Thema – Plastik

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Plastiktüte, du alte Umweltsau!

Nur: Sind Papiertaschen wirklich besser? Ist Deutschland Recyclingmeister und die eingeschweißte Gurke der Teufel auf Erden? Wir haben sechs Müllmythen gecheckt

Fotos: Thomas Meyer/OSTKREUZ

Parolen kleben an Debatten wie Kaugummi am Schuh. Geht es um Abfall und Recycling, ist das nicht anders: Manche davon sind faktenbasiert, es ist aber auch ganz schön viel Mist dabei. Wir haben mal etwas Mülltrennung betrieben und uns sechs Müllmythen genauer angeschaut:

1) Deutschland ist eine Recyclingnation

Geht so. Glaubt man der europäischen Statistikbehörde Eurostat, recyceln andere Länder wie Belgien, Großbritannien oder Frankreich mehr Abfälle. Nur 42,7 Prozent des deutschen Mülls wurden im Jahr 2016 recycelt. (Die restlichen 26,6 Prozent wurden als Bauschutt zur Geländeverfüllung genutzt, 11,3 Prozent zur Gewinnung thermischer Energie verbrannt, 18,1 Prozent landeten auf Halden, und ein Prozent wurde ohne Energiegewinnung verbrannt.) Das heißt natürlich nicht, dass die Deutschen ihren Müll nicht sauber trennen. Bei den Siedlungsabfällen, also Abfällen aus privaten Haushalten, lag die Recyclingquote 2017 bei guten 67 Prozent. Aber wer viel recycelt, hat vorher auch viel Zeug gekauft, das nun nicht mehr zu gebrauchen ist: 2016 fielen auf jeden Bewohner Deutschlands 626 Kilogramm Siedlungsabfälle an, in der gesamten EU waren es durchschnittlich 482 Kilo pro Kopf. Hinter Dänemark, Malta und Zypern liegt Deutschland damit auf Platz 4 der Müllerzeuger.

Quellen: Umweltbundesamt, Eurostat, Institut der deutschen Wirtschaft

2) Den meisten Müll exportiert Deutschland in andere Länder

Exportierter Müll gilt in Deutschland offiziell als recycelt

Der meiste Abfall bleibt in Deutschland – und wird hier wiederverwertet, verbrannt oder auf einen Haufen gekarrt. Von insgesamt 411,5 Millionen Tonnen Abfall, die Deutschland 2016 produzierte, wurden gut 24,3 Millionen Tonnen exportiert. Darunter 8,7 Millionen Tonnen Eisen- und Stahlschrott, 3,8 Millionen Tonnen Schlacken, 2,8 Millionen Tonnen Papier, 1,2 Millionen Tonnen Kunststoffe. Die Müllexporte sind nicht unproblematisch: Die Ausfuhr von Altkleidern nach Afrika behindert zum Beispiel die dortige Textilproduktion.

In Polen verpesten verbrannte Plastikabfälle aus Deutschland die Luft. An den Stränden Indiens und Pakistans gefährdet das Abwracken europäischer Schiffe das Leben der Arbeiter und das Ökosystem im Meer. China war es 2018 gänzlich leid, Abfälle anderer zu importieren, und stoppte die Einfuhr von Kunststoffabfällen. Seitdem verschifft Deutschland Plastikabfälle nach Malaysia, Indien und Indonesien. Der Großteil landet auf Deponien oder wird verbrannt, denn vielerorts fehlt die Infrastruktur für sachgerechtes Recycling. Trotzdem gilt exportierter Müll in Deutschland offiziell als recycelt, auch wenn sich die fachgerechte Verwertung im Empfängerland nicht immer kontrollieren lässt.

Quellen: Umweltbundesamt (und hier), Deutsche Welle, Tagesschau, Naturschutzbund Deutschland, Plastikatlas der Heinrich-Böll-Stiftung

3) Wenn eine Plastiktüte im Biomüll landet, kann die ganze Tonne nicht kompostiert werden

Manches Entsorgungsunternehmen lässt die Tonne tatsächlich ungeleert stehen, wenn Plastik im Biomüll ist. Aber kompostiert wird der Inhalt der Tonne trotzdem, weil die Tüten im Kompostwerk mühselig aussortiert werden können. Sie gelten als Störstoff, denn Plastik lässt sich nicht kompostieren: Kunststoffe auf Erdölbasis brauchen Jahrhunderte, bis sie verrotten. Auch viele „Biotüten“ aus organischen Rohstoffen brauchen zu lange, bis sie biologisch abgebaut sind – außerdem lassen sie sich optisch kaum von herkömmlichen Plastiktüten unterscheiden und werden deshalb in der Kompostieranlage oft aussortiert. Nur Verpackungen, die nach der europäischen Norm EN13432 zertifiziert sind, dürfen als „kompostierbar“ oder „bioabbaubar“ beworben werden. Aber selbst die Norm ist umstritten, weil ein vollständiger Abbau unter realen Bedingungen oft nicht möglich ist. Die Entsorgungsbetriebe Lübeck schätzen, dass in jeder zweiten Biotonne nichtkompostierbare Abfälle wie Plastik zu finden sind. Die Plastikabfälle, die trotz aller Kontrollen mitkompostiert werden, landen übrigens als Mikroplastik auf den Feldern – und damit wahrscheinlich irgendwann in unseren Mägen.

Quellen: GEO, Naturschutzbund Deutschland, Deutsche Umwelthilfe, Deutschlandfunkkultur, Science Advances 04/2018, EVA-Abfallentsorgung, Abfallwirtschaft Wetterau

4) Papiertüten sind besser als Plastiktüten

Fakt ist: Papiertüten lassen sich besser recyceln als Plastiktüten. Denn Plastik zersetzt sich sehr langsam und in kleinste Fragmente (Mikroplastik), die in die Nahrungskette gelangen und Lebewesen schaden können. Wer die Klimabilanz einer Tüte berechnen will, muss sich ihren gesamten Lebenszyklus anschauen: von der Gewinnung der Rohstoffe über Produktion und Transport bis zur Entsorgung. Eine aktuelle Studie der dänischen Umweltschutzbehörde sieht Papier- und Polyethylentüten dabei ungefähr gleichauf. Rechnet man neben den Auswirkungen auf das Klima weitere Umweltfaktoren hinzu – etwa Einflüsse auf die menschliche Gesundheit oder die Versauerung der Böden –, schneidet die Papiertüte sogar schlechter ab als die Plastiktüte. Eine Papiertüte müsste laut den dänischen Forschern 43-mal benutzt werden, um die Umweltbilanz der Plastiktüte zu erreichen. Bei einer Stofftasche aus Biobaumwolle liegt der Faktor sogar bei 20.000. Ob die so lange hält?

Quellen: Umweltbundesamt, Naturschutzbund Deutschland, Danish Environmental Protection Agency

5) Was in der gelben Tonne landet, wird recycelt

Schwerpunkt: Bitte entsorgen – das Müll-Problem

Schön wär’s! Der Recyclinganteil für Kunststoffabfälle in Deutschland lag 2017 offiziell bei 46 Prozent. Doch laut dem „Plastikatlas 2019“, herausgegeben von der Heinrich-Böll-Stiftung und dem Bund für Umwelt und Naturschutz, wurden gerade mal 15,6 Prozent aller Kunststoffabfälle tatsächlich wiederverwendet, also recycelt.

Warum? Nur einheitliche Stoffe aus der gelben Tonne können aufbereitet und für die Herstellung neuer Produkte wiederverwendet werden. Metallbüchsen oder Aluminiumdosen lassen sich beispielsweise relativ einfach einschmelzen und wiederverwenden. Kunststoffe hingegen sind oft vermischt oder verunreinigt, sodass sich der Aufwand für die Aufbereitung nicht mehr lohnt. Ein Großteil der Verpackungen wird also einfach verbrannt.

Quellen: Umweltbundesamt, Naturschutzbund Deutschland, Plastikatlas der Heinrich-Böll-Stiftung, gruener-punkt.de, BMU

6) Obst und Gemüse sollte nicht in Plastik eingeschweißt werden

Die Zahl der Kunststoffverpackungen für frisches Obst und Gemüse hat in Deutschland zuletzt kontinuierlich zugenommen, die Packungsgrößen werden kleiner, der Materialaufwand pro Packung aber größer. Es gibt aber Gründe, die für die Plastikportionierung sprechen: Ausliegende Ware wird zum Beispiel gern abgetastet und wieder zurückgelegt. Das ist unhygienisch und lässt die Produkte schneller faulen. Bioware wird derzeit oft in Plastik eingeschweißt, damit sie an der Kasse leichter zu registrieren ist. Dafür werden gerade neue Lösungen geprüft, etwa eine Laserprägung direkt auf der Schale. Und gegen die Keime, die schon bei Ernte und Transport auf die Produkte kamen, kann auch eine Plastikfolie nichts ausrichten.

Quellen: Naturschutzbund Deutschland, Verbraucherzentrale Hamburg, FAZ, SRF, BR

Fotos: Thomas Meyer/OSTKREUZ

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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