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„Wir beobachten einen neuen Kampf“

Warum rassistischer Terror immer wahrscheinlicher wird und was das mit den Erfolgen der Einwanderungsgesellschaft zu tun hat: Gespräch mit dem Sozialwissenschaftler Serhat Karakayalı

Anschlag Hanau, Shisha Bar, Nazis, Rassismus / Foto:  Cigdem Ucuncu/NarPhotos/laif

fluter.de: Alle reden derzeit über das Coronavirus. Erinnern Sie sich überhaupt noch an den Terroranschlag in Hanau am 19. Februar?

Serhat Karakayalı: Klar, ich saß morgens in der Küche und hörte es im Radio. Erst mal habe ich mich erschrocken und musste dann sofort an die Shishabar denken, über der ich wohne.

In Halle wollte ein bewaffneter Täter im Oktober in eine volle Synagoge eindringen, in Hanau wurden mehrere Menschen in einer Shishabar und einem Kiosk ermordet. Haben wir es mit einer neuen Form rechten Terrors zu tun?

Ja, was in Hanau passierte, könnte man gut als „stochastischen Terrorismus“ bezeichnen. Das heißt, es ist ein Terrorismus gewesen, der jetzt zufällig in Hanau ausgebrochen ist, der aber auch in anderen Städten und von anderen Tätern hätte verübt werden können, weil vielerorts eine gefährliche rassistische Grundstimmung herrscht. Wenn Migranten total überdreht thematisiert werden, muss man damit rechnen, dass es an irgendeiner Stelle explodiert. Wir erleben eine Polarisierung gesellschaftlicher Diskurse entlang der Frage der Migration, nicht zuletzt, weil rechte Propaganda sie nutzt, um Leute zu mobilisieren. Man kann nicht sagen, wo und wann, aber die Wahrscheinlichkeit eines solchen Anschlags steigt.

Was meinen Sie damit, dass „Migranten total überdreht thematisiert werden“?

Sie werden als „Verbrecher“, „Gefahr“, „Infektionsherd“, „das böse Andere“ thematisiert – gerade in sozialen Medien. Deswegen gibt es in Polen zum Beispiel eine unglaublich flüchtlingsfeindliche Haltung, obwohl praktisch keine Migranten im Land leben. Aber auch private und öffentliche Medien arbeiten mit Stereotypen: Viele Schauspieler mit Migrationshintergrund berichten, dass sie immer nur akzentsprechende Kriminelle spielen dürfen. Es gibt also eine Stereotypisierung, die nicht nur das Werk von Rechtsextremen ist.

Synagogue, Halle, Anschlag, Terror, Nazi (Foto: Jens Schlueter/Getty Images)

Die Holztür der Synagoge in Halle hat dem Angriff des Täters standgehalten – und rettete somit das Leben von über 50 Menschen, die an Jom Kippur, dem höchsten jüdischen Feiertag, im Innenraum beteten

(Foto: Jens Schlueter/Getty Images)

Wir sprechen von „Migranten“. Allerdings trifft das meiste von dem, was Sie da beschreiben, auf Muslime zu – bzw. Menschen, denen unterstellt wird, muslimisch zu sein. Es ist wohl kein Zufall, dass der Täter in Hanau diese Menschen töten wollte.

Es kann im Prinzip jede Gruppe treffen. In Halle sollten Juden in einer Synagoge erschossen werden. 1992 waren es vietnamesische Kontraktarbeiter, die in ihrem Wohnheim in Rostock angegriffen wurden. Man sollte nicht vergessen, dass die Konstruktionen eines „bösen Anderen“ variabel sind. Aber Sie haben recht: Diese ganze Fokussierung auf Islam ist historisch neu. Der NSU hat seine Taten noch ohne Bezug zum Islam ganz „klassisch“ auf ethnische Zugehörigkeit gerahmt.

Wie erklären Sie sich diesen neuen antimuslimischen Rassismus?

Für diese Veränderung gibt es verschiedene Gründe. Es ist zunächst einmal die größte sichtbare „andere“ Gruppe. Es trifft der Tendenz nach auch Gruppen, bei denen es den Rassisten gelingt, die soziale Lage als eine Eigenschaft der Gruppe darzustellen, beispielsweise dass sie arbeitsscheu und verbrecherisch seien. Eigenschaften also, die gesellschaftlich negativ kodiert sind. Eine „Parallelgesellschaft“ zu bilden zum Beispiel ist an sich nicht problematisch. Das könnte man auch von der japanischen Gemeinschaft in Düsseldorf sagen, aber Rassismus hat immer ein klassistisches Element: Er trifft Gruppen, die ökonomisch benachteiligt sind und als nicht leistungsfähig gelten. Deswegen gibt es in Großbritannien zum Beispiel ein ganz anderes Türkenbild als in Deutschland, weil dorthin viel mehr Akademiker migrierten. Beim antimuslimischen Rassismus geht es nie um theologische Fragen, sondern darum, dass die Lebensweise muslimischer Menschen als rückständig und nicht leistungsfähig gilt.

„Es ist ein Gegenangriff gegen den Aufstieg von allen möglichen Leuten an den Rändern der Gesellschaft“

Es ist schwierig zu begreifen, wie daraus ein derartiger Hass entstehen kann. Haben Sie eine Erklärung?

In der Fantasie des Täters leben wir in einer Gesellschaft, die eigentlich gut funktioniert, in der aber alles Übel auf eine Gruppe projiziert wird. Aus psychologischer Sicht spielen sicher verschiedene Mechanismen eine Rolle bei der Herausbildung autoritärer Persönlichkeitsmuster. Zu den Merkmalen gehören unter anderem die Neigung, eigene Probleme in anderen Menschen wiederzuerkennen und ihnen zuzuschreiben, und die Unfähigkeit, mit Widersprüchen und Spannungen umzugehen. Das hat letztlich mit dem Individuationsdruck im Kapitalismus zu tun: Wir sind ökonomisch und existenziell auf uns allein gestellt – und wer dem nicht gewachsen ist, dem mag ein Ausweg die Zuflucht im Autoritären sein. Die faschistische Variante ermöglicht es dann auch, den psychischen Druck auf Schwächere zu verlagern.

Wobei der Kasseler Regierungspräsident Walter Lübcke, der im Juni vergangenen Jahres mutmaßlich von einem Rechtsextremen ermordet wurde, nicht unbedingt zu „den Schwächeren“ gehört.

Worauf die Täter psychisch abzielen, ist auch die Vernichtung von Vieldeutigkeit, Ambivalenz oder Unordnung. Migranten oder Fremde werden in dem Moment unerträglich, wo sie nicht bloß die Ländergrenzen übertreten, sondern das Bild, das manche Leute von ihrer Gesellschaft haben, infrage stellen, welches vermeintlich festlegt, wer „wir“ und „sie“ sind – oder wo die Geschlechtergrenzen verlaufen. Es sind Menschen, die sich eine stabile und eindeutige Welt ersehnen. In der rechten Ideologie wird diese Welt durch die liberale Gesellschaft bedroht. Deshalb wird alles, was zu ihr gehört, dämonisiert. Auch jemand wie Walter Lübcke, der sich für Geflüchtete einsetzte, wird dann Opfer rassistischer Gewalt.

Rostock, Lichtenhagen, Krawalle (Foto: dpa - Bildarchiv)

Unter Beifall Tausender Anwohner griffen im August 1992 Randalierer im Rostocker Stadtteil Lichtenhagen mehrere Tage eine Unterkunft vietnamesischer Vertragsarbeiter an. Den rassistischen Ausschreitungen war eine erregte öffentliche Debatte über Zuwanderung vorausgegangen

(Foto: dpa - Bildarchiv)

Ist das eine neue Entwicklung? Eine Welle rassistischer Gewalt gab es auch schon in den 1990er-Jahren.

Ich glaube, wir beobachten einen neuen Kampf. Es ist ein Gegenangriff gegen den Aufstieg von allen möglichen Leuten an den Rändern dieser Gesellschaft. Das ist ganz ähnlich wie der Antisemitismus im 19. Jahrhundert, der als Reaktion auf die Emanzipation der Juden entstand, die mit der rechtlichen Gleichstellung nicht mehr nur in bestimmten Berufen arbeiten durften. In dieser Situation sind wir jetzt: Migrantische Menschen, oftmals in der zweiten Generation, streben Berufe an, die sich von denen der Eltern immer öfter deutlich unterscheiden. Das gilt auch für Frauen. Leute, bei denen es selbstverständlich war, dass man sie an den Rändern hält, wollen symbolisch, ökonomisch und politisch einen Anteil bekommen.

Seit über 30 Jahren engagieren Sie sich gegen Rassismus. Reagiert die Gesellschaft heute anders auf rassistische Attentate?

Als in den 90er-Jahren Brandanschläge auf Asylbewerberheime verübt wurden, hatten wir es mit einer Regierung zu tun, bei der man den Eindruck bekam, dass sie diese Eskalation mindestens bewusst in Kauf genommen hatte, um ihr Ziel durchzusetzen, das Asylrecht aus dem Grundgesetz herauszureformieren. Der damalige Bundeskanzler Kohl ging zu keiner einzigen Trauerfeier, weil das „Beileidstourismus“ sei. Ich glaube, vielen ist nicht klar, dass die CDU mit Helmut Kohl in den 80er-Jahren an die Regierung gekommen ist mit dem Wahlversprechen, eine Million Türken zurückzuführen! Ich kann mich noch daran erinnern, wie erschrocken meine Mutter war, als sie das im Radio hörte.

„Heute gibt es einen gesellschaftlichen Konsens darüber, dass migrantische Menschen dazugehören“

Haben Politik und Öffentlichkeit seitdem dazugelernt?

Heute gibt es ein anderes Klima, davon bin ich überzeugt. Dass sich so viele Menschen an einer Demo wie „Unteilbar“ beteiligen, ist ein gutes Zeichen. (Anm. der Redaktion: Als Reaktion auf Hetze gegen Asylbewerber und Migranten nahmen 2018 über 100.000 Menschen an der „Unteilbar“-Demonstration in Berlin teil) Man sollte den aktuellen Rassismus nicht kleinreden und auch nicht unterschätzen, mit welcher Geschwindigkeit sich unter ungünstigen Bedingungen solche Einstellungen verbreiten können. Man sollte aber auch nicht den Fehler machen, so zu tun, als würden wir im Hamsterrad laufen und alles sei wie immer. Es ist wichtig zu differenzieren, auch um die Kräfteverhältnisse einschätzen zu können. Dazu gehört auch, dass man Fehlverhalten im Wording nicht mit NS-Gedankengut gleichsetzt. Was sich auf jeden Fall seit 1990 geändert hat, ist, dass es einen gesellschaftlichen Konsens darüber gibt, dass wir eine Einwanderergesellschaft sind, dass migrantische Menschen dazugehören. Das bedeutet nicht das Ende des Rassismus, aber vielleicht andere, vielleicht bessere Bedingungen für den Kampf gegen ihn.

Wie sollten wir den Kampf gegen den Rassismus heutzutage führen? Nach Hanau riefen viele dazu auf, dass auch Menschen, die nicht von Rassismus betroffen sind, sich zum Antirassismus bekennen müssen.

Antirassismus geht uns alle an. Die Gefahr besteht darin, dass heute dieses Betroffensein zu sehr im Mittelpunkt steht. Am Beispiel von Hanau kann man gut sehen, wie sehr das schiefgehen kann: Alle möglichen Gruppen, also „Identitäten“, versuchen, das für sich zu vereinnahmen. Aber die reine Identität – als Kurde, Türke, Roma, Muslim, als was auch immer – ist für den Antirassismus völlig unbrauchbar. Im Grenzfall führt das nur zu neuen Exklusionen und Nationalismen. Entscheidend ist dagegen, das Verbindende zwischen den einzelnen Gruppen zu sehen. Das erlaubt nicht nur, Solidarität zu denken, sondern gibt dem Antirassismus auch die Signatur eines politischen Projekts. Eine Vision davon, wie wir zusammenleben wollen.

Dr. Serhat Karakayalı engagiert sich seit mehr als 20 Jahren gegen Rassismus: Ende der 1990er und in den frühen 2000ern als Teil des Kollektivs „kanak attak“, heute als Projektleiter am Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung der Humboldt-Universität in Berlin. (Foto: Ute Langkafel / MAIFOTO)

Titelbild: Cigdem Ucuncu/NarPhotos/laif

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