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„Die Wirtschaft befindet sich im künstlichen Koma“

Um daraus gesund zu erwachen, verschuldet sich der deutsche Staat in Rekordhöhe. Ist das schlimm? Der Finanzwissenschaftler Aloys Prinz erklärt's uns

  • Einmal Geld abheben
Corona, Lockdown, Berlin, Alexanderplatz

fluter.de: In Ihren Büchern erklären Sie Wirtschaft für „Dummies“. Also sagen Sie bitte: Ein milliardenschwerer Rettungsschirm, riesige Kredite, Hilfen für Beschäftigte und Selbstständige – woher kommen die 1,2 Billionen Euro, die die Bundesregierung lockergemacht hat, um Unternehmen und Menschen unter die Arme zu greifen?

Aloys Prinz: Das Geld kommt aus Steuern und aus einer Erhöhung der Staatsverschuldung. Bei Letzterem verschuldet sich der Staat bei Banken. Die wiederum leihen sich das Geld bei der Europäischen Zentralbank, die dann die Geldscheine druckt. Deutschland musste für die vielen Milliarden Euro mit seinem Credo der „schwarzen Null“ brechen und sich von einem ausgeglichenen Haushalt verabschieden.

„Wenn der Staat es mit seinen Ausgaben übertreibt, könnte zu viel Geld in Umlauf kommen“

Die Bundesregierung gibt jetzt dreimal so viel Geld aus wie sonst in einem Jahr. Warum?

Der Staat muss die Wirtschaft am Laufen halten, damit es zu keiner Pleitewelle kommt. Kleinere Unternehmen sind voraussichtlich bereits nach drei Monaten Lockdown am Ende ihrer Kräfte, bei größeren könnte das Überleben ein halbes Jahr gesichert sein. Außerdem geben die Menschen jetzt weniger Geld aus. Viele können nicht das konsumieren, was sie normalerweise kaufen würden: ein neues Auto, eine Urlaubsreise oder eine neue Jeans. Deshalb produzieren wir weniger von diesen Gütern und Dienstleistungen, und dadurch gibt es noch weniger Arbeit: eine Abwärtsspirale, die man irgendwie stoppen muss. Eine Möglichkeit: Der Staat verschuldet sich auf Kosten der Zukunft, um die notwendigen Hilfsgelder heute bereitzustellen. Die Verschuldung ist zu diesem Zeitpunkt sinnvoll, denn: Bei der Corona-Krise handelt es sich um eine Ausnahmesituation, die eine schwere Rezession zur Folge hat.

Müssen wir uns Sorgen um den riesigen Schuldenberg machen?

Nicht unbedingt. Die Schulden werden zurückgezahlt, sobald die Wirtschaft wieder in Gang kommt, Geschäfte öffnen und Fließbänder anlaufen. Dann erhält der Staat wieder Steuern, holt damit Geld rein und kann den Kredit zurückzahlen. So wird der Kreislauf geschlossen, und die Wirtschaft kann sich erholen. Dieser Prozess kann allerdings einige Jahre oder noch länger dauern.

Corona, Kino, Lockdown, Berlin, Yorck (Foto: Hendrik Lietmann/OSTKREUZ)

Im falschen Film: Die Corona-Krise erwischt vor allem Unternehmen, die von Gästen abhängig sind: Hotels, Restaurants oder eben Kinos

(Foto: Hendrik Lietmann/OSTKREUZ)

Klingt ziemlich entspannt. Wir jüngeren Leute müssen uns also keine Sorgen machen, die Staatsschulden vererbt zu bekommen?

Deutschland kann es sich die Situation leisten. Bisher haben wir mit den Ausgaben nicht übertrieben. 

Was würde passieren, wenn die Ausgaben höher ausfallen und sich der Staat mehr und mehr verschuldet?

Dann könnte zu viel Geld in Umlauf kommen. Die Folge wäre eine Inflation: Die Preise für alle möglichen Produkte und Dienstleistungen würden nach oben gehen. Man kann sich dieses Zusammenspiel wie bei einer altertümlichen Waage mit zwei Waagschalen vorstellen: In der einen Schale ist ein Berg an Gütern und Dienstleistungen. In der anderen Waagschale ist das gesamte Geld, das im Umlauf ist. Halten sich Güter und Dienstleistungen auf der einen und Geld auf der anderen Seite die Waage, ist alles in Ordnung. Gibt es aber immer mehr Geld in der einen Schale, steht die Waage plötzlich schräg: Wir haben viel mehr Geld im Umlauf, als Güter und Dienstleistungen da sind. Die Waage kommt dann nur dadurch ins Gleichgewicht, dass die Preise für Waren und Dienstleistungen steigen.

„Der Staat könnte die Unternehmen übernehmen. Er kann aber keine ganze Volkswirtschaft kaufen“

Könnte der Staat in dieser Krisensituation auch keine Schulden machen?

Eigentlich nicht. Er könnte aber die Unternehmen selber übernehmen und dafür Geld aus dem Haushalt nehmen, was auch nichts anderes wäre als Staatsverschuldung, aber mit anderen Mitteln. So ähnlich lief das auch in der Finanzkrise vor mehr als zehn Jahren: Der Staat hat den Banken genug Geld gegeben, damit sie weiterarbeiten konnten, und hat damit die Banken „aufgekauft“. So könnte man das auch mit Unternehmen machen. Beispielsweise gehört die Commerzbank noch heute zu 15 Prozent der Bundesrepublik. Der Staat kann aber keine ganze Volkswirtschaft kaufen. Insofern kann er nicht anders, als sich über zusätzliche Kredite zu helfen. Nach der ökonomischen Theorie ist das richtig, aber eben keine Dauerlösung.

Berlin, Corona, Lockdown, Club, Bar, Friedrichshain (Foto: Sebastian Wells/OSTKREUZ)

Verrammelt statt rammelvoll: Durch den Lockdown war selbst die Simon-Dach-Straße in Berlin-Friedrichshain verwaist

(Foto: Sebastian Wells/OSTKREUZ)

Zehn Jahre ist die letzte Wirtschaftskrise her. Ist sie mit der jetzigen vergleichbar?

Bei der Finanzkrise war im Wesentlichen das Bankensystem betroffen. Genau wie das menschliche Herz den Blutkreislauf aufrechterhält, halten die Banken den Geldfluss in einer Volkswirtschaft aufrecht. Wenn die Banken ausfallen, erleidet die Wirtschaft einen Kollaps. Deshalb war die Finanzkrise eine Krise der Banken, und das hat sich in der gesamten Wirtschaft bemerkbar gemacht. In der jetzigen Krise ist nicht nur das Herz betroffen sondern alle Organe. Das ist der große Unterschied zur Finanzkrise 2008. Einige Organe sind stärker beschädigt als andere: Der Einzelhandel ist stark in Mitleidenschaft gezogen, der Bausektor arbeitet noch ganz gut. Aber man könnte diesmal von einem multiplen Organversagen reden: Der gesamte Stoffwechsel ist heruntergefahren, die Wirtschaft befindet sich in einem künstlichen Koma.

Klingt bedrohlich. Sind Sie optimistisch, dass die Wirtschaft gut aus dem Koma erwachen wird?

Die Krise hat begonnen, als es uns sehr gut ging: Die Wirtschaft brummte, die Arbeitslosigkeit war so niedrig wie lange nicht mehr, die Staatsverschuldung unter Kontrolle. Deshalb kann es sich Deutschland auch leisten, riesige Hilfsprogramme aufzulegen und Gelder zu verteilen, wie es andere EU-Staaten nicht so einfach können. Das spricht dafür, dass Deutschland zwar nicht ungeschoren, aber ohne Zusammenbruch aus dieser Krise herauskommen wird.

Aloys Prinz ist Professor für Finanzwissenschaft an der Universität Münster und Co-Autor der Bücher „VWL für Dummies“ und „Makroökonomie für Dummies“. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören Staatsverschuldung und Geldpolitik.

Titelbild: Sibylle Fendt/OSTKREUZ

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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