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Was man über den Irak wissen sollte

Der neue Dschihadismus traf im Irak auf fruchtbaren Boden. Das liegt auch am politischen Dauerkonflikt zwischen Sunniten und Schiiten

Zwei junge Männer fahren auf Fahrrädern an einer Wand voller ISIS Propaganda in Mosul vorbei (Foto: Osie Greenway / Barcroft Images / Barcroft Media via Getty Images )

Wie in allen Ländern des Nahen Ostens leben auch im Irak Muslime verschiedener Glaubensrichtungen. Von den heute knapp 38 Millionen Irakern bekennt sich eine Zweidrittelmehrheit zur Schia, der überwiegende Rest sind Sunniten. Die beiden Gruppen unterscheiden sich unter anderem darin, wen sie für den rechtmäßigen Nachfolger des Propheten Mohammed halten. Eine Frage, die auch von einflussreichen Politikern und Meinungsmachern genutzt wird, um Teile der Bevölkerung gegeneinander auszuspielen.

Geografisch liegt der Irak zwischen zwei verfeindeten Großmächten: dem schiitischen Iran im Osten und dem sunnitischen Saudi-Arabien im Süden und Westen. Seit Jahrzehnten gilt das Land mit seinen religiösen Pilgerstätten und den wertvollen Bodenschätzen als Zankapfel. Es tat sich stets schwer, sich der Einflussnahme seiner Nachbarn zu entziehen.

Mit dem Einmarsch der USA änderte sich das Kräfteverhältnis

Unter der Herrschaft Saddam Husseins und seiner nationalistischen Baath-Partei gelangten primär sunnitische Iraker in hohe Ämter – die vor allem im Süden des Landes lebenden Schiiten hatten das Nachsehen. Das änderte sich mit dem Einmarsch der von den USA angeführten Militärkoalition 2003 und dem Sturz des Regimes schlagartig. Nicht nur lösten die Besatzer per Handstreich die sunnitisch dominierte Armee des Irak auf, sie setzten auch durch, dass wichtige politische Ämter unter den Volksgruppen und Konfessionen aufgeteilt werden.

Die wichtigste politische Figur der Nachkriegsjahre wurde Nuri al-Maliki, ein schiitischer Dissident zu Zeiten Saddam Husseins, der als Premierminister die irakische Regierung von 2006 bis 2014 leitete. Kritiker werfen ihm vor, dass seine Politik die schiitische Mehrheit des Landes begünstigt habe und so maßgeblich dazu beitrug, den konfessionellen Konflikt im Irak zu schüren. Ein Szenario, vor dem sich die sunnitische Minderheit im Land stets gefürchtet hatte.

Fürchteten Sunniten die Rache ihrer schiitischen Mitbürger?

Der Aufstieg des sogenannten Islamischen Staats (IS) im Irak ist aus Sicht von Malikis Kritikern ein Beleg für diese These: Die von sunnitischen Muslimen dominierte Terrorgruppe hat sich vor allem dem Kampf gegen schiitische Muslime verschrieben, die sie für Ungläubige halten. So führen Beobachter den anfänglichen militärischen Erfolg der Gruppe nicht nur darauf zurück, dass unter der US-Besatzung arbeitslos gewordene Mitglieder der irakischen Armee hier Unterschlupf fanden; sondern auch darauf, dass ein Teil der Sunniten den IS sogar begrüßten, weil sie die Rache ihrer schiitischen Mitbürger fürchten.

Als die Islamisten im Sommer 2014 schließlich die nordirakische Großstadt Mossul überrannten, musste Maliki als Premierminister aufgeben. Sein Nachfolger Haider al-Abadi trat ein schweres Erbe an, hatte sich die irakische Armee im Kampf gegen den übermächtig wirkenden IS doch als nahezu wirkungslos erwiesen. Aus Angst vor dem Terror folgten schließlich Zehntausende schiitische Kämpfer dem Ruf von Großayatollah Ali al-Sistani, den IS zu bekämpfen. Sie schlossen sich zum Haschd al-Schaabi, einem Verbund mehrerer Dutzend Milizen, zusammen. Erst diesen Truppen gelang es, Mossul zurückzuerobern und den IS aus weiten Teilen des Landes zu vertreiben.

Die Hoffnung auf einen stabilen Irak hat sich nicht erfüllt

Es war eine blutige Militärkampagne mit hohen Verlusten, während derer es immer wieder zu grausamen Vergeltungsaktionen des Haschd und der Armee gekommen sein soll. So wird den Milizen nachgesagt, sie würden die in ehemaligen IS-Gebieten lebenden Sunniten unter Generalverdacht stellen und entsprechend behandeln. Und während sich die schiitischen Milizen beim Kampf gegen den IS noch auf westliches Wohlwollen verlassen konnten, gilt die kampferprobte Truppe heute vor allem den USA als treuer Vasall des benachbarten Iran. 

Über 15 Jahre nach dem Sturz von Diktator Saddam Hussein hat sich die Hoffnung auf einen stabilen Irak also nicht erfüllt. Im Gegenteil: Krieg, Terrorismus und das Ringen um regionale Hegemonie haben das Land und seine Bürger zerrieben, gespalten und desillusioniert. Entsprechend gering fiel die Wahlbeteiligung im Frühjahr 2018 aus, und Adil Abdul-Mahdi, der neue Premierminister, steht vor einer schwierigen Aufgabe: Wie kann es gelingen, dass Iraker sich nicht in erster Linie als Sunniten oder Schiiten verstehen, sondern als Bürger eines Landes?

Der Autor Florian Guckelsberger ist Leitender Redakteur beim Nahost-Magazin zenith.

Titelbild:  Osie Greenway / Barcroft Images / Barcroft Media via Getty Images 

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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