Ihr Name muss geheim bleiben, sagt sie. Genauso ihr Wohnort. „Ich habe ein Kind, das soll keine Nachteile haben.“ In diesem Text wird sie Anke Richter heißen. Sie rechnet mit einem Angriff, sagt sie, seit sie die Flüchtlinge als Ärztin ehrenamtlich versorgt. „Man kann mich sehen, wenn ich vor der Flüchtlingsunterkunft aus dem Auto steige.“ Man kann sie sehen, wenn sie wieder einsteigt. Man könnte ihr leicht die Reifen zerstechen. Oder Schlimmeres.

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In diesem Text wird die Ärztin, die in einer sächsischen Kleinstadt Flüchtlinge ehrenamtlich medizinisch versorgt, „Anke Richter“ genannt. Ihren echten Namen möchte sie nicht nennen. Aus Angst vor Angriffen von Rechtsextremen (Illustration: Daavid Mörtl)
In diesem Text wird die Ärztin, die in einer sächsischen Kleinstadt Flüchtlinge ehrenamtlich medizinisch versorgt, „Anke Richter“ genannt. Ihren echten Namen möchte sie nicht nennen. Aus Angst vor Angriffen von Rechtsextremen (Illustration: Daavid Mörtl)

Es ist sehr windig an diesem Dienstagnachmittag. Die Regentropfen trommeln gegen die Scheiben des Eiscafés. Draußen: Kleinstadtgrau. Drinnen bestellt sich Anke Richter einen Nussbecher und eine heiße Schokolade. Sie ist eine üppige Frau, ihr T-Shirt glitzert silbern. Wenn sie spricht, schließt sie die Augen.

Anke Richter arbeitet in einer Stadt in Sachsen, in der über Monate die Gewalt gegen Flüchtlinge und Flüchtlingshelfer eskaliert ist. Mehrere Flüchtlinge wurden auf offener Straße verprügelt und mit Pfefferspray angegriffen. Es gab Angriffe auf Büros und Privateigentum von asylfreundlichen Politikern und auf Flüchtlingshelfer, auch mit Sprengstoff. Wer sich hier um die Neuankömmlinge kümmert, muss sehr vorsichtig sein.

Manche haben ihr gesagt, dass sie nie von ihr gedacht hätten, dass sie sich „mit denen“ einlässt

Wer es tut, ist es gewohnt, sich zu rechtfertigen. „Die Leute sind eh da“, sagt Anke Richter, „ob ich mich um sie kümmere oder nicht.“ Seitdem sie sich für die Flüchtlinge einsetzt, haben sich mehrere Freunde von ihr abgewandt, erzählt sie. Manche haben ihr gesagt, dass sie nie von ihr gedacht hätten, dass sie sich „mit denen“ einlässt.

Richter hat in den vergangenen Monaten eine ehrenamtliche Ambulanz gegründet, direkt in der Erstaufnahmeeinrichtung. Sie behandelt Menschen, die 2.000 Kilometer gelaufen sind und danach Gelenkbeschwerden haben. Leute mit entzündeten Wunden. Schwangere. Aber auch chronisch Kranke: Diabetiker, Asthmatiker. Und Folteropfer. Mit Händen, Füßen und ein bisschen Englisch verständigt sie sich mit ihren Patienten.

„Man kann mich sehen, wenn ich vor der Flüchtlingsunterkunft aus dem Auto steige.“

Anfangs war sie täglich in der Ambulanz, inzwischen kommt sie einmal pro Woche: Sie hat fünf weitere Ehrenamtliche gefunden, die sie unterstützen. Weil die Helfer für ihre Arbeit dort nicht bezahlt werden, können sie Menschen unabhängig von ihrem Aufenthaltstitel behandeln: Die Flüchtlinge brauchen keine Behandlungsscheine. Die Ärzt/-innen haften mit ihrer privaten Arzthaftpflichtversicherung. Sollte diese keine Behandlung von Flüchtlingen abdecken, springt die Kommune ein.

Eigentlich ist Anke Richter Ärztin auf einer Intensivstation eines großen Krankenhauses. Der genaue Name und der Standort müssen ebenfalls geheim bleiben. Das Krankenhaus wünscht, nicht in Zusammenhang mit ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit gebracht zu werden.

Auf der Intensivstation dieses Krankenhauses arbeitete Anke Richter, als dort im Sommer 2015 ein Flüchtling eingeliefert wurde. Er bekam keine Luft mehr. Fast wäre der Mann gestorben, erzählt sie, weil der Rettungswagen nicht zur Erstaufnahmeeinrichtung durchkam. Es war die Zeit, als gerade Hunderte wütende Menschen vor der Einrichtung demonstrierten.

Es gibt in dieser Stadt Ärzte, die mit Asylbewerbern nichts zu tun haben wollen, erzählt Richter.

Anke Richter kümmerte sich um ihn. Er habe eine schwere chronische Krankheit, berichtet sie, die sie wegen ihrer Schweigepflicht nicht näher benennen will. Ihr war klar: Wenn man den Mann jetzt entlässt, dann dauert es nicht lange, bis er wieder eingeliefert wird. Er bräuchte eine Reha, sagt sie, eine Überweisung zum Facharzt oder zumindest eine hausärztliche Weiterbetreuung. Sie versuchte, einen Arzt zu finden, der ihn ambulant versorgt. Das Finanzielle war geklärt, da er in einer Erstaufnahmeeinrichtung lebte, hätte der Bund die Kosten übernommen. Aber niemand wollte den Mann behandeln.

Bis heute versorgt Richter ihn selbst. Um solche Situationen künftig zu vermeiden, hat sie „mit viel Mühe“ ein Netzwerk aus Ärzt/-innen, Psycholog/-innen und Hebammen aufgebaut, die sich bereiterklärten, Flüchtlinge nach einem Krankenhausaufenthalt weiter zu betreuen.

Es gibt in dieser Stadt Ärzte, die mit Asylbewerbern nichts zu tun haben wollen, erzählt Richter. Und sogar welche, die sagen: In meine Praxis setzt kein Ausländer seinen Fuß. Auch im Krankenhaus, in dem Anke Richter arbeitet, gebe es Ablehnung. Kolleginnen und Kollegen sind unfreundlich geworden. Sie grüßen nicht mehr. Setzen sich an einen anderen Tisch, wenn sie kommt, sagt Richter. Als sie einmal von Kollegen die Akten von Flüchtlingen haben wollte, um deren Anschlussbehandlung zu organisieren, wurde sie fast aus der Station geworfen, erzählt sie.

„Hier treten die Rassisten deutlich aggressiver auf, als wir es in anderen sächsischen Orten bisher beobachten konnten.“

Eine Krankenschwester, die in der Flüchtlingsambulanz mitarbeitet, bat Anke Richter, über ihr Engagement dort zu schweigen. Das solle niemand erfahren, habe sie gesagt. Das wisse nicht mal ihre Familie. „Erst als Merkel die Grenzen geöffnet hat und 300 Leute täglich hier in diesem kleinen Ort standen, hatte ich ein konstruktives Gespräch mit der Geschäftsführung des Krankenhauses“, erklärt Anke Richter. Ihr wurde Unterstützung zugesichert. Seitdem darf sie Verbandsmaterial über das Krankenhaus bestellen, Handschuhe und Kompressen, und das Krankenhaus bezahlt. Offiziell ist das aber nicht. Auch das Krankenhaus hilft lieber heimlich.

Überall in Deutschland erfahren Flüchtlingshelfer nicht nur Anerkennung, sondern auch Ablehnung, passiert ihnen Ähnliches wie Anke Richter. Aber in dem Ort, in dem Anke Richter arbeitet, sei die Stimmung ihnen gegenüber besonders schlecht. „Hier treten die Rassisten deutlich aggressiver auf, als wir es in anderen sächsischen Orten bisher beobachten konnten“, sagt Andrea Hübler von der Beratungsstelle für Betroffene rechter Gewalt in Dresden. In den letzten Monaten habe es eine ganze Reihe von Übergriffen gegeben. Mehrere Körperverletzungen, Brandanschläge und Sprengstoffanschläge.

Auch zwei Stadträte, die sich für Flüchtlinge engagieren, erzählen von starken Anfeindungen bis hin zu Morddrohungen. Sie wurden auf Facebook immer wieder aufgefordert, die Stadt zu verlassen. Sie vermissen Unterstützung aus dem Rathaus, sagen sie. Der Bürgermeister der Stadt äußert sich kaum zu den Vorfällen, obwohl es auch schon gegen ihn Morddrohungen gegeben hat.

Es gab eine ganze Reihe von Übergriffen. Mehrere Körperverletzungen, Brandanschläge und Sprengstoffanschläge.

Anke Richter bewegt sich vorsichtiger als früher, sie schaut sich öfter um. Trotzdem würde sie die vergangenen Monate nicht rückgängig machen wollen. „Sie waren aufregend, aber sehr bereichernd.“ Und sie hat durch ihre ehrenamtliche Arbeit viele neue Freunde dazugewonnen: deutsche und ausländische.

Ein paar Tage nach den sexuellen Übergriffen in der Kölner Silvesternacht standen zehn Männer vor ihrer Tür, erzählt sie. Jeder hielt eine Rose in der Hand. Sie wollten ihr sagen, dass sie die Vorfälle schrecklich finden. Und dass sie hoffen, dass sie die Flüchtlinge weiterhin unterstützt. Dann hätten die Männer ihr die Rosen gegeben. Und ihr gesagt, dass sie sie beschützen werden.