Lange wucherte die Stadt einfach nur an ihren Rändern, doch nun verleibt sie sich auch die Inseln in ihrem Inneren ein. Um die Kathputli-Kolonie herum ragen die Wohnblocks von West-Delhi in den Himmel, darüber rattert eine moderne Hochbahn vorbei. In der Siedlung selbst leben die Menschen, wie sie es immer schon taten. Sie hausen in bunten, meist einstöckigen Hütten, verbunden durch Gassen, in denen müffelnde Rinnsale fließen. Schwärme fetter Fliegen schwirren um ihre Köpfe und bilden schwarze Teppiche in der Luft. Ein paar Jungen stehen in einem beißend stinkenden Müllhaufen und sortieren Wertstoffe aus.

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Mit Diesel werden die Flammen am schönsten: Der Feuerspucker behauptet, er habe sich noch nie verbrannt (Foto: Enrico Fabian)
Mit Diesel werden die Flammen am schönsten: Der Feuerspucker behauptet, er habe sich noch nie verbrannt (Foto: Enrico Fabian)

Hier und da sieht man schon Trümmer und zerstörte Mauern, Zeichen des bevorstehenden Untergangs. Sobald eine Familie sich entschließt fortzuziehen, rückt das Abrisskommando an. Es ist ein Häuserkampf, den die Stadtverwaltung hier führt. Stück für Stück wird das Viertel abgetragen und leer geräumt. In einer stolzen Nation, die erfolgreich eine Raumsonde zum Mars schießt und Software für die halbe Welt produziert, ist kein Platz für einen rückständigen Ort wie diesen. Regelmäßig verkünden Indiens Politiker, dass ihr Land bald slumfrei sein wird.

Kathputli, das bedeutet übersetzt eigentlich Marionette. Weit über die Stadt- und Landesgrenzen hinaus ist das Viertel für seine traditionellen Artisten, Gaukler und Künstler berühmt. Die Schreckensvision der auf 20.000 geschätzten Bewohner des Slums heißt Phoenix, es ist ein Monstrum, das sich bald aus ihrer Siedlung erheben soll. Auf seiner Webseite besingt der Baukonzern Raheja das Projekt wie folgt:

In der Kathputli-Kolonie nahe Patel Nagar in West-Delhi machen die Marionetten Platz für das größte Gebäude der Hauptstadt. Mit einer geplanten Höhe von 190 Metern und 54 Stockwerken wird der Raheja Phoenix nicht nur der erste wahre Wolkenkratzer der Stadt sein, sondern er wird auch den elitären Ansprüchen seiner Bewohner gerecht.

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Als die Gaukler kamen, war hier noch ein Wald. Dehli wuchs in den letzten Jahrzehnten einfach über sie hinweg (Enrico Fabian)
Als die Gaukler kamen, war hier noch ein Wald. Dehli wuchs in den letzten Jahrzehnten einfach über sie hinweg (Enrico Fabian)

In einer sandsteinfarbenen Trutzburg im Zentrum der Stadt arbeitet der Mann, der die Entscheidung traf, den Slum zu räumen. Hier residiert eine Behörde namens „Delhi Development Authority“. Sie ist berüchtigt für aus dem Ruder laufende Bauprojekte, krumme Landgeschäfte und Korruption. Im Inneren des gigantischen Gebäudes wimmeln Massen von Menschen herum. Eine goldene Statue der tanzenden Göttin Nataraj steht in der Mitte der Eingangshalle, die Schatten Dutzender sich drehender Ventilatoren an der Wand – und verblichene Bilder im Großformat, die das neue Delhi aus der Perspektive der Stadtplanungsbehörde zeigen: Autobahnbrücken, kastenförmige Hochhaussiedlungen, die Stadien der Commonwealth Games 2010. Die meisten Inder stöhnen vor Schmerzen, wenn man sie auf dieses Sportfestival anspricht. 400.000 Slumbewohner sollen dafür vertrieben worden sein. Gewaltige Geldsummen versickerten beim Bau der schon wenige Jahre später maroden Infrastruktur.

Durch ein Labyrinth aus Stahlschränken, aus denen Papierberge quellen, an Stromkabelbündeln und auf zusammengerückten Bürostühlen dösenden Männern vorbei geht es in ein Kabuff, in dem ein blinder, eine schwarze Sonnenbrille tragender Mann sitzt. Weiter zum Principal Commissioner, der lässt Tee auffahren. Sein Büro ist groß und kühl. Vor ihm auf dem Schreibtisch liegt ein unterarmdicker, mit einer Schnur zusammengebundener Aktenstapel, der aussieht, als habe ihn ein Tier zernagt. Shri Nidhi, schwarzer Schnurrbart, fülliger Körper, verströmt eine gewisse intellektuelle Lässigkeit. Sofort spürt man: Der Mann hat Macht. Ja, schon klar, gibt er zu verstehen. Die Sache mit der alten indischen Kultur. Das sei doch nur ein Vorwand, sagt Shri Nidhi. Slum ist Slum. Man solle diesen Leuten, die dort wohnen, nicht auf den Leim gehen. „Die Kathputli-Kolonie ist ein Rückzugsgebiet für Dealer und Kriminelle, ein höllischer Ort.“

Früher ist er nicht so zimperlich gewesen, wenn er einen Slum beseitigen wollte. Seine Leute rückten einfach mit Bulldozern an, machten alles kaputt und verjagten die Bewohner. Aber auch das ist der Fortschritt in Indien: Ganz so unbarmherzig geht es nicht mehr. Deswegen probiert Nidhi nun etwas Neues. Er nennt es: „In-Situ Development“. Die Stadt schloss einen Vertrag mit dem Immobilienentwickler Raheja, der laut Nidhi 33 Prozent der etwas mehr als fünf Hektar großen Fläche von Kathputli erhielt. Dafür verpflichtete er sich, auf dem restlichen Gebiet auf eigene Kosten Häuser für die Bewohner des Slums zu bauen. Der Principal Commissioner ist ziemlich stolz auf diese Idee. Sie kostet die Stadt kein Geld und lagert einen großen Teil der Risiken an ein privates Unternehmen aus.

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Einer, der noch das Marionettenspielen lernt. Die meisten Kinder trommeln lieber, denn dafür gibt es mehr Geld (Enrico Fabian)
Einer, der noch das Marionettenspielen lernt. Die meisten Kinder trommeln lieber, denn dafür gibt es mehr Geld (Enrico Fabian)

Dass tatsächlich irgendwann Reiche in das Hochhaus ziehen und zu Nachbarn der ehemaligen Slumbewohner werden, glaubt Nidhi allerdings nicht. Im Gegenteil: Er lacht sich tot über diesen Plan. „Das kriegen die noch nie verkauft!“, ruft er. „Aber das ist ja nicht unser Problem!“ Shri Nidhi sieht die Dinge von oben, wie ein Schwarzmilan beim Flug über die schier ins Unendliche wachsende Stadt. Der Principal Commissioner hat so viel zu tun, dass er in diesem Leben niemals fertig werden kann. Es gibt in Delhi noch 290 weitere Slums auf öffentlichem Grund und Boden, die er im Auftrag der Regierung räumen muss.

Nein, schönreden will der Aktivist Vijay Kumar das alles nicht. Aber ein paar Dinge richtigstellen, das schon. Vijay stammt aus einer Familie, deren Kaste als unberührbar gilt. Sie wuchsen in der Nähe der Bahngleise auf, am Rande der Kathputli-Kolonie, und Vijay bemerkte erst spät, was für Leute eigentlich seine Nachbarn sind. „Na klar, Slum heißt immer auch Probleme: Drogen, Kriminalität, Prostitution“, sagt er. „Aber das ist nur die eine Seite. Wir haben hier fünf Gewinner des Indischen Nationalpreises. Sieben Leute, die im ‚Guinness-Buch der Rekorde‘ stehen. Das sind hervorragende Zauberer, Akrobaten und Musiker. Unser Viertel ist ein lebendes Vermächtnis unserer Kultur.“

Vijay, der ein Superman-T-Shirt trägt, platzt beinahe vor Tatendrang. Er erzählt von Sitzblockaden und Demonstrationen, die er organisiert hat, von verhinderten Räumungen und siegreichen Gerichtsprozessen. Für ihn ist es schon ein Erfolg, dass Kathputli überhaupt noch existiert. „Was hier abläuft, ist doch nur ein verdammtes Spiel um Geld“, sagt er. Dalip Baath, der Ortsvorsteher, hofft, das Bauprojekt noch mit Rechtsanwälten stoppen zu können. „Diese Siedlung hier haben wir mit unseren eigenen Händen aufgebaut, sie gehört uns. Wer sagt denn, dass sie uns wirklich hier wohnen lassen, nachdem sie uns vertrieben haben? Wir haben doch nichts schriftlich.“

Fast 17 Millionen Menschen leben offiziell im Großraum Delhi, doch diese Zahl ist zu klein. 25 Millionen sind es schon eher. Die Immobilienpreise sind dementsprechend verrückt. Seit Jahrzehnten wächst die Stadt mit der Aggressivität und dem Tempo eines Krebsgeschwürs auf dem Westufer des Yamuna, schluckt Dörfer und Kleinstädte und dringt immer weiter in die angrenzenden Bundesstaaten vor.

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Shri Nidhi ist bei der Stadtverwaltung zuständig für die Räumung von Slums. Er sagt, dass er deren Bewohner in Zukunft womöglich auch mal darüber abstimmen lassen wird, was mit ihrer Siedlung geschieht (Enrico Fabian)
Shri Nidhi ist bei der Stadtverwaltung zuständig für die Räumung von Slums. Er sagt, dass er deren Bewohner in Zukunft womöglich auch mal darüber abstimmen lassen wird, was mit ihrer Siedlung geschieht (Enrico Fabian)

Als die ersten Familien in Kathputli einwilligten, in ein Übergangslager zu ziehen, machte sich unter den Zurückgebliebenen Misstrauen breit. Gerüchte über Agenten gingen um, wer versuchte, Kompromisse mit der Stadt zu finden, galt schnell als Verräter, sogar Hilfsorganisationen wurden beschuldigt, im Dienst der Bauherren zu stehen. Einige Bewohner behaupten, das Land sei längst für einen Spottpreis verscherbelt, es gebe Geheimabsprachen zwischen der Regierung und dem Konzern. Ihre Hütten würden bald einfach so abgerissen. Andere glauben, sie müssten bald alle auf der Straße leben, denn in den neuen Wohnhäusern sei niemals für alle Platz.

Wie können wir es besser machen? Und wie können wir trotzdem noch die bleiben, die wir sind? Mittlerweile sind das die Fragen, um die sich alles dreht. Der Aktivist Vijay Kumar hat Architekten gefunden, die ihm helfen, neue Pläne für Kathputli zu entwerfen. „Ich möchte Entwicklung, aber in unserem Sinne. Wir brauchen kein Einkaufszentrum, sondern Ateliers für unsere Künstler“, sagt er. Ein eigenes Theater könnte Touristen und Leute aus anderen Vierteln anlocken. Flache, offene Häuser würden dafür sorgen, dass die Siedlung als Gemeinschaft erhalten bleibt. Wenn es nach Vijay geht, ist der Widerstand gegen die Räumung auch eine Chance. Der Slum soll endlich das werden, was er in seinen Augen schon immer gewesen ist: kein Schandfleck, sondern ein Zentrum indischer Kultur.