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Als Donald Trump die Atombombe zündete

Die BBC-Serie „Years and Years“ spult 15 Jahre vor und entwirft eine finstere Zukunft – so nah an der Realität, dass es wehtut

Years and Years

Worum geht’s?

Um die Lyons, eine Familie aus Manchester, bestehend aus den vier Geschwistern Stephen, Edith, Daniel und Rosie, ihren jeweiligen Partnern und Kindern sowie ihrer Großmutter Muriel. Die Serie begleitet die Lyons ab dem Jahr 2019 insgesamt 15 Jahre in die Zukunft. In jeder Folge wird um ein paar Jahre vorgespult, wobei auch die politischen Ereignisse zusammengefasst werden. Und die sind einigermaßen düster: Donald Trump lässt am Ende seiner zweiten (!) Amtszeit eine Atombombe abfeuern. In Italien herrscht Bürgerkrieg. Und dann sind da noch – unter anderem – eine neue Finanzkrise, Umweltkatastrophen und ein Grexit, also der Austritt Griechenlands aus der Europäischen Union. Parallel zur Familiengeschichte wird der Aufstieg der Populistin Vivienne Rook (Emma Thompson) von einer einfachen Abgeordneten zur Premierministerin des Post-Brexit-Großbritanniens erzählt. Rook hat zwar nicht immer die volle politische Kompetenz für ihr Amt (bei einer Podiumsdiskussion weiß sie noch nicht mal, was ein Exportzoll ist). Dafür schürt sie Ängste und Hass und macht damit – erfolgreich – Politik. 

Worum geht’s wirklich?

Die Serie spielt zwar in der Zukunft, viele Details kommen einem aber schon jetzt bekannt vor. Unberechenbare Politiker zum Beispiel, die Nachrichten, die ihnen nicht passen, als „Fake News“ abstempeln und Ängste der Bevölkerung für ihre Propaganda instrumentalisieren. Geflüchtete, die in Europa unter menschenunwürdigen Bedingungen leben. Der Klimawandel. In „Years and Years“ spitzt sich unsere Gegenwart gefährlich zu. Jede Folge ist eine Warnung. Dabei gerät nicht nur der Weltfrieden, sondern auch der familiäre Frieden der Lyons immer mehr in Gefahr: Stephen (Rory Kinnear) und seine Familie verlieren in der Finanzkrise ihr Haus und ihr gesamtes Vermögen. Die Aktivistin Edith (Jessica Hynes) überlebt aus nächster Nähe die Atombombenexplosion. Bei der Arbeit für die Geflüchtetenhilfe verliebt sich Daniel (Russell Tovey) in einen Migranten und kämpft gegen seine Abschiebung. Rosie (Ruth Madeley) wiederum ist alleinerziehende Mutter, sitzt im Rollstuhl und ist von Vivienne Rooks Politik stärker angetan, als sie ihrer Familie gegenüber zugibt. 

Wie wird’s erzählt?

Politische Science-Fiction stellt oft die Entscheider in den Mittelpunkt. „Years and Years“ dagegen bleibt größtenteils bei den Lyons, die mit den Entscheidungen von Politik und Wirtschaft klarkommen müssen. Es ist diese Nähe zur Lebensrealität der allermeisten Menschen, die die Serie so erschütternd macht. Einziger Schwachpunkt: Wegen der vielen einzelnen Handlungsstränge kommen manche leider etwas zu kurz. 

Stärkster Satz

„Das ist die Welt, die wir erschaffen haben“, sagt Oma Muriel, als sie mit ihrer Familie am Esstisch sitzt. In einem Monolog erklärt sie, dass jedes Billig-T-Shirt, das man kauft, jede Stimme, die man bei der Wahl abgibt, jede einzelne alltägliche Entscheidung Konsequenzen habe: nicht nur in der Familie, Partnerschaft oder am Arbeitsplatz, sondern auch im großen Ganzen.

 

Good Job!

„Years and Years“ ist intensiv und berührend erzählt, gerade wenn man die Parallelen zur aktuellen Nachrichtenlage im Kopf hat – vom Sturm auf das Kapitol und Donald Trumps letzten Versuchen, Joe Bidens Präsidentschaft zu verhindern, bis zum Brexit-Deal. Toll ist auch, wie selbstverständlich divers die Protagonisten sind – sexuell, kulturell und politisch.

Ideal für …

Fans von technologiekritischen Serien wie „Black Mirror“. Die dürfte in „Years and Years“ zum Beispiel der Erzählstrang rund um Stephens Tochter Bethany (Lydia West) interessieren, die davon träumt, „transhuman“ zu werden. Mithilfe von kybernetischen Implantaten will sie mit der Cloud verschmelzen und ewig leben. Das Problem: Manche Implantationen gehen schief, und künstliche Intelligenz sorgt in „Years and Years“ außerdem dafür, dass zahlreiche Jobs überflüssig werden. Auch Fans von dystopischen Serien wie „The Handmaid’s Tale“ oder „The Man in the High Castle“ dürfte die Serie gefallen. Kurz: allen, die sich von alternativen, finsteren Zukunftsszenarien etwas über die Gegenwart erzählen lassen wollen.

„Years and Years“ läuft am 14. Januar bei ZDF neo (alle sechs Folgen am Stück im Zweikanalton, auf Deutsch und im englischen Originalton) und ab 15. Januar in der ZDF-Mediathek (nur auf Deutsch).

Titelbild: ZDF/Matt Squire

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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