Thema – Klimawandel

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So groß ist Fridays for Future in anderen Ländern

Kenia, Indien oder Dänemark: Wie die Klima-Proteste von Schüler*innen andernorts funktionieren

  • 8 Min.
Fridays For Future Demo in Indien (Foto: LAURENE BECQUART/AFP/Getty Images)

KENIA 

„Länder wie Kenia spüren die Auswirkungen des Klimawandels am deutlichsten“

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Friday For Future in Kenia

Zum ersten und einzigen Mal: In Kenia gab es bisher erst einen #FFF-Streik

Das ZDF sei da gewesen, erzählt Miriam Van Den Berge, ebenso CNN und die Deutsche Welle. Aber leider keine Journalisten von kenianischen Medien. Der erste – und bisher einzige – Fridays-for-Future-Marsch am 15. März ging an der breiten Öffentlichkeit des ostafrikanischen Landes vorbei. Organisiert hatten ihn die 17-jährige Miriam und drei ihrer Schulfreunde: „Wir haben die Schulstreiks in anderen Ländern im Fernsehen gesehen“, erzählt sie, „und die Reden von Greta Thunberg haben uns beeindruckt. Das hat uns dazu inspiriert, auch aktiv zu werden. Immerhin spüren Länder wie Kenia die Auswirkungen des Klimawandels am deutlichsten.“

Miriam und ihre Freunde besuchen eine teure, abgeschirmte Privatschule in der kenianischen Hauptstadt Nairobi. Die Schulleitung habe sie sehr unterstützt, sagt sie, und bezweifelt doch, dass sie jede Woche für einen Marsch freibekämen. Öffentliche Schulen hätten wegen Prüfungen schließlich nicht am Marsch teilgenommen. So standen nach Miriams Zählung etwa 100 Schüler am Eingang des Karura-Waldes in Nairobi. Statt weiterer Freitagsmärsche wollen die Schüler nun lieber in ihrer Umgebung Müllsammlungen veranstalten. (Anja Bengelstorff)

USA

Den US-Amerikanern ist der Green New Deal wichtiger

In den USA wurde in ca. 160 Städten gestreikt. Aber mit weitaus weniger Furor als in Europa. Das ist einerseits überraschend, schließlich waren die Schulstreiks für schärfere Waffengesetze nach dem Attentat an der Highschool in Parkland, Florida, eine der Inspirationsquellen für Greta Thunberg. Andererseits verwundert es nicht: Viel kontroverser als Fridays for Future diskutieren die USA momentan ein anderes Klima-Thema: den sogenannten Green New Deal. Ein Infrastrukturpaket, das zum Beispiel in Jobs rund um erneuerbare Energien investiert, um den Klimawandel einzudämmen. Alexandria Ocasio-Cortez, die im Januar mit 29 Jahren als jüngste Abgeordnete ins Repräsentantenhaus einzog, ist eine der bekanntesten Unterstützerinnen des Green New Deal. An der Beteiligung der linken Politikerin entzündet sich der Streit, ob und welche Maßnahmen im Kampf gegen den Klimawandel nützlich sind. (Daniel C. Schmidt)

CHINA

„Die Politik versucht, Schüler und Studenten von politischen Themen fernzuhalten“

Protestieren ist in China eine komplizierte Sache, der Klimaschutz ist da keine Ausnahme. Daher ist Fridays for Future allenfalls in den sozialen Netzwerken ein Thema, nicht auf der Straße. Hongkong aber ist ein etwas anderes China, dort haben am 15. März tatsächlich einige Hundert Schülerinnen und Schüler öffentlich protestiert. „Es waren fast ausschließlich Schüler der internationalen Schulen“, berichtet Paul Harris von der Universität Hongkong. Zwar waren die Proteste nicht offiziell verboten, doch vor allem staatliche Schulen hätten ihren Schülerinnen nachdrücklich von einer Teilnahme abgeraten, sagt Harris. „Die Staatsregierung in Peking wie auch die lokale Politik in Hongkong versuchen, Schüler und Studenten von politischen Themen fernzuhalten. Daher war es sehr mutig, was die Schüler getan haben.“

Sie blieben an jenem Freitag unerlaubt dem Unterricht fern und marschierten vor das Gebäude der Stadtregierung. Dass aber einigen chinesischen Schüler*innen der Umweltschutz auch wichtig ist, zeigte sich anschließend online: Dort wurden jede Menge Likes für die Protestbilder aus Hongkong verteilt. (Michael Radunski)

Fridays For Future in Hong Kong  (Foto: ANTHONY WALLACE/AFP/Getty Images )

Sieht fast so aus wie in Berlin oder Stockholm, ist aber eine Fridays-for-Future-Demonstration in Hong Kong

(Foto: ANTHONY WALLACE/AFP/Getty Images )
 

JAPAN 

„Wir müssen eine ganz eigene Protestkultur entwickeln“

Fridays for Future ist in Japan eine sehr überschaubare Bewegung. Beim vergangenen Streik liefen rund 125 Demonstranten durch Tokio; protestiert wird einmal pro Monat. Die Protestkultur ist in Japan wenig ausgeprägt, das Umweltbewusstsein junger Menschen gering, das japanische Ganztagsschulsystem fordernd. Das könnten die Gründe für die geringe Beteiligung sein. „Wir müssen hier eine ganz eigene Protestkultur entwickeln“, erklärt die 17-jährige Oberstufenschülerin Tomoka. „Der Protest soll freundlich und wohlwollend sein, darf keine Reibung erzeugen und nicht abschrecken, damit sich die Menschen freiwillig und leicht für den Umweltschutz begeistern.“ Obwohl die Medien über die Proteste berichten, gab es von Politikern bisher noch keine Statements. Die Demonstrant*innen sehen das gelassen: Keine Kritik ist schließlich auch eine Art der Zustimmung. (Nicolas Rose) 

ISRAEL

„Im Gegensatz zu anderen Ländern hinken wir ein bisschen hinterher“

„Es geht um etwas, das größer ist als unsere politischen Verschiedenheiten. Das eint!“, sagt Demonstrant Shoshke. Hinter ihm schallt laute Musik aus solarbetriebenen Lautsprechern. Eine Gruppe – verkleidet als Schildkröte, Hai, Wal oder Eisbär – ruft Slogans: „I want a hot date, not a hot planet.“ Arabische und hebräische Sprechchöre hört man selten gemeinsam auf den Straßen Tel Avivs, heute ist das anders. Es ist der 29. März; zum ersten Mal demonstriert die Fridays-for-Future-Bewegung in Israel. „Im Gegensatz zu anderen Ländern hinken wir ein bisschen hinterher“, meint Studentin Dana. „Aber es ist überfällig.“ In der Tat hat der Nahost-Staat trotz hochmoderner Entsalzungsanlagen und Solarkraftwerken in der Wüste ein gewaltiges Umweltproblem. Die Hitzewellen mehren sich, Mülltrennung und Recycling sind eine Seltenheit, der Jordan und das Tote Meer trocknen aus, weil die Menschen zu viel Trinkwasser entnehmen. (Franziska Knupper)

BOLIVIEN

„Mutter Erde“ als Rechtssubjekt in der Verfassung

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Fridays For Future in Bolivien  (Foto: Nina Py Brozovich)

„Respektiere deine Pachamama“ (Mutter Erde) steht auf einigen Plakaten. In Bolivien ist der Schutz der Pachamama in der Verfassung verankert

(Foto: Nina Py Brozovich)

Ein alter Volvo-Laster schiebt sich gemächlich an der Plaza Murillo vorbei, aus seinen zwei Auspuffrohren kommen dicke Rauchschwaden. Auf dem Plateau gegenüber vom Präsidentenpalast protestieren einige Dutzend Schüler*innen und Studierende. Auf ihren Schildern steht „Fridays for Future“ oder „Respektiert Mutter Erde“. Die 15-jährige Nina geht auf ein privates Gymnasium und hat die Aktionen organisiert. Von Greta Thunberg hat sie über die sozialen Medien erfahren. Auch Nina will nicht länger hinnehmen, „dass die Erwachsenen uns die Zukunft vor unseren Augen stehlen“. In Bolivien ist „Pachamama“ („Mutter Erde“) als Rechtssubjekt in der Verfassung verankert. Klima- und Umweltschutz haben theoretisch einen hohen Stellenwert, die CO2-Emissionen des Andenstaats sind ein Vielfaches geringer als die Deutschlands. Luft- und Umweltverschmutzung sind trotzdem ein großes Problem, vor allem in den Ballungsgebieten. Fridays for Future ist hier mehr als „nur“ ein Schulstreik: Die Gruppe beteiligt sich nach eigenen Angaben an Müllsammelaktionen und setzt sich für den Erhalt der indigenen Naturschutzgebiete ein. Um diese Gebiete gibt es immer wieder handfeste Auseinandersetzungen. Die Regierung möchte dort Staudämme oder Straßen bauen, die indigene Bevölkerung sieht das als Zerstörung von Mutter Erde. (Thomas Guthmann)

INDIEN

„Ich kann nicht atmen. Soll ich aufhören, zur Schule zu gehen?“

Der Himmel über Gurugram ist die tägliche Warnung. Hier, vor den Toren von Neu-Delhi, hat er nur eine Farbe: grau. Gurugram führt die Rangliste der Städte mit der stärksten Luftverschmutzung weltweit an. Einige der Schüler*innen tragen Atemmasken um den Hals. „Ich kann nicht atmen. Soll ich aufhören, zur Schule zu gehen?“, steht auf ihren Plakaten. Oder: „Kinder brauchen saubere Luft“. Rund 500 Schüler*innen gingen auch hier am 15. März auf die Straße, in Städten im ganzen Land taten es ihnen viele gleich. Mehr als ein paar Hundert Demonstrant*innen wurden es aber nirgends. Die Schulen gaben ihnen zum Teil frei. In Zukunft sollen sie einen Tag im Monat für Proteste schwänzen dürfen. Die Bewegung erreicht vor allem gebildete Schichten in den Städten. Laut Weltklimarat (IPCC) gehört Indien zu den am meisten durch den Klimawandel bedrohten Regionen der Welt. Schon bald werden hier mehr Menschen leben als in China, rund ein Drittel arbeitet in der Landwirtschaft. Hitzewellen, extreme Regenfälle und Dürren führen immer wieder zu Ernteausfällen und Toten, die Küstenregionen kämpfen mit dem steigenden Meeresspiegel. (Julia Wadhawan)

DÄNEMARK

„Nicht genug, nicht genug!“

„Ja, ich sitze auf dem Boden – wie die meisten von uns. Sie haben einfach die Hälfte der Zugwagen gestrichen.“ Greta Thunberg ist auf dem Weg zur Berliner Demo, natürlich per Bahn. Von ihrer Reise durch Dänemark postet sie ein Foto auf Instagram. Der Post samt handfester Kritik an der dänischen Verkehrs- und Klimapolitik sorgte in Dänemark für Schlagzeilen. Die dänische Bahngesellschaft entschuldigte sich öffentlich: Es standen „akute Reparaturarbeiten“ an.

Kurz zuvor hatten sich allein in Kopenhagen 10.000 Schüler bei Fridays for Future vor dem Parlament versammelt. Dass die Schüler*innen schwänzen, stört hier kaum jemanden. Von vielen werden die Proteste positiv aufgenommen, andere bezweifeln, dass sie zielgerichtet genug und wirksam sind. Ministerpräsident Lars Løkke Rasmussen kam an einem Freitag dazu und lud sich selbst für eine Rede ein. Er stimmte ein Loblied auf die eigene Klimapolitik an. Dänemark gilt als sehr weit mit dem Ausbau erneuerbarer Energien. Dafür ist die industrielle Landwirtschaft ein akutes Umweltproblem. Wohl auch deswegen unterbrachen ihn die Demonstrant*innen und riefen: „Nicht genug, nicht genug!“ (Thomas Borchert)

Das Titelbild von Laurene Becquart (AFP/Getty Images) zeigt eine Fridays for Future-Demo in Indien.

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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