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„Der IS ist ein Symptom, nicht die Krankheit“

Munqith Dagher leitet das Meinungsforschungsinstitut IIACSS im Irak. Er sagt: Der Aufstieg des sogenannten Islamischen Staats (IS) war vorhersehbar

Ein Pferdewagen im Schlamm vor einem ISIS Billboard in Bagdad (Foto: Martyn Aim/Corbis via Getty Images)

fluter: Erst 2014, als Abu Bakr al-Baghdadi das Kalifat ausrief, erkannten auch viele westliche Beobachter die zunehmende Macht des IS. Welche Warnsignale wurden in den Jahren zuvor übersehen?

Munqith Dagher: Viele, vor allem im Irak nach 2011. Wir erlebten damals große Proteste gegen die Regierung, insbesondere in von Sunniten bewohnten Gebieten. Die Menschen forderten die Wahrung grundlegender Rechte, sie litten unter der Art, wie sie behandelt wurden. Eine direkte Folge dieser Proteste war 2013 ein Massaker durch die Armee in dem sunnitischen Ort Hawija bei Kirkuk. Der wurde später zu einer der wichtigsten Hochburgen des IS.

Was man über die politische Lage im Irak wissen sollte

Was geschah damals?

Auf die Proteste der Sunniten angesprochen, beschimpfte der damalige irakische Premierminister Nuri al-Maliki die Demonstranten als Extremisten. Dann griffen Streitkräfte und Polizei die Protestierenden an, mehr als 60 Menschen starben. Alle unsere Umfragen zeigten in der Folge eine enorme Unzufriedenheit. Die Menschen verloren das Vertrauen in die Regierung, in die Polizei und in die Armee. Es war klar, dass es angesichts dieses Leids leicht sein würde, sie davon zu überzeugen, sich gegen die Zentralregierung zu stellen.

Ihre Umfragen verdeutlichen, dass sunnitische und schiitische Iraker ihre Lage damals unterschiedlich bewerteten. Den Schiiten schien es nach eigenem Empfinden besser zu gehen.

Maliki und seine Regierung betrachteten die Lage im Land vor allem durch eine konfessionelle Brille. Sie hatten die fixe Idee, dass es den irakischen Sunniten nur darum gehen würde, die politische Macht zurückzugewinnen, die sie unter Saddam Hussein innehatten. In der Folge begannen viele Sunniten, sich als Bürger zweiter Klasse zu fühlen. Sie forderten grundlegende öffentliche Dienstleistungen, Jobs und Sicherheit auch für ihre Orte. Der IS goss dann gezielt Öl ins Feuer.

„Vielen Menschen in den eroberten Gebieten ging es unter der Herrschaft des IS schlicht besser“

Infolgedessen sanken Ihren Umfragen zufolge die Zustimmungsraten für die Zentralregierung weiter, insbesondere in sunnitischen Gebieten. Wie hat die Regierung darauf reagiert?

Gar nicht. Seit gut 15 Jahren führe ich Meinungsumfragen im Irak durch. Aber erst seit kurzem hören die Behörden mir überhaupt zu. Davor wurde ich immer nur angegriffen. Mal hieß es, ich gehöre einer Sekte an, mal, dass ich ein Anhänger Saddam Husseins sei und Propaganda der Baath-Partei verbreite. Die Regierung selbst hat nie Umfragen erhoben. Sie wusste schlicht nicht, wie es den Menschen ging.

Wie hätte eine sinnvolle Politik aussehen können?

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Munqith Dagher ist Geschäftsführer des von ihm 2003 nach dem Fall Saddam Husseins mitgegründeten Independent Institute for Administration and Civil Society Studies (IIACSS) Foto: privat

Munqith Dagher ist Geschäftsführer des von ihm 2003 nach dem Fall Saddam Husseins mitgegründeten Independent Institute for Administration and Civil Society Studies (IIACSS)

Der IS ist ein Symptom, nicht die Krankheit. Wer verhindern will, dass Menschen sich von Extremisten verführen lassen, muss ihre Lebensumstände verbessern – denn unglückliche Bürger fallen terroristischer Propaganda leichter zum Opfer. Der IS hat ihnen ein besseres Leben versprochen. Einer seiner größten Erfolge war es, die Menschen davon zu überzeugen, dass dieses bessere Leben nach dem Tag des Jüngsten Gerichts auf sie wartet. Die Regierung dagegen hätte den Menschen zeigen können, dass ihr jetziges Leben bereits lebenswert ist und dass sie, wenn sie sich anstrengen, etwas aus sich machen können. 

Stattdessen hat die Regierung dem IS das Feld überlassen. Wie kam dessen Herrschaft bei den Menschen an? 

Während der IS herrschte, vor allem in der Frühphase, zeigten die Umfragen deutlich, dass die Iraker die Schaffung von Sicherheit und die Einrichtung öffentlicher Dienstleistungen als große Erfolge der Extremisten bewerteten. Vielen Menschen in den eroberten Gebieten ging es unter der Herrschaft des IS schlicht besser. 

Dennoch scheiterte das Projekt der Extremisten. Wie kam es dazu?

Die Menschen in den besetzten Gebieten hörten ständig diese Propaganda, wie der IS die Welt erobern und ein islamisches Reich errichten werde – in der Realität jedoch wurden sie von der internationalen Militärkoalition täglich bombardiert. Wieder fürchteten sie um ihr Leben. Und auch die Geldströme des IS, etwa durch den Handel mit Öl, versiegten. Damit schrumpften auch die Möglichkeiten der Extremisten, die Menschen zu versorgen. 

Haben Sie eigentlich auch IS-Kämpfer befragt? 

Ja, das habe ich. Und alle meine Interviews mit IS-Kämpfern zeigen, dass der sogenannte Islamische Staat auch für die Extremisten selbst weniger eine Ideologie als vielmehr ein Versprechen auf ein besseres Leben war. Tatsächlich interessierten sich die meisten überhaupt nicht für islamistische Ideologie. Oft mangelte es ihnen sogar an Grundlagenwissen über ihre eigene Religion.

 „Gleichzeitig erhielt ich Drohungen aus Regierungskreisen; dort wurde behauptet, meine Arbeit rücke die Regierung in ein negatives Licht “

Der Irak ist seit Jahren ein zersplittertes Land, das von Krieg und Unruhen gekennzeichnet ist. Wird es da nicht auch für einen Meinungsforscher gefährlich?

Oft mussten wir die Arbeit temporär einstellen, meine Mitarbeiter wurden verhaftet oder auf andere Art behindert. Ich brauchte Genehmigungen von verschiedenen Regierungsvertretern, musste aber auch mit Stammesführern und bewaffneten Gruppen verhandeln. In einer Stadt namens Tadschi, nördlich der Hauptstadt Bagdad, verlor ich 2007 sogar drei Mitarbeiter. Sie wurden von Al-Kaida-Mitgliedern enthauptet, als sie Leute befragten. Später musste ich zeitweise das Land verlassen, weil ich von allen Seiten bedroht wurde: Extremisten beschuldigten mich, aufseiten der US-Truppen und der irakischen Regierung zu stehen. Gleichzeitig erhielt ich Drohungen aus Regierungskreisen. Dort wurde behauptet, meine Arbeit rücke die Regierung in ein negatives Licht und würde den Terroristen helfen.

Wie gelingt es Ihnen, dass die Befragten in so einer angespannten politischen Situation ihre wahren Ansichten offenbaren? 

Meine Mitarbeiter wissen, wie man die richtigen Fragen stellt und Körpersprache liest. Alle unsere Interviews werden von Angesicht zu Angesicht durchgeführt, das minimiert das Risiko, belogen zu werden. Darüber hinaus gibt es immer eine Fehlermarge, die jedoch statistisch berechnet werden kann.

„Es besteht weiterhin die Gefahr, dass extremistische Gruppen die Lage der Bevölkerung ausnutzen“

Und was wissen Sie über die aktuelle Stimmung der Bevölkerung?

Die ehemalige Regierung unter Premierminister Abadi hat ihre Lektionen gelernt und strukturelle Veränderungen bei Armee und Polizei vorgenommen. Infolgedessen nahm das Vertrauen in die Regierung deutlich zu. Im Augenblick zeigen unsere Daten, dass Sunniten erstmals mehr Vertrauen in die Regierung haben als Schiiten – obwohl Abadi selber ein Schiit ist. Allerdings ist im Südirak, wo vor allem Schiiten wohnen, die Wahlbeteiligung stark zurückgegangen, und nun regen sich dort Proteste. Wieder geht es um Fragen der Grundversorgung, diesmal vor allem um ein stabiles Stromnetz. Bedrückende Signale kommen aber auch aus manchen sunnitisch dominierten Gebieten, auch dort verschlechtern sich die Lebensumstände. Es besteht also weiterhin die Gefahr, dass extremistische Gruppen die Lage ausnutzen. 

Der Autor Florian Guckelsberger ist Leitender Redakteur beim Nahost-Magazin zenith.

Titelbild: Martyn Aim/Corbis via Getty Images

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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