Im Krankenhaus von Huntington, einer Stadt von knapp 50.000 Einwohnern im US-Bundestaat West Virginia, liegen 24 Babys auf der Station von Krankenschwester Sara Murray. Sie zittern, sie kotzen, sie schreien, wie es eine Reportage des Fernsehsenders CNN beschrieb.  Es sind Heroin-Babys, süchtig geboren. Eines von zehn in dem Krankenhaus geborenen Kindern leidet unter den Entzugserscheinungen einer Droge. Meistens sind es Opioide. Jeder vierte Einwohner der Stadt ist süchtig nach ihnen.

Die unscheinbare Stadt Huntington steht exemplarisch für die Heroin-Epidemie, die sich in den USA rasant verbreitet hat und die Experten mit der HIV-Epidemie in den 80er und 90er Jahren vergleichen. Die Zahl der Drogentoten insgesamt ist seit dem Jahr 2000 um 137 Prozent gestiegen. Bei den Toten durch Opioide und Heroin ist ein Anstieg von 200 Prozent zu verzeichnen. Jeden Tag sterben in den USA 91 Menschen an einer Überdosis Opioide – im Jahr 2015 waren das 33.091 von insgesamt 52.404 Drogentoten. 2,5 Millionen US-Amerikaner sind süchtig nach Opioiden, die große Mehrheit von ihnen ist hellhäutig und mittleren Alters, lebt in den Vorstädten oder auf dem Land.

In den Wahlkreisen des Rust Belt, in denen Donald Trump besonders viele Stimmen geholt hat, grassiert die Heroin-Epidemie am stärksten

Letztere Statistik überrascht, galten doch vor allem junge Dunkelhäutige in den Großstädten als suchtgefährdet.  Doch die neuen Junkies sind weiße Vorstädter. Leute, die mal ein bürgerliches Leben hatten – bis sie aus der Bahn geworfen wurden und schließlich auf Heroin hängen blieben. Oft wegen einer Krankheit.

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Obdachloser (Foto: Espen Rasmussen)
Der Verfall vieler Menschen ist wie ein Spiegel des Verfalls der Landschaften, in denen sie leben – wie hier in einem Vorort von Detroit (Foto: Espen Rasmussen)

Kathleen Frydl ist Historikerin an der University of California und Autorin des Buches „The Drug Wars in America, 1940-1973“.  Sie hat sich die Statistiken in den Staaten des „Rust Belts“, dort wo die Stahlindustrie darniederliegt und Trump entscheidende Gewinne erzielen konnte, genau angeschaut: Wisconsin, Pennsylvania, West Virgina, Michigan und Ohio. Es sind genau die Wahlkreise, die am stärksten von der Heroin-Epidemie betroffen sind, die früher mehrheitlich demokratisch gewählt und nun für Donald Trump gestimmt haben. In Pennsylvania zum Beispiel weisen alle Wahlkreise, die 2012 mehrheitlich Barack Obama und 2016 Trump gewählt haben, außergewöhnlich hohe Raten von Menschen auf, die an einer Überdosis gestorben sind. Viele dieser Menschen entstammen also einem Milieu und einer Region, in der Donald Trump bei den Präsidentschaftswahlen viele Stimmen holen konnte.

Dort, wo sich einmal Fabrik an Fabrik reihte, um chromblitzende Straßenkreuzer und Wolkenkratzerträger zu produzieren, und wo man als Arbeiter besser verdienen konnte als viele Akademiker, sind jetzt fast nur noch Ruinen und Brachflächen übrig – und kaum noch Jobs. In der Stahlindustrie sind die USA weit hinter Asien zurückgefallen. Von außen betrachtet glitzern die Skylines der Städte im Nordosten immer noch in der Sonne. Doch wer genauer hinsieht, entdeckt die verlassenen Häuser, die arbeitslosen Jugendliche, die armen Alten und die zusammengestürzten Brücken zwischen Straßen voller Schlaglöcher. 

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Mann fährt einen Buggy mit USA Flagge in Youngstown (Foto: Espen Rasmussen/VISUM)
Good Morning America, Bonjour Tristesse: Ein Vorort irgendwo im Rustbelt, wo man früher als Arbeiter besser verdienen konnte als viele Akademiker, heute aber kaum noch Hoffnung ist (Foto: Espen Rasmussen/VISUM)

Waren die Trump-Wähler also alle high? 

Historikerin Frydl selbst warnt vor einer simplifizierten Darstellung. Doch es gebe Anzeichen dafür, dass die Drogenproblematik bei der Wahlentscheidung zumindest indirekt eine Rolle gespielt habe. Die Heroin-Epidemie erscheint als Symptom der gleichen sozialen Misere, aus der heraus vielen Menschen dieser Region Trump als die letzte Hoffnung erschien, hier würde sich jemand noch um ihre Probleme kümmern – während die Demokraten sie vergessen hätten. Exemplarisch zitiert Frydl einen Mann, der zu ihr sagte: „Trump hat eine Chance verdient, denn bisher ist nichts passiert. Wir leben seit Jahren in einer Hölle und nichts ist besser geworden.“

„Die Heroin-Epidemie ist keine unvermeidliche Tragödie“

Wirklich verstehen lässt sich diese Heroin-Epidemie allerdings nur, wenn man sie auch vor dem Hintergrund der weiten Verbreitung bestimmter Arzneimittel in dieser sozialen Schicht betrachtet –und der Sucht der Pharmahersteller nach Profiten. Dass es so viele Heroinabhängige gibt, hängt untrennbar zusammen mit der Geschichte des Schmerzmittels Oxycontin, der Heroin-Ersatzdroge Suboxone, und Naloxon, das im Falle einer Überdosis lebensrettend wirken kann. Alex Lawson, Leiter der gemeinnützigen Organisation „Social Security Works“, die sich um die wirtschaftlich Absicherung sozial Benachteiligter kümmert, beschreibt das Vorgehen der Pharmakonzerne so:  „Die Heroin-Epidemie ist keine unvermeidliche Tragödie, sondern die Konsequenz einer pharmazeutischen Industrie, die mit einer immer aggressiveren Taktik, Ärzte dazu bringt, hochwirkungsvolle Opioide für alle Arten von Beschwerden zu verschreiben, auch für geringe Schmerzen, für die sie absolut unnötig sind.“

Unter Opiaten und Opioiden versteht man natürliche, halbsynthetische und synthetisch hergestellte Substanzen, die Schmerzen lindern, indem sie bestimmte Gehirnregionen beeinflussen. Der Einsatz von Opioiden als Schmerzmittel ist in den USA in den vergangenen 25 Jahren explodiert.

Voll drauf

Leute rauchen OxyContin (Foto: Espen Rasmussen/VISUM)
Die Wirkung des Schmerzmittel Oxycontin potenziert und beschleunigt sich noch, wenn es zerkrümelt und gespritzt wird wie Heroin. Viele Menschen rauchen es aber auch (Foto: Espen Rasmussen/VISUM)
 

Oxycontin wurde 1996 von dem Konzern „Purdue Pharma“ auf den Markt gebracht, basierend auf inzwischen als unseriös eingestuften wissenschaftlichen Gutachten, die selbst einen Langzeitkonsum des Schmerzmittels als nicht suchtgefährdend deklarierten. Die Wirkung des Mittels potenzierte und beschleunigte sich indessen noch, wenn es zerkrümelt und gespritzt wurde wie Heroin. Es wurde zum „Blockbuster-Medikament“. Als Blockbuster gelten in der Pharmaindustrie Medikamente, die einen jährlichen Umsatz von über einer Milliarde US-Dollar machen. Mehr als 30 Milliarden Dollar Umsatz soll die Pille dem Unternehmen Purdue Pharma insgesamt eingebracht haben.

Noch im Jahr 2012 wurde durchschnittlich jedem Amerikaner eine ganze Flasche der so genannten Oxys verschrieben, Schmerzmittel, die Oxycodon enthalten. Bei jedem achten, dem sie verschrieben wurden, führte das in die Abhängigkeit. Von 1999 bis 2015 starben in Amerika über 183.000 Menschen allein an einer opioidhaltigen Schmerzmittel-Überdosis. Auch der Sänger Prince, der im April letzten Jahres gestorben ist, soll aufgrund einer solchen Überdosis sein Leben gelassen haben.

Als die Behörden die Schmerzmittelabgaben reduzierten, suchten die Opioidsüchtigen nach einem Ersatz: Heroin

Die Schmerzmittel wurden verschrieben, sie wurden gehandelt, und viele der Menschen, die keine Krankenversicherung hatten, dafür aber große Schmerzen, kauften die Pillen direkt, anstatt vorher noch Geld für einen Arzt und dessen Beratung auszugeben. Allerdings: Wohl nicht alle hatten Schmerzen physischer Art. Vielen ging es auch darum, der Hoffnungslosigkeit ihrer Welt wenigstens für Momente zu entfliehen. Gerade im Rust Belt gibt es kaum noch Jobs, gerade von den Jüngeren haben viele die Regionen verlassen, um woanders Arbeit zu finden. Was übriggeblieben ist, beschreibt Historikerin Kathleen Frydl als „eine Zeitbombe für den Generationenvertrag, die langsam explodiert und noch Jahrzehnte in verlassenen Straßen und zusammenbrechenden lokalen Einwohnerzahlen widerhallen wird.“

In vielen Bundesstaaten wurde den Behörden das Problem langsam bewusst und sie begannen, die Schmerzmittelabgabe zu reduzieren. Die Opioidabhängigen aber brauchten einen Ersatz. Und fanden ihn bei den Heroindealern auf der Straße.

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Zwei Männer im Rust Belt (Foto: Espen Rasmussen)
Auch einige Regionen in den Appalachen hat es hart getroffen. Viele Menschen dort haben keine Arbeit mehr, seitdem die meisten Kohlenminen geschlossen worden sind (Foto: Espen Rasmussen)

Doch auch im Kampf gegen die Sucht vertrauen die US-Behörden nun wieder auf die Pharmahersteller und ihre Mittel. So sind im US-Haushalt 2017 mehr als 1 Milliarde Dollar für die „zwei Jahre laufende obligatorische Förderung der besseren Verfügbarkeit von Arzneimitteln bei Medikamentenabhängigkeit und Heroinkonsum“ vorgesehen. Die wichtigsten Waffen sind die Mittel Suboxone, ein dem Methadon ähnliches Ersatzmittel und Naloxon (Narcan), ein sogenannter Opioid-Gegenspieler. Nora Volkow, die Leiterin des „National Institute of Drug Abuse“ (Nida) in den USA, beschreibt das Problem auf biochemische Art: „Da die Opioide auf dieselben Hirnsysteme wirken wie Heroin und Morphin, gibt es eine Neigung, sie zu missbrauchen, insbesondere wenn sie für nichtmedizinische Zwecke verwendet werden. Sie sind am gefährlichsten und am stärksten süchtig machend, wenn sie über Methoden eingenommen werden, die ihre euphorischen Effekte erhöhen sollen.“ 

Es gibt viele Verlierer im Rust-Belt, und es gibt viele Verlierer der Heroin-Epidemie in den USA. Die Pharmaindustrie gehört nicht dazu. 

Titelbild: Espen Rasmussen/VISUM