Duc van Luong bog gerade auf die Zielgerade seiner Universitätslaufbahn ein, als er sanft auf die Bremse trat. Der Elektrotechnikstudent war im Masterstudium angekommen und hätte den bewährten Karrierepfad nehmen können: Gas geben, Job finden, Geld verdienen. Der Konjunkturmotor in Deutschland brummt, Ingenieure sind auf dem Arbeitsmarkt heiß begehrt. Oft sprechen gut zahlende Unternehmen schon vor dem Studienende angehende Ingenieure an. Doch Duc entschied sich gegen den Endspurt, ließ es stattdessen lieber etwas langsamer angehen. Ein Flyer an der Hochschule hatte ihn auf die Hilfsorganisation Ingenieure ohne Grenzen aufmerksam gemacht. „Ich wollte Neues kennenlernen“, sagt er und lacht, „mein Wissen in die Welt hinaustragen.“

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Ganz vorne mit dabei: Luc van Luong bei seinem Einsatz für eine Kita in Togo, die eine neue Wasserversorgung braucht (Foto: Ingenieure ohne Grenzen)
Ganz vorne mit dabei: Luc van Luong bei seinem Einsatz für eine Kita in Togo, die eine neue Wasserversorgung braucht (Foto: Ingenieure ohne Grenzen)

Etwas Gutes tun, das wollen viele. Gleichzeitig die Welt bereisen, exotische Orte erkunden, neue Kulturen kennenlernen, das klingt vielversprechend – die Liste der Projektländer von Ingenieure ohne Grenzen liest sich wie eine Aneinanderreihung von Sehnsuchtszielen für Backpacker: Nicaragua, Tansania, Haiti, Nepal. Diese Orte verheißen Abenteuer weit weg von Bettenburgen und Touristenströmen. Aber es sind eben auch Länder, in denen es an Vielem fehlt. Die Infrastruktur funktioniert oft nicht richtig,  breiten Teilen der Bevölkerung mangelt es am Notwendigsten, etwa der Versorgung mit Wasser und Energie. Die Teilnehmer von Ingenieure ohne Grenzen möchten Abhilfe schaffen und vor Ort helfen. Aber flugs die Koffer packen und hinreisen – so einfach ist das nicht.

Auch Duc übernahm zunächst organisatorische Aufgaben, verfasste Beiträge für den internen Blog und schrieb Rundmails. „Ich hatte Glück und stieß zu einer Umbruchzeit zur Leipziger Regionalgruppe dazu“, erzählt er. Das letzte Projekt in Gambia, wo die Mitarbeiter der Hilfsorganisation einen Brunnen und neue Toiletten für eine Schule errichtet hatten, war gerade abgeschlossen, die Zeit für ein neues Projekt gekommen. Nun hieß es Konzepte begutachten, Kontakte knüpfen, Treffen organisieren. Schreibtischarbeit, die seit der Gründung des Vereins vor zwölf Jahren einen Großteil der Aufgaben dort ausmacht.

Sie investieren ihr kostbarstes Gut

In Ingenieurskreisen ist der Verein, der in Entwicklungsländern ingenieurwissenschaftliche Projekte im Low-Tech-Bereich durchführt, bereits eine Institution. Etwa 1.000 Menschen engagieren sich aktiv in ihm, sowohl Studenten als auch Berufstätige, hinzu kommen fast 3.000 Fördermitglieder. Die Ingenieure sind in der Überzahl, doch auch Wirtschaftswissenschaftler, Physiker, Geotechnologen und Geisteswissenschaftler sind Teil des deutschlandweiten Netzwerkes. Etwa 40 Prozent davon sind Frauen. Und eines haben alle gemeinsam: Sie investieren ihr vielleicht kostbarstes Gut: ihre Zeit.

So auch Duc. Aber als verlorene Stunden betrachtet er sein Engagement nicht. „Das Ehrenamt passt zu mir wie die Faust aufs Auge“, sagt er, hier kann er sein Wissen einbringen und gleichzeitig helfen – für ihn die perfekte Kombination. „Und je mehr Menschen man begegnet, desto eher lernt man auch was über sich selbst.“ Duc ist in Vietnam geboren. Sein Vater arbeitete in der DDR als Vertragsarbeiter, mit fünf Jahren zogen Duc, seine Mutter und seine Schwester hinterher. „Wären wir in Vietnam geblieben, wäre es vielleicht auch für mich schwer geworden.“ Denn die Auswahlverfahren für einen Studienplatz in Vietnam seien streng.

Eine aufregende Reise, aber kein Kulturschock

Es war einfach an der Zeit, etwas zurückzugeben, fand Duc. Dass er bereits ein Jahr nach seinem Beitritt für Ingenieure ohne Grenzen ins Ausland reisen konnte, war Zufall. „Zwei, die infrage kamen, hatten gerade Kinder bekommen und wollten nicht fahren, so rückte ich nach.“ Sein erster Auslandseinsatz führte ihn und seinen Kollegen Falk Weinhold in das kleine Dorf Tomegbé im hügeligen Westen Togos. Eine aufregende Reise, „aber kein Kulturschock.“ Denn Armut ist Duc nicht fremd, „das Dorf, in dem meine Familie in Vietnam lebt, hatte vor ein paar Jahren auch noch keinen hohen Standard, Plumpsklos und offene Feuerstellen waren Alltag.“

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Hier fließt für Ingenieure nicht das große Geld – aber frisches Wasser für Kinder. Das ist auch erstmal sehr befriedigend (Foto: Ingenieure ohne Grenzen)
Hier fließt für Ingenieure nicht das große Geld – aber frisches Wasser für Kinder. Das ist auch erstmal sehr befriedigend (Foto: Ingenieure ohne Grenzen)

Zwischen tropischen Papayabäumen und Kakaoplantagen erkundeten die zwei angehenden Ingenieure das Terrain, sprachen mit den Dorfbewohnern und nahmen Wasserproben. „In Tomegbé gibt es einen Kindergarten, der dringend eine neue Wasserversorgung braucht.“ Zwar gebe es zwei Flüsse und mehrere Brunnen, doch die Flüsse seien weit entfernt, das Wasser verunreinigt. Aus einem Brunnen schöpften die Menschen zwar sauberes, aber von ausgeflocktem Eisen rot gefärbtes Wasser, dem sie nicht trauten. Viele Kinder im Dorf leiden an Durchfall. Nun soll der Kindergarten eine eigene Zisterne bekommen. Ingenieure ohne Grenzen stellt den größten Teil des Geldes dafür zur Verfügung, plant und berechnet den Bau, „aber auch die Menschen in Tomegbé müssen ihren Teil beisteuern, sie übernehmen die Projektplanung vor Ort.“ Die Zisterne errichten lokale Maurer und Tischler.

Doch die Hoffnungen, die mit einem Besuch aus Europa verbunden werden, sind hoch. „Die Menschen vertrauen uns, umso wichtiger ist es, ehrlich zu sein, zu sagen, was wir leisten können und was nicht.“ Für die Instandhaltung der Zisterne werden die Menschen im Dorf selbst verantwortlich sein, ebenso wie für den Bau weiterer Zisternen. „Wir liefern ihnen das gesamte Know-how, führen Schulungen durch und geben ihnen eine ausführliche Projektdokumentation an die Hand.“ Hilfe zur Selbsthilfe lautet das Credo des Vereins.

Er denkt gar nicht daran aufzuhören

Seit Ducs erster Reise nach Togo sind zwei Jahre vergangen. Der 28-jährige Leipziger arbeitet mittlerweile als Ingenieur und zeichnet Elektropläne. Auf eine 30-Stunden-Woche wollte sich sein Unternehmen zwar nicht einlassen, „aber meine Chefs sicherten mir flexible Arbeitszeiten zu.“ Nach Feierabend investiert Duc jede Woche acht Stunden in den Verein. Ohne finanzielle Gegenleistung.

Das ist keinesfalls selbstverständlich. Gerade der Einstieg in die berufliche Karriere ist für Ingenieure oft mit Überstunden verbunden, Geschäftsreisen ins Ausland, Arbeit am Wochenende. Die Freizeit wird zum kostbaren Gut, viel Zeit, um das üppige Gehalt auszugeben, bleibt nicht. Duc zuckt mit den Schultern, ans Aufhören denkt er nicht.

Im Februar wird er unbezahlten Urlaub nehmen und einen Monat nach Togo reisen, um beim Bau der Zisterne dabei zu sein. Es werden spannende Wochen für die Ingenieure; Drei Jahre lang haben sie an dem Projekt gearbeitet, ungezählte Stunden investiert – aber auch etwas zurückbekommen. „Früher war ich eher ein introvertierter Mensch“, sagt Duc, „aber ich bin gereift, offener geworden und habe das Ungezwungene der Togoer mitgenommen.“