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Sims for Future

In der Welt der „Sims“ wurde immer freudig konsumiert. Nun kann man auch hier „nachhaltig leben“. Aber ist das jetzt ein Beitrag zu einer besseren Welt?

Sims, Nachhaltigkeit

Knox weiß nicht, was er tun soll. Und wenn er das nicht weiß, dann tut er meist eines: Er schlendert zum Mülleimer und stochert darin herum. „Nach Kleinteilen wühlen“ heißt die Aktion – Knox containert, und zwar nicht nur auswärts, sondern auch daheim. In der Welt, in der er lebt, ist das einigermaßen ungewöhnlich.

Knox ist ein Sim, ein vorgefertigter Charakter des „Sims“-Erweiterungspacks „Nachhaltig leben“. Die 20 Jahre alte Videospielserie fußt auf einer recht kleinbürgerlichen Fantasie: Spieler gestalten eine oder mehrere Figuren und die dazu passenden Häuser in einem prototypischen Vorort der USA. Die „Sims“-Protagonisten starten bescheiden, finden einen Job, machen Karriere und können sich immer mehr Zeug kaufen. Konsum macht in dieser Logik glücklich, und er hat keine Schattenseiten.

Zwar hat sich die Serie in den vergangenen zwei Jahrzehnten schleichend gewandelt. Die Computermenschen sind komplexer geworden, längst haben sie verschiedene Charaktermerkmale und Ziele, die schwerer als Geld wiegen. Was sie konsumieren, wie sie leben, wie sie aussehen, wen sie lieben, das ist alles sehr flexibel. Doch bisher vermittelten die Sims noch immer den Eindruck, der Karrierestart mit Haus und unerschöpflichen Konsumbedürfnissen sei der Normalzustand.

Es hat schon Ironie, dass die durchkommerzialisierten „Sims“ jetzt Konsumkritik als Add-on verkaufen 

Wer das Erweiterungspack „Nachhaltig leben“ kauft und installiert, erlebt nun einen neuen Normalzustand. Auf der Karte des neu erdachten Orts „Evergreen Harbor“ hat jedes Viertel einen „ökologischen Fußabdruck“. Schon beim Bau und der Einrichtung des neuen Hauses wird plötzlich jedes Fenster und jede Tapete auf einer Skala zwischen „grün“ und „industriell“ einsortiert. Ist die Nachbarschaft industriell, trübt sich die Luft, und die Menschen husten. Das gibt Anreiz, nicht möglichst viel Material in möglichst große Häuser zu packen, sondern klein und klug zu bauen.

Um grün zu werden, können die Sims sich Solarkollektoren auf das Dach montieren oder Tau sammeln. Sie ernten Lebensmittel aus einem vertikalen Garten, recyceln ihren Müll und aus irgendeinem Grund können sie jetzt auch Kerzen selber ziehen.

Sims, Nachhaltigkeit

Es hat schon eine gewisse Ironie, dass ein durchkommerzialisiertes Produkt wie „Die Sims“ jetzt virtuelle Konsumkritik als Add-on verkauft. Das vorletzte Accessoire-Pack hieß immerhin „Moschino“ und ging einher mit der Vermarktung einer passenden Kollektion der gleichnamigen Modemarke. Und das war nur eine von mehreren „Produktpartnerschaften“.

Die Weltverbesserung droht schnell zu einer Lifestyle-Entscheidung zu schrumpfen

Auch wer die neue Erweiterung spielt, fragt sich bald, wie weit es mit dem ökologischen Bewusstsein eigentlich her ist. Ein ganz offensichtliches Problem dabei: Weil die Sims vor allem auf einer persönlichen Ebene spielen, droht die Weltverbesserung schnell zu einer Lifestyle-Entscheidung zu schrumpfen.

Löblicherweise hat „Nachhaltig leben“ das erkannt und bemüht sich wenigstens um ein bisschen Politik. Wer den ökologischen Fußabdruck des Stadtteils verbessern will, muss an einer öffentlichen Pinnwand über Aktionspläne abstimmen, damit auch die Sims nebenan mehr recyceln oder mitgärtnern. Die mal sinnvollen, mal abstrusen Pläne werden zu einem beständigen Gesprächsthema zwischen den Sims, die Pinnwand ein Treffpunkt.

Aber viel mehr als ein Häppchen Aktivismus steckt auch hinter dieser Spielidee nicht. Denn wer keine Lust hat, die „Sims“-Welt mit ein paar Abstimmungen zu retten, muss ja als schlimmste Konsequenz nur fürchten, ein bisschen öfter zu husten. Den realen Gefahren des Klimawandels wird das kaum gerecht.

Einen echten Gesinnungswandel kann man also auch an dieser „Sims“-Erweiterung nicht festmachen, aber vielleicht ein Zeichen der Hoffnung: Wenn ein internationaler Spielegigant wie Electronic Arts den Umweltschutz so selbstverständlich in seine virtuelle Welt einbaut, dürfte er in der analogen endgültig angekommen sein.

Das Erweiterungspack „Nachhaltig leben“ kostet 40 Euro und funktioniert nur in Verbindung mit dem Basisspiel „Die Sims 4“. Es ist für PC, Steam, PlayStation 4 und Xbox One erhältlich.   

Bilder: Electronic Arts

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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