fluter.de: Der Internationale Währungsfonds hat gerade in einer Untersuchung beklagt, dass die Verteilung der Vermögen zwischen Reichen und Armen auf der Welt immer ungleicher wird. Als eine Lösung schlägt – nicht nur – diese Organisation Umverteilung vor. Sie beschäftigen sich seit längerem mit Ungleichheit, sagen aber, reine Umverteilung etwa über Steuern oder Sozialausgaben sei die falsche Antwort. Warum?

Aaron Sahr: Wer nur mit Umverteilung auf das Problem reagiert, der übersieht, dass die extreme Ungleichheit bei den Vermögen ihre Ursache gar nicht mehr hauptsächlich in der ungerechten Verteilung des Erwirtschafteten auf Märkten hat. Seit mehr als 150 Jahren hat man Reichtum in der Welt vor allem als Verteilungsfrage diskutiert: die Frage, ob Kapitalbesitzer möglicherweise zu viel von dem Wohlstand abbekommen, der von den Arbeitenden geschaffen wird, und die arbeitenden Menschen zu wenig. Wer Kapital besitzt, so die Beobachtung, kann sich auf dem Markt immer besser behaupten als die Besitzlosen und verdient dadurch wiederum mehr – und deswegen muss man umverteilen. Viele Kritiker betrachten die heutige globale Vermögenssituation immer noch nach diesem Schema. Wenn wir das tun, verkennen wir aber, dass der größte Teil des enormen Reichtums inzwischen aus ganz anderen Quellen kommt und nicht aus diesem Ungleichgewicht. Da würde Umverteilung schlicht zu kurz greifen.

Woher kommt demnach der ganze Reichtum?

Aus einem Mechanismus, den viele übersehen, auch wenn er gar kein Geheimnis ist. Es ist die Tatsache, dass private Banken – also gewinnerzielende Unternehmen – heute so viel oder so wenig Geld produzieren können, wie ihnen lukrativ erscheint. Das geschieht, wenn jemand eine Bank um einen Kredit bittet. Oder wenn diese bestimmte Vermögenswerte wie Aktien kauft. Dann kann sie das Geld, mit dem sie diesen Kauf bezahlt, oder das Geld, das sie verleiht, einfach dadurch erzeugen, dass jemand in der Bank den Betrag in die Computertastatur eintippt. Dann erscheint diese Summe auf dem Konto desjenigen, der sich gerade Geld leiht – ohne dass die Bank das Geld irgendwoher nehmen müsste. Ich spreche deshalb von Keystroke-Kapitalismus, weil Kapitalerzeugung per Tastendruck zum zentralen Merkmal des globalen Wirtschaftssystems geworden ist.

„Das Problem liegt darin, dass die Banken in den letzten Jahrzehnten dieses Privileg der Geldschöpfung immer exzessiver genutzt haben“

Das ist erst einmal nur ein technischer Vorgang, was hat das mit Reichtum zu tun?

Das Problem liegt darin, dass die Banken in den letzten Jahrzehnten dieses Privileg der Geldschöpfung immer exzessiver genutzt haben. Sie haben das von ihnen erzeugte Geld nicht hauptsächlich für Investitionskredite verwendet, die etwa Arbeitsplätze geschaffen hätten. Sondern es wurde verwendet für den Kauf von Vermögenswerten. Dazu gehören etwa lukrativer Wohnraum und Boden in den Städten als Spekulationsobjekt. Oder einfach Finanzpapiere wie Anleihen und Aktien. Dadurch ist immer mehr und mehr Geld entstanden, und zwar schneller, als die Wirtschaft gewachsen ist. Diese Vermögenswerte, die schon immer in der Hand einer Minderheit gewesen sind, sind im Wert ständig gestiegen. Damit wurde es für alle Beteiligten, also Unternehmen genauso wie Privatleute, interessanter, auch in solche Vermögenswerte zu investieren und sich Geld dafür zu leihen. Dadurch ist verhältnismäßig immer weniger Kapital in die sogenannte Realwirtschaft geflossen, also sowohl in die Industrie, aber eben auch in die nichtfinanziellen Dienstleistungen. Das hat dazu geführt, dass vor allem Kapitalanlagen, das sogenannte Finanzkapital, im Wert gestiegen sind. Und zwar unabhängig von Arbeitskraft. Neben der Globalisierung gab es damit eine zweite Umwälzung der Weltwirtschaft, die Finanzialisierung.

Dadurch mag vielleicht mehr Reichtum entstehen. Ein Problem wäre es doch erst, wenn dabei auch die nicht so Reichen ärmer würden?

Genau das geschieht. Banken haben immer weniger Kredite für produktive Investitionen vergeben und immer mehr Kredite für den Kauf von Vermögensanlagen. Dadurch wurde es lukrativer, ebenfalls in diese Vermögensanlagen zu investieren. Das hat einerseits die Besitzer dieser Finanzanlagen immer vermögender gemacht. Andererseits hat es die Arbeit in den Unternehmen abgewertet. Wenn Sie immer mehr Einnahmen dadurch generieren, dass Sie auf Finanzmärkten investieren, dann werden die Arbeiter, die Ihre eigentlichen Produkte herstellen, weniger wichtig. Das ist ein ganz bedeutender Faktor, der uns erklären kann, warum die Durchschnittseinkommen stagnieren oder nicht so stark wachsen wie die oberen Einkommen, die nämlich von diesen Investments profitieren.

Kann man die Weltwirtschaft so simpel aufteilen? Hier die gute, produktive Realwirtschaft, die noch echte Werte schafft – und dort die schlechte Finanzwirtschaft?

Sowohl Finanzwirtschaft als auch Realwirtschaft sind für unsere Ökonomie entscheidend. Es geht mir nicht darum, sie gegeneinanderzustellen. Ich will darauf aufmerksam machen, dass die Entwicklung die Ungleichheit verschärft. Wenn man zurückschaut, dann beginnt unsere moderne, hochproduktive, Wohlstand generierende Ökonomie an dem Punkt, an dem sich eine funktionierende Finanzwirtschaft entwickelt. Es ist der Punkt, an dem Unternehmer nicht mehr darauf angewiesen sind, dass sie bereits Kapital angehäuft haben, um investieren zu können. Sondern sie können sich dieses Kapital bei Banken leihen. Das hat enorme Vorteile. Aber heute führt die exzessive Geldschöpfung der Finanzwirtschaft eben auch zu einem Ungleichheitsproblem.

„Die Einkommenszuwächse bei dem oberen einen Prozent sind deutlich höher als bei den gesamten 99 Prozent darunter“

Womit fing denn das Problem an? Als man die Geldmenge nicht mehr an die Goldvorräte bei den Zentralbanken gekoppelt hat? Oder erst mit der Globalisierung?

Banken haben schon seit dem 17. Jahrhundert Geld geschöpft durch Buchungsvorgänge, und das war extrem wichtig für deren Entwicklung und die Entkopplung von Unternehmertätigkeit und Kapital. Das Problem, das wir heute haben, entsteht aus der Vorstellung, die Zentralbanken könnten durch restriktive Geldpolitik die Konjunktur bändigen und alles andere würde sich schon auf diesen Märkten selbst lösen. Das hat sich als ein Irrtum erwiesen. Und das wiederum hängt in der Tat mit der Entscheidung von 1973 zusammen, das sogenannte System von Bretton Woods, also den internationalen Gold-Dollarstandard, abzuschaffen. Damit ist der letzte Anker gefallen. Heute können die Zentralbanken nur noch alles bestätigen, was die Privatbanken machen. Die privaten Banken schaffen Geld, und die Zentralbanken produzieren das, was benötigt wird, dann an Barreserven nach. Ansonsten würden sie einen Crash riskieren. Die Globalisierung, also die Öffnung und Internationalisierung der Märkte, hat diesem Potenzial zwar damals den Raum zur Entfaltung gegeben. Wichtiger war allerdings der Prozess der Finanzialisierung – also dass sich Unternehmen, Privatleute und Staaten immer mehr und mehr verschuldet haben, um immer mehr und mehr in Finanzanlagen zu investieren.

Goldbarren (Foto: Tim Wegner/laif)
Das waren noch goldene Zeiten: Früher waren die Wechselkurse der Währungen an den internationalen Gold-Dollarstandart gebunden. Seitdem diese Bindung Anfang der 1970er Jahre aufgelöst worden ist, haben die Banken deutlich mehr Freiheiten, Geld einfach zu erschaffen (Foto: Tim Wegner/laif)
 

Nun lässt sich doch aus Sicht der Finanzbranche entgegenhalten: Von den von Ihnen gescholtenen Finanzanlagen profitieren nicht nur Reiche, sondern auch Millionen arbeitende Menschen, die Geld in ihre Altersvorsorge stecken. Ist das falsch?

Im Gegenteil, wir müssen uns klarmachen, dass an diesen Prozessen wir alle beteiligt sind. Ein wichtiger Faktor der Finanzialisierung ist das Wachstum privater Pensionsfonds in den USA seit den 1960er-Jahren. Auch private Investmentfonds, in die breite Bevölkerungsschichten investieren, sind an diesen Prozessen beteiligt, und die verdienen natürlich auch daran. Wenn ich auf diese Probleme aufmerksam mache, dann nicht, weil ich glaube, dass man das alles abschaffen könnte oder sollte. Es geht erst einmal nur darum, festzustellen, wie ungleich die Verteilung der Renditen trotz der Beteiligung aller ist. Die Einkommenszuwächse bei dem oberen einen Prozent sind deutlich höher als bei den gesamten 99 Prozent darunter. Und dazu gehören eben auch die, die in die Altersvorsorge investieren. Natürlich profitieren viele, aber sie profitieren unterschiedlich stark.

„Der Beweis dafür, dass wir so radikale Vermögenszuwächse bei dem oberen einen Prozent brauchen, um diese geringen Zuwächse bei dem ganzen großen Rest zu erhalten – der wurde schlicht noch nicht erbracht“

Es gibt auch positive Auswirkungen der Entwicklung in den vergangenen 30 Jahren: Sie lieferte das Geld für das stürmische Wachstum der Weltwirtschaft, für technische Innovationen, die das Leben besser und Volkswirtschaften reicher gemacht haben. Kleine Firmen konnten globale Märkte erobern. Ehemalige Schwellenländer können heute erfolgreich in der Weltwirtschaft mitspielen. Muss man vielleicht bei so vielen positiven Effekten ein klein wenig mehr Ungleichheit in Kauf nehmen?

Der Hinweis auf die positiven Seiten ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Wir dürfen als Soziologinnen und Soziologen nicht den Eindruck erwecken, wir hätten Patentrezepte für die perfekt funktionierende Organisation von gesellschaftlichen Bereichen wie Geldschöpfung oder Wirtschaft insgesamt. Aber der Beweis dafür, dass wir so radikale Vermögenszuwächse bei dem oberen einen Prozent brauchen, um diese geringen Zuwächse bei dem ganzen großen Rest zu erhalten – der wurde schlicht noch nicht erbracht. Natürlich haben wir ein Wachstum der sogenannten globalen Mittelschicht. Aber nichtsdestotrotz nimmt die Vermögenskonzentration weiterhin stark zu, und sie wird auch noch viele Jahre zunehmen. Denn die sogenannten Schwellenländer holen nicht so schnell auf, dass sie den Abstand zu den Oberschichten in den entwickelten Ländern nennenswert verringern. Es gibt keinen Beweis, dass es dieses immense Maß an Ungleichheit braucht für die Erfolge, die es zweifelsfrei gibt.

Seit der Finanzkrise versuchen Staaten, dem Finanzsektor beizukommen, zum Beispiel mit strengeren Regeln, wie viel Eigenkapital Banken für das von ihnen verliehene Geld bereithalten müssen. Geht das in die richtige Richtung, oder bedarf es ganz anderer Maßnahmen?

Zweifellos sind diese Reformen wichtig. Da gibt es auch erstaunlich wenig Widerspruch aus der Finanzbranche selbst. Aber der Großteil dieser Reformen kratzt nur an der Oberfläche. An den Strukturen des Finanzsystems und auch an den Strukturen, die den Prozess der Finanzialisierung verantworten, rührt das nicht. Wenn man es ernst meint mit einer Bekämpfung auch der Ungleichheitsfolgen, dann muss man über die Geldschöpfungsprivilegien sprechen.

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Aaron Sahr (Foto: privat)
Aaron Sahr arbeitet am am Hamburger Institut für Sozialforschung und ist dort hinter dem ganz großen Geld her. Also nicht für sich selber, sondern in Form der Strukturen des Finanzkapitalismus, denen er als Soziologe auf der Spur ist (Foto: privat)

Sehen Sie denn Möglichkeiten für demokratisch verfasste Staaten, wieder mehr Kontrolle zu gewinnen? Wollen Sie, dass Zentralbanken stärker von Parlamenten kontrolliert werden oder dass diese mehr Macht erhalten?

Forderungen, die es in den letzten Jahren gibt, nach einer Demokratisierung der Zentralbanken treffen die Strukturen nicht im Kern. Denn die Zentralbank, gerade im Euroraum, hat ja gezeigt, dass sie kaum mehr Einfluss nehmen kann auf die Entwicklung der Geldmenge und auf die Frage, wofür das Geld investiert wird. Wir müssten, wenn wir wirklich etwas ändern wollen, über eine Frage sprechen, die für viele Ökonomen immer noch ein Tabu ist: Warum haben sich eigentlich die Staaten Europas selbst ein Verbot auferlegt, nach dem sie nicht mehr ohne Autorisierung durch die EZB selber Geld herstellen dürfen? Das, was im Fachjargon monetäre Staatsfinanzierung heißt, sollte wieder diskutiert werden. Sollen weiterhin private Banken allein entscheiden, wo neues Geld investiert wird? Wenn Staaten eigene Aufgaben finanzieren wollen, müssen diese sich auf Dauer das Geld entweder über Steuern verdienen oder eben leihen, und zwar in der Regel von ebenjenen Banken. Ist das wirklich die beste Lösung? Diese Diskussion würde den Kern der Ordnung berühren.

 

Staaten das Recht geben, wieder selbst Geld zu drucken? Vertrauen Sie denn darauf, dass Politiker in dem angestrebten Sinne das Geld effizienter ausgeben würden als Privatinvestoren?

Es gibt da in der Tat Gründe für Skepsis. Die klassische Sorge ist: Wenn wir Politikern, die wiedergewählt werden wollen, das Recht zur staatlichen Geldschöpfung einräumen, benutzen sie das für Geschenke an die Wähler und stürzen alles ins Chaos. Da ist was dran. Aber jetzt müssen wir doch feststellen, dass die private Geldschöpfung auch nicht funktioniert und zu Gefahren für die Weltwirtschaft führt. Deshalb müssen alle Optionen auf den Tisch. Das ist die Voraussetzung dafür, dass man am Ende eine wirklich gute Ordnung schafft.

Titelbild: Tim Wegner/laif