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Amerika über alles

In der Alternative-History-Serie „The Plot Against America“ schürt ein populistischer US-Präsident Vorurteile gegen Juden, Schwarze und andere Minderheiten. Klingt irgendwie bekannt?

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Präsident in der Serie Plot Against America

Als Philip Roth 2004 seinen Roman „The Plot Against America“ veröffentlichte, hatte er Donald Trump sicher nicht im Sinn. Doch kurz vor seinem Tod 2018 soll auch Roth anders auf die eigene Arbeit geblickt haben. „Er sah, dass er paradoxerweise eine Allegorie für Ereignisse geschrieben hatte, die noch gar nicht passiert waren.“ So berichtet es David Simon, der Roths Buch zusammen mit Ed Burns als Miniserie adaptiert hat und den Schriftsteller dafür einmal traf.

In der Alternative-History-Serie „The Plot Against America“, die in Deutschland ab heute bei Sky zu sehen ist, erlebt eine jüdische Familie aus New Jersey, wie sie immer mehr ausgegrenzt wird. Im Jahr 1940 beherrscht der NS-Staat den Krieg in Europa und verfolgt Juden auf dem ganzen Kontinent. In den USA hingegen spaltet die Debatte über einen Kriegseintritt das Land: Präsident Franklin D. Roosevelt, beliebt für die New-Deal-Reformen nach der Weltwirtschaftskrise, neigt dazu, die Alliierten zu unterstützen. Entgegen den historischen Ereignissen gewinnt aber nicht Roosevelt den Präsidentschaftswahlkampf, sondern sein Kontrahent Charles Lindbergh, der damals eigentlich gar nicht angetreten war. Doch in der Serie mobilisiert er die Ängste des Landes und gewinnt den Wahlkampf mit dem populistischen Slogan: „Lindbergh – oder Krieg!“

Was, wenn der antisemitische Pilot Charles Lindbergh US-Präsident geworden wäre?

Der historische Charles Lindbergh ist 1927 für seinen Nonstop-Flug von New York nach Paris berühmt geworden, die erste Alleinüberquerung des Atlantiks. Millionen jubelten ihm zu, in den USA wurde er zum Volkshelden. Weniger bekannt ist heute Lindberghs politischer Einfluss. Um 1940 war er eine der prominentesten Stimmen der Isolationismus-Bewegung, die Anhänger quer durch das Parteienspektrum versammelte. Lindbergh attackierte speziell die jüdische Community als vermeintliche „Kriegstreiber“: „Ihre größte Gefahr für dieses Land liegt in ihrem großen Besitzanteil und ihrem Einfluss auf unsere Filmindustrie, unsere Presse, unseren Rundfunk und unsere Regierung.“

Eine kleine Minderheit, die mit ihrem Geld angeblich Medien und Regierung steuert? Lindbergh verbreitete diese bis heute verbreitete antisemitische Verschwörungsideologie als Sprecher des „America First Committee“. Spätestens hier drängt sich der Vergleich mit dem aktuellen US-Präsidenten auf. Mag sein, dass Trump sich selbst als Philosemiten sieht, jüdische Verbände kritisieren aber, dass er das Stereotyp des „geldgierigen Juden“ bediene. Vor allem aber appelliert Trump – wie Lindbergh in der Serie – vage an die Ressentiments seiner Basis, um politische Gegner als „unamerikanisch“ zu markieren: Mal sind es People of Color oder undokumentierte Migranten, ein andermal wird die Presse zum „Feind des Volkes“.

Surprise: „The Plot Against America“ kommt im US-Wahljahr raus

Mehr als um die Figur des Präsidenten geht es der Serie aber darum, wie dieses Othering sich auf Betroffene auswirkt. Die sechs Folgen von „The Plot Against America“, von der Schiebermütze bis zum Röhrenradio detailgenau im 40er-Jahre-Stil ausgestattet, stellen die jüdische Mittelschichtsfamilie Levin ins Zentrum. Episodenartig wird die Bedrohung der Levins als schleichender Prozess erzählt, nicht als plötzliche Eskalation. Eine verbale Grenzüberschreitung hier, eine gesetzliche Diskriminierung dort, schließlich Gewalt auf offener Straße. „The Plot Against America“ ist die realistischere Vision einer autoritären USA als der künstlich auf Deutsch getrimmte US-Faschismus der Serie „The Man In The High Castle“.

Die verschiedenen Reaktionen der Levins zeigen das Dilemma, in dem sich diskriminierte Gruppen seit jeher wiederfinden: Soll man sich anpassen und hoffen, dass es nicht so schlimm wird? Widerstand leisten? Auswandern, solange es geht? Drehbuchautor David Simon gelingt es seit der Fernsehserie „The Wire“ (2002–2008), große soziale Fragen auf den Punkt zu bringen. Natürlich erscheint „The Plot Against America“ bewusst im Wahljahr 2020. Aber auch im Rahmen der Corona-Krise könnte das Ende der Serie, das hier natürlich nicht verraten wird, zu einer Allegorie für Ereignisse werden, die uns noch bevorstehen.

Ab 20. Mai sind die sechs Episoden auf Sky Atlantic HD (TV), bei den Streamingdiensten Sky Ticket und Sky Go oder über Sky Q zu sehen, wahlweise auf Deutsch oder im Original.

Foto: Home Box Office, Inc.

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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