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Die Aufarbeitung der argentinischen Diktatur ist ein langer Prozess, der noch nicht abgeschlossen ist

Madres de Plaza de May (Foto:  EITAN ABRAMOVICH/AFP/Getty Images)

Ein grauenhafter Fund sei an den Ufern des Río de la Plata in Argentinien gemacht worden, so berichtete am 29. Mai 1976 die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“: elf Leichen, die Spuren grausamer Folterungen aufgewiesen hätten, an einer habe ein Stück Beton gehangen. Der Hintergrund, so hieß es in der Zeitung, sei wohl eine „Tragödie politischer Natur“.

Diese politische Tragödie hatte am 24. März 1976 begonnen, als sich das argentinische Militär an die Macht putschte und die Präsidentin Isabel Perón stürzte. Die galt als schwach, mit der Wirtschaft ging es bergab, und linke Extremisten und das rechtsgerichtete Regime bekämpften sich mit brutaler Gewalt in der Öffentlichkeit. Unter dem Vorwand, die gesellschaftliche Ordnung wiederherstellen und den Linksterrorismus bekämpfen zu wollen, verwandelte die Militärregierung unter Jorge Rafael Videla das Land in kürzester Zeit in eine Diktatur, in der Oppositionelle gnadenlos verfolgt wurden. Um in einem der berüchtigten Folterzentren zu landen, reichte es schon, sich in sozialen Projekten oder für Arbeiterrechte zu engagieren. Selbst die Bürger anderer Staaten konnte es treffen.

Argentinien ist der zweitgrößte Staat Südamerikas. Klimatisch und landschaftlich bietet es weit mehr als nur die Pampa, jene Grassteppe, die auch vielen Europäern ein Begriff ist. Die knapp 45 Millionen Einwohner des Landes leben zu einem großen Teil in Buenos Aires und wenigen anderen größeren Städten.

So war unter den Leichen, von denen die „FAZ“ berichtete, womöglich auch die von Klaus Zieschank, einem Deutsch-Argentinier, der in Buenos Aires ein Praktikum gemacht hatte und in das Visier der Militärs geraten war, weil er sich zuvor in Deutschland gegen die Diktatur in Chile engagiert hatte. Noch in den Tagen des Putsches wurde er entführt, betäubt und mit Draht an einen anderen Menschen gefesselt aus einem Flugzeug über dem Río de la Plata abgeworfen. So verfuhr das Regime mit vielen Kritikern.

Auch die deutsche Studentin Elisabeth Käsemann fiel dem Staatsterror zum Opfer. Sie hatte sich in Armenvierteln in Buenos Aires engagiert und Regimekritikern bei der Ausreise geholfen – als man sie ebenfalls entführte und nach monatelanger Folter erschoss. Ihr Fall machte vor allem deswegen Schlagzeilen, weil ihr Vater – ein bekannter Theologe, der einst von der Gestapo festgenommen worden war – öffentlich die damalige Bundesregierung (aus SPD und FDP) anklagte, sich aus wirtschaftlichen Gründen nicht für die Befreiung seiner Tochter eingesetzt zu haben. Deutschland exportierte zu dieser Zeit die meisten Waffen nach Argentinien. Tatsächlich hatten andere europäische Staaten erfolgreich bei der Militärjunta interveniert, um ihre Bürger zu retten.

Deutschland war nicht das einzige Land, das sich nicht entschieden gegen die argentinische Diktatur stellte. Bei der Fußballweltmeisterschaft 1978 in Argentinien nahmen 16 Nationen teil, keine protestierte offiziell bei der Militärregierung. Später stellte sich heraus, dass die Inhaftierten im Folterzentrum ESMA den Jubel der Fußballfans im nahen Stadion hatten hören können. 

Eva Perón

„Evita“ gilt vielen Argentiniern heute als eine der größten Wohltäterinnen der Nation und hat fast den Status einer Heiligen. 1919 als uneheliche Tochter eines Großgrundbesitzers geboren und in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen, kämpfte sie als Ehefrau des Präsidenten Juan Péron erfolgreich für das Frauenwahlrecht und für die sozial Schwachen und Unbeachteten, was Kritiker nur für Show hielten. Insgesamt verfolgten die Peróns eine nationalistische Politik und sympathisierten mit den europäischen Faschisten.

Insgesamt ließ das Regime rund 30.000 Menschen verschwinden, viele Angehörige wissen nach wie vor nicht, was mit ihren Söhnen, Töchtern, Vätern und Müttern passiert ist. Mehr als 500 Kinder und Babys wurden ihren Müttern zudem rechtswidrig weggenommen und an Angehörige der Streitkräfte oder regime­treue Familien übergeben.

Nach dem Ende der Diktatur 1983 wurden zunächst einige Täter verurteilt, als aber das Militär mit einem erneuten Putsch drohte, stellte man weitere Ermittlungen ein, bereits Verurteilte wurden wieder begnadigt. Die darauffolgenden Regierungen plädierten für einen Schlussstrich, allerdings kam es in der Bevölkerung immer wieder zu Protesten. Bekannt wurden die „Madres de Plaza de Mayo“ – Mütter, deren Kinder während der Diktatur verschwanden und die über Jahrzehnte jede Woche vor dem Regierungspalast gegen das Vergessen demonstrierten.

Dennoch blieb Menschenrechtsaktivisten lange Zeit nur der Gang an internationale Gerichte – unter Verweis auf das Völkerrecht. So erließ das Amtsgericht Nürnberg 2001 Haftbefehle gegen die Verantwortlichen für den Mord an Elisabeth Käsemann, die 2009 vor einem argentinischen Gericht zu lebenslangen Freiheitsstrafen verurteilt wurden. Seit 2003 hatte sich unter dem Präsidenten Néstor Kirchner die Überzeugung durchgesetzt, dass den Opfern der Diktatur eine Art Schlussstrich ohne umfangreiche Aufarbeitung nicht zuzumuten sei. Bis heute wurden von 1.500 Angeklagten mehr als die Hälfte verurteilt. Diktator Videla starb 2013 im Gefängnis. „Die Gerichtsprozesse des letzten Jahrzehnts haben zu einem gesunden Prozess der Erinnerung, der Wahrheit und der Gerechtigkeit geführt“, sagt der argentinische Bundesrichter Daniel Rafecas. „Und sie haben maßgeblich zur Ablehnung der autoritären Kultur und zur Stärkung der demokratischen Werte beigetragen.“

Titelbild:  EITAN ABRAMOVICH/AFP/Getty Images

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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