Ich arbeite seit August 2011 bei abgeordnetenwatch.de im Bereich Organisation, Wahlen und Parlamente und leite zusätzlich unser Büro in Hamburg. Zu abgeordnetenwatch.de bin ich gegangen, weil ich schon lange politisch interessiert bin und immer den Drang hatte, etwas zum Guten zu verändern. Parteien fand ich für mich, sosehr ich auch ihre Notwendigkeit sehe, nie ansprechend. Auch eine Karriere als Politiker hat mich nie gereizt. Von der Arbeit bei abgeordnetenwatch.de hingegen war ich von Anfang an begeistert.

Im Grunde dreht sich hier alles um Transparenz in der Politik. Da gibt es einmal das Frageportal, wo jeder Bürger Politikern Fragen stellen kann. Die Fragen leiten wir weiter an den zuständigen Wahlkreisabgeordneten, der – ob man ihn gewählt hat oder nicht – erster Ansprechpartner im Bundestag ist. Fragen und Antworten werden bei uns veröffentlicht. Der zweite große Bereich ist die Recherche. Wir haben einen Blog, für den wir zu Themen wie Nebentätigkeiten von Politikern, Parteispenden oder Lobbyismus recherchieren. Der dritte Bereich ist PetitionPlus, wo wir große Onlinepetitionen mit Umfragen begleiten, um zu sehen, wie die Themen in der Bevölkerung ankommen. Anschließend bitten wir die Abgeordneten des betroffenen Parlamentes, Position zum Petitionsanliegen zu beziehen.

„Wir möchten geheimen Lobbyismus abschaffen, weil wir darin eine große Gefahr für die Demokratie sehen.“

Arbeiten bei einer NGO – wie geht das?

Wer inhaltlich arbeitet, hat klassischerweise ein Studium der Gesellschaftswissenschaften absolviert, also Politik, Geschichte oder Ähnliches. Doch gerade bei großen NGOs gibt es viele verschiedene Aufgabenbereiche wie Öffentlichkeitsarbeit, Buchhaltung, Marketing und IT: Bei abgeordnetenwatch.de beispielsweise arbeiten Informatiker an der Entwicklung von Tools und an der Weiterentwicklung der Seite. Der typische Weg zu Organisationen wie abgeordnetenwatch.de führt über ein Praktikum im Studium. Wenn Bedarf besteht, gibt es vielleicht im Anschluss eine studentische Mitarbeiterstelle. Wichtig: Kontakte zu den Organisationen knüpfen und dranbleiben.

Was verdiene ich da?

Das Gehaltsniveau bei NGOs ist nicht immer, aber häufig niedriger als in der freien Wirtschaft und im öffentlichen Dienst. Bei abgeordnetenwatch.de verdient ein Mitarbeiter mit einer 35-Stunden-Woche etwa 3.100 Euro brutto im Monat. Studentische Mitarbeiter verdienen 10 Euro, freie Mitarbeiter 17 bis 20 Euro brutto pro Stunde.

Mein Schwerpunkt bei abgeordnetenwatch.de ist derzeit der Gesetzentwurf für ein Lobbyregister. Wir möchten geheimen Lobbyismus abschaffen, weil wir darin eine große Gefahr für die Demokratie sehen. Ein wesentlicher Baustein dazu ist ein verpflichtendes Register, in das sich alle Lobbyisten eintragen und Angaben zu ihren Auftraggebern, ihren Zielen und ihrer Finanzierung machen müssen.

Anfang des Jahres haben wir beschlossen, dass wir nicht nur abstrakte Forderungen in den Raum werfen möchten. Deshalb haben wir einen Gesetzentwurf ausgearbeitet. Ziel ist, zu definieren, welchen legalen Lobbyismus es geben soll und welche Formen des Lobbyismus illegal würden.

In der Vorbereitung habe ich mir existierende Vorschläge für ein Lobbyregister angesehen, Einschätzungen durchgelesen und begonnen, selbst Punkte zu definieren, die unser Gesetzentwurf beinhalten soll. Gleichzeitig organisiere ich die Abstimmung mit dem Verein LobbyControl, mit dem wir das Gesetz zusammen erarbeiten. Wir besprechen unsere Forderungen miteinander und arbeiten sie gemeinsam aus. Nun bin ich kein Jurist, deshalb habe ich unsere Anwältin ins Boot geholt, damit sie mich beim Gesetzestext unterstützt.

„Es geht allen darum, die selbstbestimmte Gesellschaft zu stärken“

Für das Ergebnis haben wir eine Internetseite erstellt, auf der jeder den Text einsehen und kommentieren kann: lobbyregister.org. Das Transparenzgebot gilt schließlich auch für unsere eigene Arbeit. Als nächster Schritt steht nun eine Überarbeitung des Gesetzentwurfs an, bei dem eingegangene Kommentare berücksichtigt werden. Dann übergeben wir den fertigen Entwurf an den Bundestag.

Was, wie ich finde, bei abgeordnetenwatch.de außergewöhnlich ist, ist die gute Arbeitsatmosphäre. Das Arbeiten im Team funktioniert hier sehr gut, weil alle an einem Strang ziehen. Alle haben Lust, etwas zu erreichen, das ergibt eine gute Dynamik. Außerdem haben wir flache Hierarchien, wichtige Entscheidungen treffen wir im Team. Es geht allen darum, die selbstbestimmte Gesellschaft zu stärken, die eine gut funktionierende Demokratie benötigt.

Wenn es hier überhaupt etwas gibt, was mich ein wenig nervt, ist es, dass wir oft sehr dicke Bretter bohren müssen, um politisch etwas zu bewegen. Aber ich bin ein ausgeglichener Mensch und froh, dass es bei uns um Lösungen und gemeinsame Ziele geht, auch wenn wir es mit dicken Brettern zu tun haben.