Thema – Südamerika

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Lieber tot als rot

Vorsicht, dieser Text ist hart zu lesen: Es geht um Diktatoren in Südamerika, Morde und andere Menschenrechtsverletzungen gigantischen Ausmaßes. Und die Rolle der USA dabei

Foto:  THE NEW YORK TIMES/NYT/Redux/laif

Dass eine demokratische Wahl nicht anerkannt wird und sich die Verlierer gegen ihre Niederlage oder ihren Rücktritt stemmen – manchmal bis zum Bürgerkrieg –, das kennt man. Dass aber ein ausländischer Staat den Willen der Wähler ignoriert und deren Heimatland lieber in eine Diktatur stürzt, als die neue Regierung anzuerkennen, das ist ziemlich einzigartig. Aber genau so ist es Anfang der 1970er-Jahre in Chile passiert. „Ich sehe nicht ein, wieso wir tatenlos zusehen sollen, wie ein Land durch die Verantwortungslosigkeit seines eigenen Volkes kommunistisch wird.“ Mit diesen Worten läutete Henry Kissinger, damals Sicherheitsberater des US-Präsidenten Richard Nixon, eine Kampagne ein, um in Chile eine linke Regierung zu verhindern. 

Das Titelbild …

 zeigt den chilenischen Präsidenten Salvador Allende am Tag des Militärputschs. In Begleitung seiner persönlichen Schutztruppe, mit Stahlhelm auf dem Kopf und einer Kalaschnikow auf der Schulter läuft Allende durch den Präsidentenpalast, während dieser bombardiert wird. Es ist das wahrscheinlich letzte Foto von Salvador Allende – wenig später nimmt er sich mit zwei Kopfschüssen das Leben.

Das Foto gewann 1973 den wichtigsten Preis für Fotojournalismus: den World Press Photo Award. Aus Angst vor Verfolgung blieb sein Urherber, der Fotograf und Offizier Leopoldo Víctor Vargas, jahrzehntelang anonym.

Doch die Propaganda konnte im September 1970 am Wahlsieg des Kandidaten eines linken Bündnisses aus kommunistischer, sozialistischer und einigen weiteren kleineren Parteien nichts ändern: Salvador Allende. Mit ihm verbanden viele Chilenen die Hoffnung auf eine Bekämpfung der Armut und eine gerechtere Verteilung von Land und Wohlstand. Für die USA allerdings war Allende ein Wegbereiter des Kommunismus, der die anderen Länder Südamerikas mit seinen Ideen von Gleichheit und Staatseigentum anstecken würde. Diese sogenannte Domino-Theorie gehörte damals zur außenpolitischen Doktrin der USA.

Tipp zur Destabilisation eines Landes: strategisch dessen Waren boykottieren

Um Allende schnell zu stürzen, bemühte man sich zunächst darum, eine Wirtschaftskrise in Chile zu verursachen – unter anderem, indem man auf Rohstoffe, die das Land verkaufte, einen Boykott verhängte. „To make the Chilean economy scream“ – so beschrieb Nixon den Zweck der Maßnahmen. Tatsächlich kam es in Chile zu Engpässen, gleichzeitig profitierten viele – vor allem die zuvor benachteiligten Menschen – von Sozialprogrammen, die Allende ins Leben rief.

Um ihr Ziel schneller zu erreichen, machte sich die CIA auf die Suche nach chilenischen Militärs, die gegen ihre eigene Regierung revoltieren würden, zunächst allerdings erfolglos. So verkündete der damalige Oberbefehlshaber der Armee, General Réne Schneider, dass er die Verfassung schützen und sich aus der Politik heraushalten werde – eine Loyalität, die ihn letztlich das Leben kostete. Schneider wurde bei einem Attentat in Santiago durch ein von der CIA unterstütztes Killerkommando ermordet.

Schließlich fanden die US-Amerikaner in Augusto Pinochet jenen skrupellosen General, der den Putsch befehligte. Am 11. September 1973 ließ er Kampfjets den Präsidentenpalast bombardieren. Bevor Allende seinen Häschern in die Hände fallen konnte, nahm er sich ausgerechnet im „Saal der Unabhängigkeit“ das Leben – und entging so womöglich einem Schicksal in den Folterkellern des neuen Regimes. Denn das machte gnadenlos Jagd auf Andersdenkende. Bis zum Ende der Diktatur 1990 wurden Zehntausende Menschen inhaftiert, gefoltert und ermordet. 

Chilenische Präsidentenpalast La Mondena unter Beschuss (Foto: picture alliance / AP Photo)

Am 11. September 1973 steht der chilenische Präsidentenpalast La Mondena in Flammen: Kurz nach Allendes letzter Radiorede an die Nation begannen die Putschisten um General Pinochet mit Panzern auf den Palast zu schießen. Bombenangriffe aus der Luft folgten, jeder Widerstand war zwecklos

(Foto: picture alliance / AP Photo)

Dabei war Chile nicht die einzige rechtsgerichtete Diktatur, die sich in den 1970er- und 1980er-Jahren in Südamerika etablieren konnte und dabei von den USA unterstützt wurde. In Brasilien war bereits 1964 eine Militärregierung mithilfe Washingtons ins Amt gekommen, in Paraguay wurde der Diktator Alfredo Stroessner unterstützt. Der Kampf der Systeme – Kapitalismus gegen Kommunismus – hatte nach Korea und Vietnam auch Südamerika zu einer Sphäre gemacht, in der die Menschenrechte unter Krieg und Repression litten. So arbeiteten unter dem Namen „Operation Condor“ die Geheimdienste sechs südamerikanischer Staaten zusammen, um weltweit linke oppositionelle Kräfte zu verfolgen und zu töten – mit Unterstützung der USA. Nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen wurden im Zuge dieser Aktionen etwa 50.000 Menschen ermordet, darunter Orlando Letelier, der frühere Außenminister Chiles unter Allende, der 1976 in Washington mit einer Autobombe umgebracht wurde.

Auch eine Idee zur Destabilisation: Bootcamps für gewaltsame Umstürze organisieren

In einer speziellen Ausbildungsstätte, der sogenannten „School of the Americas“ (Escuela de las Américas) in der damaligen Panamakanal-Zone bildeten die USA zudem südamerikanische Militärs für gewaltsame Umstürze aus und brachten ihnen dabei sogar Foltertechniken bei. Absolventen waren neben argentinischen Militärs auch der bolivianische Diktator Hugo Banzer Suárez und der Leiter des Geheimdienstes in Chile, Manuel Contreras. Letzterer wurde später in 59 rechtskräftigen Gerichtsurteilen zu Haftstrafen von mehr als 500 Jahren verurteilt, unter anderem wegen Entführung und Folter.

Augusto Pinochet hatte mehr Glück. Er regierte bis 1990, und als er acht Jahre später für knapp eineinhalb Jahre in England unter Hausarrest stand, setzte sich sogar der Heilige Stuhl in Rom für seine Freilassung ein – schließlich war Pinochet Katholik. 2000 wurde er wegen seines schlechten Gesundheitszustandes entlassen und kehrte nach Chile zurück. Als er 2006 beerdigt wurde, defilierten 60.000 Anhänger an seinem Sarg vorbei. Seine Gegner wiederum versammelten sich am Denkmal für Salvador Allende vor dem Präsidentenpalast – jenem Ort, an dem sich dieser in den Trümmern des Gebäudes und der Demokratie einst das Leben genommen hatte. Am 11. September 1973, dem 9/11 Chiles.

Titelbild:  THE NEW YORK TIMES/NYT/Redux/laif

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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