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From Rikschas to riches

Der Netflix-Film „Der weiße Tiger“ erzählt vom Aufstieg eines indischen Dieners – in leider ziemlich platten Bildern

  • 4 Min.
Weißer Tiger Netflix

Er ist so majestätisch wie bedrohlich und die Nadel im genetischen Heuhaufen: der weiße Tiger. Der seltenen Raubkatze im indischen Dschungel über den Weg zu laufen ist etwa so unwahrscheinlich wie der Aufstieg eines mittellosen indischen Dorfbewohners zum vermögenden Geschäftsmann.

Eine solche unwahrscheinliche Erfolgsgeschichte erzählt der Regisseur Ramin Bahrani nun aber im Gesellschaftsdrama „Der weiße Tiger“. Der Film basiert auf dem gleichnamigen und preisgekrönten Debütroman von Aravind Adiga. Im Mittelpunkt steht Balram Halwai (Adarsh Gourav), der in bitterster Armut im Dorf Lachhmangarh im Bundesstaat Rajasthan aufwächst. Der Vater müht sich für eine Handvoll Rupien als Rikschafahrer ab, der Bruder zerkleinert Holzkohle für einen Teeladen. Wohlgenährt sind lediglich die Kühe der Familie. Als Balrams Vater an Tuberkulose stirbt, muss der talentierte Schüler ein Stipendium in Delhi ausschlagen, um die Schulden der Familie im Teeladen zu begleichen.

 

Balrams Reise vom Geknechteten zum Knechter

Die Chance auf ein besseres Leben eröffnet sich für Balram, als er als Fahrer bei dem wohlhabenden Geschäftsmann Ashok (Rajkummar Rao) und dessen Ehefrau Pinky (Priyanka Chopra) anheuert, die gerade aus den USA nach Indien zurückgezogen sind. Ashoks zutiefst korrupte Familie residiert in einem Palast hinter einem schmiedeeisernen Tor und verdankt ihren Wohlstand ebenjener schmutzigen Kohle, die Balram und sein Bruder seit Kindheitstagen gegen einen Hungerlohn zerstückeln mussten. Für rund 16 Euro Monatslohn zieht Balram mit seinem „Master“ nach Delhi: Ashok und Pinky in eine voll möblierte Wohnung, die ihnen „zu sehr glänzt“, Balram in einen Verschlag in der Tiefgarage, den er sich mit Kakerlaken teilt.

Ashok und „Pinky Madam“, wie Balram sie nennt, sind ein auf den ersten Blick freundliches Paar, das krampfhaft an seinem importierten amerikanischen Wertekompass festhalten möchte. Besonders empören sich die beiden über die Misshandlung von Bediensteten. Doch es bleibt bei der Empörung: Balram wird gedemütigt, ausgenutzt und ausgebeutet. Er lässt alles mit dackeltreuem Blick über sich ergehen – bis er ersetzt werden soll und Balram klar wird, dass ihn ein Lebensabend im Slum erwartet. Er beschließt, Rache zu nehmen – und dann, um wirtschaftlich aufzusteigen, ebenso moralisch fragwürdige Methoden anzuwenden wie sein ehemaliger Chef.

 

Glaubhafte Charaktere, platte Bilder

Adarsh Gourav spielt Balrams Reise vom Geknechteten zum Knechter wunderbar: Aus seinem Blick spricht mal naive Hoffnung, mal tiefer Schmerz, mal abgeklärte, kalte Arroganz. Auch Rajkummar Rao und Priyanka Chopra verkörpern die Ambivalenz ihrer Charaktere mehr als glaubhaft. Beim Spannungsbogen verspielt „Der weiße Tiger“ jedoch Potenzial. Bis zum filmischen Höhepunkt des Racheakts plätschert der fast zweistündige Film mitunter recht ziellos vor sich hin. Dann geht plötzlich alles viel zu schnell. Ehe man sich’s versieht, hat sich die Geschichte um 180 Grad gedreht. Das wirkt in etwa so, als hätte Claude Monet am Ende Strichmännchen in seine impressionistischen Mohnfelder gekritzelt. 

Als wäre das nicht ärgerlich genug, bedient sich das Drama allzu holzschnittartiger Gegenüberstellungen, um zu verbildlichen, wie tief das moderne Indien in Arm und Reich gespalten ist: hier der überfüllte rostige Bus neben der klimatisierten Luxuskarosse; da die staubigen, lauten Märkte neben sterilen Neubauten. Ein paar Nuancen hätte man den Zuschauer:innen zutrauen können. Spätestens beim Abspann drängt sich der Gedanke auf: Wäre Bahranis Film ein Tiger, wäre sein Fell eher orange.

„Der weiße Tiger“ läuft ab sofort bei Netflix.

Titelbild: Netflix

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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