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Die werden immer lauter

Die „Parkland Kids“ sind in kürzester Zeit eine Massenbewegung geworden und Vorbild für politisch engagierte Teenager weltweit. Eine Arte-Doku erzählt ihre Geschichte

Foto: arte

Ein Amoklauf, schon wieder. Kurze Zeit später ist nichts mehr wie zuvor. 14 Schüler*innen und drei Lehrer der MSD Highschool in Parkland, Florida, sterben am 14. Februar 2018. Der 19-jährige Täter, ein ehemaliger Schüler, hatte das Sturmgewehr vom Typ AR 15 legal gekauft. 

Amerikas Jugend hat genug. Genug von jährlich 30.000 Menschen, die durch Schusswaffen sterben. In Parkland kippt die private Trauer um in öffentlichen Protest. Schüler der Highschool und Angehörige von Getöteten gründen die Organisation „Never Again MSD“. Die Protestbewegung wächst zu einer Massenbewegung heran, die ihren vorläufigen Höhepunkt am 24. März 2018 findet: Zeitgleich demonstrieren bei über 700 Kundgebungen in allen 50 Bundesstaaten der USA Hunderttausende, allein in Washington, D.C., 800.000 Menschen. Sie fordern das Verbot von Sturmgewehren für Zivilisten und die Heraufsetzung des Mindestalters für Waffenkäufe auf 21 Jahre. Ein nie dagewesener Widerstand gegen lasche Waffengesetze und die National Rifle Association (NRA), die die Interessen privater Waffenbesitzer vertritt – angestoßen von einer Handvoll Schüler. 

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Lori Alhadeff

Lori Alhadeffs 14-jährige Tochter Alyssa wurde mit einem Sturmgewehr getötet – in ihrer Klasse in Parkland

Trump schlug vor, Lehrer zu bewaffnen

Die Arte-Doku „Never Again – Amerikas Jugend gegen den Waffenwahn“ begleitet einige der „Parkland Kids“ bei ihrem Kampf. Dabei sehen wir nicht nur die aus den Nachrichten bekannten Gesichter wie das von Emma González, Hauptrednerin beim „March for Our Lifes“. Auch eine Mutter kommt zu Wort, deren Tochter von dem Amokläufer in Parkland getötet wurde. Wir sehen ein Handyvideo, das während des Amoklaufs aufgenommen wurde, verwackelte Bilder, Schüsse, Schreie. Wir lernen Audrey Wright kennen, die in der Chicagoer Westside aufwächst und jeden Tag auf dem Schulweg die Angst bezwingen muss, erschossen zu werden. Sie hat an ihrer Schule die Selbsthilfegruppe „Peace Warriors“ gegründet. 

Nach dem Amoklauf von Parkland reagierte die Trump-Regierung mit dem Vorschlag, auch die Lehrer sollten sich ab jetzt bewaffnen. „Wo sollen sie die Waffen tragen? Was, wenn ein Schüler an die Waffen kommt?“, fragt Audrey. Eine Antwort bekommt sie nicht.

Ein Erfolg der Proteste: strengere Waffengesetze in manchen Bundesstaaten

 

Tatsächlich haben einige Bundesstaaten nach den Protesten die Waffengesetze verschärft. Auch wenn es nur Teilerfolge sind, ist es den Jugendlichen gelungen, ein Zeichen zu setzen. Sie werden nicht nur der Waffenlobby im Gedächtnis bleiben als eine ernst zu nehmende, politische Stimme, sie sind längst ein Vorbild – ob für schärfere Waffengesetzte, Klimaschutz, Upload-Filter oder das zu schwere Mathe-Abi: In Windeseile haben junge Menschen es geschafft, sich mit ihren Themen Gehör zu verschaffen.

Manch einer scheint sich an der Tatsache, dass viele der Demonstrierenden formal gesehen noch nicht erwachsen sind, zu stören. „Von Kindern und Jugendlichen kann man nicht erwarten, dass sie bereits alle globalen Zusammenhänge, das technisch Sinnvolle und das ökonomisch Machbare sehen”, ließ ein führender Parteipolitiker verlauten. Andere sagen: Ein Schulstreik ist doch genau das, was die Schüler als solche tun können. Wem die Legitimation als politischer Bürger nur aufgrund seines Alters abgesprochen wird, müsse eben erfinderisch werden.

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Waffenverkäufer in den USA

Während in Deutschland mitunter Monate vergehen, bis eine Pistole ausgehändigt wird, kommen Waffenfreunde in manchen US-Bundesstaaten schon in einem Stündchen zum Schuss – zum Beispiel mit diesem schallgedämpften Modell

Auch zahlreiche junge Gegner der Urheberrechtsverordnung mussten sich anhören, sie seien von Youtube manipuliert und nicht in der Lage, sich eine eigene Meinung zu bilden. Wenige Tage vor Beschluss der Urheberrechtsverordnung im Parlament brachte die Initiative „Safe the Internet“ in Berlin, Hamburg und Brüssel Zehntausende Menschen zum gemeinsamen Protest auf die Straße.

Junge Menschen mobilisieren sich, wollen mitreden bei Themen, die sie mehr betreffen als jene, die die Entscheidungen fällen. Dabei geht es nicht um den Konflikt „Jung gegen Alt“, sondern um politische Teilhabe und Anerkennung. Der „March for Our Lifes“, „Fridays for Future“ und die Initiative „Safe the Internet“ sind Jugendbewegungen, die nicht mehr von Politikern hören wollen, dass sie vom Spiel der Mächtigen noch nichts verstehen. Sie wollen gehört werden. Und sie wissen, wie das geht. Das ist vielleicht der größte Erfolg der Parkland Kids: Sie haben eine Vorlage geliefert.

Never Again – Amerikas Jugend gegen den Waffenwahn“, Arte, 11. Juni 20.15 Uhr. 

Fotos: arte

Das Titelbild zeigt eine Andacht vor einer Schule in Chicago: Ein 15-Jähriger war auf dem Basketballplatz von einem 13-jährigen Mitschüler erschossen worden.

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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