingesaugt und abends – viele vom Tag gezeichnet – wieder ausgespuckt werden.

Tagaus, tagein lief ich am Mann ohne Beine vorbei, manchmal nickte ich kurz zum Gruß. Ich hatte Mitleid mit ihm, wie er dasaß, immer an derselben Stelle, stundenlang vor sich hin arbeitete, während die Welt an ihm vorüberrannte. Im Geist hatte ich mir längst seine Biografie zusammengezimmert. Der Mann ohne Beine musste ein trauriger Mann sein – in einem Land, in dem Körper stets auch Tempel waren; dessen Fußballer so erfolgreich sind, weil sie ihre Beine besser, schneller, filigraner bewegen können als viele andere. Dessen Töchter die Copacabana zum Synonym für einen Traumstrand mit Bikinischönheiten gemacht haben. Es gibt keine hässlichen Menschen, nur arme Menschen, so lautet ein brasilianisches Sprichwort. Ich musste mit dem Mann reden.

An einem Sommermorgen im Januar kaufte ich deshalb zwei Becher Orangensaft und eine Tüte Esfihas, dreieckige Teigtaschen gefüllt mit Hackfleisch. Sollte ich stehen oder knien oder mich gleich danebensetzen? Was sollte ich sagen? Hallo, ich bin Bartholomäus aus Deutschland und wollte wissen, wie das so ist, ein Leben ohne Beine im Land der Beine. Und bitte schön, hier ein Becher Orangensaft – das klang ja wohl reichlich belämmert.

Aber weil mir nichts Besseres einfiel, sagte ich genau das und stand ein bisschen da wie ein Fünftklässler am ersten Tag in der neuen Schule. Der Mann guckte mich an, lächelte schüchtern, streckte mir die Hand hin und sagte: Wie nett von dir, ich bin Ailton Matias Pontes, setz dich doch. Er schob mir eine weitere Hartgummiplatte hin, die er normalerweise benutzte, um alte Schuhe neu zu besohlen.

Bist du traurig, Ailton, weil, du weißt schon …?

Ich bin nie traurig, sagte Ailton.

Das Traurigsein habe ich mir vor langer Zeit abgewöhnt.

Die Nacht des 20. August 1979 

Dann erzählte er eine Das-ist-eine-lange-Geschichte- Geschichte:

Ich bin 1957 geboren als neuntes von zehn Kindern. Als ich zehn Jahre alt war, starb mein Vater an einer schweren Krankheit und einen Monat später meine Mutter am Kummer. Das war der Tag, an dem ich beschloss, nie mehr traurig zu sein. Wir zogen zu meiner Schwester und mussten fortan arbeiten: erst in einer Mehlfabrik, dann in einer Bäckerei, irgendwann hat uns unser Onkel gezeigt, wie man Schuhe repariert. Da, wo ich herkomme, haben die Kinder keine Zeit zum Träumen, weil sie zu beschäftigt mit dem Leben sind. Das Einzige, was ich mir damals wünschte, war, einmal eine Familie zu haben, vielleicht ein eigenes Haus.

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Ailton an seinem Auto

Trotz seiner Behinderung ist Ailton nur selten auf Hilfe angewiesen. Er hat ein eigenes Auto und eine Wohnung in einer Favela

Dann kam der 20. August 1979, ich war tanzen gewesen. Auf dem Heimweg ging ich an den Schienen entlang, es war 0 Uhr 25, den Zug bemerkte ich zu spät. Ich wurde in den Acker geschleudert, und am nächsten Morgen wachte ich im Krankenhaus auf. Der Arzt machte ein ernstes Gesicht: Herr Pontes, ich habe schlechte Nachrichten für Sie, wir müssen Ihnen beide Beine amputieren. Meine Schwester brach in Tränen aus. Da habe ich sie in den Arm genommen und gesagt, sie soll nicht traurig sein.

Weil ich nicht genügend Geld hatte für eine Physiotherapie, hat meine Schwester mir die Beinstümpfe mit einer Kräutermischung eingerieben, und meine Brüder haben mich gefüttert, weil auch mein Arm gebrochen war. Ich habe mich gefühlt wie ein Kleinkind, das allen eine Riesenlast ist. Seitdem hatte ich immer nur einen Wunsch: unabhängig zu sein. Deshalb bin ich nach meiner Genesung nach Rio, um in der großen Stadt Arbeit zu finden.

Ich kaufte mir einen Rucksack und verkaufte Süßigkeiten. Die ersten Jahre waren hart, ich schlief unter Zeltverschlägen, hatte kaum Geld. Dann erinnerte ich mich an die Lektionen im Schustern. Und nun sitze ich hier seit 15 Jahren und repariere Schuhe, ausgerechnet. Ich bin glücklich, ich liebe die Menschen, ich liebe meine Arbeit, verdiene ein bisschen, sodass es zum Leben reicht. Und mehr brauche ich nicht.

Ailton nahm einen schwarzen Stöckelschuh vom Haufen, die mag er am liebsten, weil so ein Stöckelschuh für ihn immer auch eine warme Erinnerung an die gute Zeit ist, in der er auch mal verliebt war. Zwischendurch hob er immer mal wieder die Hand und winkte und lächelte, um einen Bekannten zu grüßen. Die meisten Menschen am Largo do Machado kennen Ailton, sie mögen ihn. Aber natürlich gibt es auch solche, die es auf ihn abgesehen haben. Kinder, die ihm die Zunge rausstrecken, ihn antippen und davonrennen. Und erst letzte Woche hat ihm einer den Stoffbeutel gestohlen, in dem er immer sein Portemonnaie hatte, aber diese armen Jungen, die nicht so viel Glück hatten im Leben wie ich, die machen das ja nicht aus Spaß, sagte Ailton.

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Ailton vor seinem Apartment

Rund 46 Millionen Brasilianer haben eine Behinderung. Wer weniger als ein Viertel des Mindestlohns verdient, bekommt finanzielle Unterstützung vom Staat in Höhe des monatlichen Mindestlohns

Arm sind für ihn die Jungen, die ihm neulich das Portemonnaie gestohlen haben

An einem Sommerabend Ende Januar, es war mein vorletzter Tag in Brasilien, lud mich Ailton zu sich nach Hause ein. Wir stiegen ins Auto, fuhren hinauf in die Favela Santo Cristo, wo er lebt, stiegen drei Stockwerke hoch, bis wir auf seinem Balkon standen. Ailton stellte mir Dulcinéia Gomas vor, seit 20 Jahren seine Begleiterin, so nennt er sie, mit der er zusammenwohnt. Eine schöne Frau, spindeldürr, faltig, die mit Eleganz Billigzigaretten durch eine schwarze Zigarettenspitze rauchte, als stünde sie nicht auf dem Balkon in einer Favela, in der oft tagelang kein Wasser aus den Hähnen fließt, sondern auf dem Dach eines der Luxushotels an der Copacabana. Auch Dulcinéias Enkelin Manoely war da, 16 Jahre alt, sie nennt Ailton liebevoll Opa. Im Zimmer lief wie immer in Brasilien irgendeine Telenovela, neben dem Fernseher hatte Ailton einen Vogelkäfig aufgestellt, in dem ein kleiner gelber Kanarienvogel schlief.

Draußen ging gerade die Sonne unter, stumm und friedvoll lag die Stadt vor uns, dort unten der Hafen, das Fußballsta dion, die Arenen, durch die die Sambaschulen in ihren prunkvoll aufgemotzten Motivwagen ziehen. Zum Karneval hatte Ailton immer mitgetanzt. Ailton schaute glücklich und auch ein bisschen stolz auf diese Stadt. Wie einer, der auf ein erfülltes Leben zurückblickt und das verbleibende in jeder Sekunde genießt. Er hat zwar kein Haus, aber immerhin eine eigene Wohnung und eine Familie, die keine leibliche ist, aber was macht das schon.

Ailton, wo würdest du hinreisen, wenn du es dir aussuchen könntest?

Ich würde gerne nach Amazonien fahren oder nach Portugal, da habe ich viel drüber gelesen.

Und macht es dich nicht traurig, dass dieser Wunsch niemals in Erfüllung gehen wird?

Nein, sagte Ailton. Es macht mich glücklich zu wissen, dass es Portugal gibt.

Fotos: Ewa Priester

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

1 Kommentar
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Mariana
  ·  
20.05.2018-12:05

Hallo Herr von Laffert,
Schön das Sie über Seu Ailton geschrieben hast. Ich kenn ihm persönlich, und ich denke es hat hier im diese Artikel etwas gefählt, es irgenwie kalt und pessimistisch, kann das sein?
Was ist das für eine Frage? "Und es macht dich traurig, dass dieser Wunsch niemal im Erfüllung gehen wird?" Warum nicht? Zum Glück die Weissheit und prositivismo von seu Ailton besigt. Und auch wenn nicht alles funktioniert wie es sollte oder nicht aussieht wie Sie wünschen, ist aber Santo Cristo immer noch ein Stadtteil von Rio de Janeiro. Keine Favela.
Liebe Grüße,
Mariana