Das am Rande der Sahara gelegene Gao wird in Mali auch als „die geschundene Stadt“ bezeichnet. Erst brachten 2012 Tuareg-Rebellen Gao unter ihre Kontrolle, dann etablierte die Gruppe „al-Qaida im islamischen Maghreb“ dort ein Terrorregime. Nachdem Frankreich 2013 eingriff, die Islamisten in die Wüste vertrieb und die malische Regierung ein Friedensabkommen mit den Tuareg aushandelte, hat sich die Situation in Gao entspannt, auch wenn der Frieden vor Ort brüchig bleibt. Dennoch sind Anwohner und Politiker froh über die Entwicklung – genau wie die Drogenmafia, die großes Interesse daran hat, dass hier in Westafrika einigermaßen berechenbare Verhältnisse herrschen: Denn Gao, die geschundene Stadt in Nordmali, ist ein Drehkreuz des internationalen Drogenhandels.

Erst über den Atlantik, dann durch die Sahara

Nach Erkenntnissen der UN-Organisation für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC) ist Westafrika im Allgemeinen und Mali – neben Guinea-Bissau und Nigeria – im Besonderen eine der wichtigsten Drehscheiben im Kokainschmuggel. Südamerikanische Kartelle schicken ihre Ware erst über den Atlantik und dann von hier nordwärts. Das Ziel: Europa.

Begonnen hatte das im Jahr 2004, als sich die Kartelle nach neuen Absatzmöglichkeiten umsahen. Gründe dafür waren das immer stärker werdende Vorgehen der US-Behörden gegen den Drogenhandel sowie ein – zumindest zeitweilig anhaltender – rapider Preisverfall von Kokain in den USA, der auf das damalige Überangebot der Droge zurückzuführen war. Schließlich wurde Europa als neuer Markt entdeckt. Laut UNODC lag bereits 2008 der Umsatz im Kokainhandel dort bei geschätzten 33 Milliarden Dollar, nur vier Milliarden Dollar weniger als auf dem weltweit größten Absatzmarkt USA.

Zur Situation in Gao

Im nordmalischen Gao, „der geschundenen Stadt“, schien es vor knapp zehn Jahren schon einmal aufwärtszugehen: Nagelneue Pick-ups und teure SUVs verkehrten auf den Straßen, schicke Wohnhäuser und verglaste Bürobauten schossen in einigen Bezirken der Stadt aus dem Boden. Der sichtbare Aufschwung war allerdings vor allem ein Zeichen des lukrativen Drogenschmuggels durch Westafrika, für den die 80.000-Einwohner-Stadt einen Knotenpunkt darstellt. Seit dem Sturz des libyschen Diktators Muammar al-Gaddafi 2011 kamen viele Tuareg-Krieger, die ihn unterstützt hatten, durch die Sahara zurück in ihre malische Heimat. Die Gruppe al-Qaida im Maghreb übernahm schließlich das Kommando, rief die Scharia aus und etablierte ein Terrorregime. 2013 griff Frankreich ein und vertrieb die Islamisten in die Wüste. Die malische Regierung handelte mit den Tuareg ein Friedensabkommen aus, das Mitte 2015 geschlossen wurde. Seit Anfang 2016 ist auch die Bundeswehr im Rahmen einer UN-Mission in Gao stationiert, um den noch immer gefährdeten Frieden dort zu sichern: Erst kürzlich wurden bei einer Demonstration junger Nordmalier in Gao drei der Demonstranten von malischen Soldaten erschossen. Sie hatten gegen die geplanten Übergangsbehörden protestiert, da die Posten nicht durch Wahlen vergeben werden.

Weil ein direkter Transport aus Südamerika nach Europa aber zu gefährlich ist, schauten sich die Koka-Kartelle vor gut zehn Jahren Westafrika als neue Transitregion aus. Im Jahr 2009 gelangte laut Schätzungen der UNODC schon gut ein Sechstel der insgesamt 129 Tonnen Kokain, die in Europa konsumiert wurden, aus Kolumbien, Peru und Bolivien über die sogenannte Dritte in die Erste Welt. Inzwischen soll die Quote bei 60 Prozent liegen. Verlässliche Zahlen sind schwer zu erhalten.

Etwa 60 Prozent des in Europa konsumierten Kokains wird über die Afrika-Route geschmuggelt

Die anhaltende Bedeutung der Afrika-Route aber lässt sich schon daran ablesen, dass laut dem aktuellen World-Drug-Report der UNODC allein zwischen Dezember 2014 und März 2016 mindestens 22 Tonnen Kokain beschlagnahmt wurden, die über Westafrika nach Europa gelangen sollten. Nach UN-Schätzungen beträgt der Wert des jährlich über Afrika nach Europa geschmuggelten Kokains inzwischen rund 1,25 Milliarden Dollar.

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Drogenlieferung im Hafen von Guinea-Bissau
Ziemlich wahrscheinlich, dass an diesem Hafen gerade nicht nur säckeweise Reis entladen wird. Denn das parkende Auto gehört einem Drogenhändler. Und Kokain wird häufig per Frachtschiff nach Guinea-Bissau geschmuggelt. Versteckt in Reissäcken.

Die wirtschaftliche Strukturschwäche der Westafrika-Region bietet dem internationalen Drogenhandel günstige Möglichkeiten: Die Kartelle können sich hier auf ein gut ausgebautes Netz von Schmugglergruppen stützen, sie müssen dank der bis in höchste Regierungskreise verbreiteten Korruption kaum Kontrollen von den staatlichen Strafverfolgungsbehörden fürchten, und sie können auf vergleichsweise billige Arbeitskräfte zurückgreifen.

Die Wege des Kokains

Nach Westafrika gelangt das südamerikanische Kokain auf verschiedenen Wegen: Anfangs waren es hauptsächlich Fischtrawler, die den Stoff entlang des 10. nördlichen Breitengrades über den Atlantik schafften. Sie übergaben ihre Ladung an kleinere Fischerboote, die das Kokain an Land brachten. Inzwischen kommt die Ware immer öfter mit Containerschiffen übers Meer, die in den großen Handelshäfen von Lagos in Nigeria und Lomé in Togo gelöscht werden. Auch „Mulis“ sind nach wie vor im Einsatz: Drogenkuriere, die Kokainpäckchen am und im Körper verborgen durch die Kontrollen schmuggeln. Vor allem an den internationalen Flughäfen im senegalesischen Dakar und in Bamako, der Hauptstadt von Mali, sind die Kuriere aktiv.

In den letzten Jahren haben laut UNODC zudem die Lufttransporte wieder zugenommen. Immer häufiger würden dazu zweimotorige Flugzeuge meist aus Venezuela kommend auf verlassenen oder improvisierten Pisten in Nordmali, Guinea-Bissau und anderen Gegenden Westafrikas landen oder ihre Fracht aus niedriger Flughöhe abwerfen, wo das einheimische „Bodenpersonal“ die Ladung in Empfang nimmt.

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Nigerianische Schmuggler präparieren Kokain für den Transport
Nigerianische Schmuggler präparieren Kokainkapseln. Drogenkuriere schlucken die Kapsel häufig, ihr Magen dient als Versteck. Eine lebensgefährliche Praxis, denn manchmal platzen die Kapseln.

Das ist ein einträgliches Geschäft. Die in Nairobi lebende Journalistin Bettina Rühl hat vor drei Jahren Tuareg aus der Wüstenstadt Kidal begleiten können, die ihr Geld mit Sicherheitseskorten für Kokain-Konvois durch die Sahara verdienen. In ihrer Reportage schrieb sie, dass für jede Begleitfahrt, die bis zu einer Woche dauern kann, von den südamerikanischen Auftraggebern umgerechnet 700.000 Euro und mehr bezahlt werden. Selbst für den Fahrer springt da noch ein Lohn von rund 13.000 Euro heraus.Die weitere Drogenroute nach Europa führt dann meist von Mauretanien und Mali aus durch die Sahara über Niger und Tschad bis nach Libyen und Ägypten. Von dort geht es per Schiff Richtung Osteuropa. Die Begleitung der Konvois auf ihrem mehr als 3.000 Kilometer langen Weg durch die Wüste von der mauretanischen zur ägyptischen Grenze teilen sich dabei Angehörige der mächtigsten Volksgruppen der Region: Erguibat, Tuareg und Tubu-Nomaden.

Die Auftraggeber zahlen den Sicherheitseskorten für die Kokain-Konvois durch die Sahara 700.000 Euro und mehr.

In einem solchen Konvoi durch die Sahara werden zwischen 15 und 20 Transporter, die mit jeweils 250 Kilogramm Kokain beladen sind, von zehn Begleitfahrzeugen eskortiert. Auf diesen Pick-ups sitzen jeweils acht mit Kalaschnikows und Granatwerfern bewaffnete Männer. Typisch für die Kokainschmuggler ist, dass sie auf ihren Fahrten mit den sogenannten „huit-huit“ unterwegs sind – Pick-ups, deren Acht-Zylinder-Motoren die Fahrzeuge mit mehr als 150 Sachen durch die Wüste jagen und jeden Verfolger abhängen können.

 

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Drogenschmuggler in Guinea-Bissau bedrohen Mann mit Gewehr
Der Drogenschmuggel ist ein extrem einträgliches Geschäft, von dem viele Kriminelle profitieren wollen. Die Begleiterscheinungen: Drohungen, Entführungen, Morde.

Zu Überfällen und bewaffneten Konflikten mit regionalen Gruppen kommt es ohnehin eher selten. Selbst islamistische Milizen wie al-Qaida im islamischen Maghreb und die Bewegung für Einheit und Heiligen Krieg in Westafrika, die bestimmte Regionen entlang der Schmuggelrouten kontrollieren, sehen meist davon ab, die Drogenkartelle militärisch herauszufordern. Sie kassieren stattdessen lieber Schutz- und Wegezölle, um ihren Dschihad auf diese Weise zu finanzieren.

Der Wert des Kokains verzwanzigfacht sich

All diese Kosten schmälern die Gewinne der Drogenkartelle jedoch nur unerheblich. Die Monatszeitung „Le Monde diplomatique“ erklärte das 2013 damit, dass Kokain zu den Produkten gehört, die den größten Mehrwert erzeugen: Der Hersteller verkauft dem Kartell ein Kilo des Stoffs für 2.000 bis 3.000 Euro, an der afrikanischen Atlantikküste ist es dann bereits 10.000 Euro wert, in den Städten Nordafrikas hat sich der Preis auf 18.000 bis 20.000 Euro verdoppelt, und in den europäischen Metropolen liegt er schließlich zwischen 30.000 und 45.000 Euro. 

Entsprechend hoch sind die Gewinne, die alle am Schmuggel Beteiligten erzielen und die sie einsetzen können, um die höchsten Ebenen von Politik und Militär zu korrumpieren. „Das internationale organisierte Verbrechen folgt einer schlichten wirtschaftlichen Logik: Man sucht immer nach dem höchsten Profit mit geringstem Risiko“, sagte Pierre Lapaque, Leiter der Abteilung Westafrika des UNODC, der „Monde diplomatique“. „Die Schmuggler finden die besten Routen dort, wo ihre Druckmittel – von Todesdrohungen bis zu Mord – und die Korruption ihnen freie Fahrt gewähren.“ Und Teile Afrikas, das zeigt der letzte Drogenreport der UNO, gehören nach wie vor dazu.

Fotos: Marco Vernaschi/Pulitzer Center