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Ist der deutsche Film rassistisch?

Wir haben einen Schauspieler, eine Regisseurin und eine Afrikawissenschaftlerin gefragt

Nirgendwo in Afrika

Vom Farbfernsehen hatten wir uns mehr versprochen: Schwarze Menschen und afrikanische Länder werden in vielen deutschen Film- und Serienproduktionen bis heute dargestellt wie in den 50er Jahren: triebhaft, kindlich-primitiv, kriminell, in jedem Fall: anders. Warum halten sich rassistische und koloniale Klischees so hartnäckig? Ein Feature über das Weiß-Weiß-Denken im deutschen Film

fluter.de: Tyron, du spielst seit 25 Jahren in deutschen Fernsehproduktionen. Ist die Branche rassistisch?

Tyron Ricketts: Ich würde sagen, rassistisch ist die Sichtweise auf die Welt, aus der wir in Deutschland Geschichten erzählen. Mit diesem eurozentrischen Blick wird meist der Weiße Mann das Subjekt, und alle anderen werden zum Objekt. Das färbt auf die Strukturen in Film und Fernsehen ab. Unterm Strich ist die Antwort also: Ja, die deutsche Filmbranche ist rassistisch.

Wie äußert sich das?

Die deutsche Gesellschaft besteht zu 25 Prozent aus Menschen mit Migrationsgeschichte. Wenn man sich dann aber in Film und Fernsehen anguckt, wie diese Menschen repräsentiert sind – sowohl zahlenmäßig als auch in welcher Art und Weise –, fällt sofort auf, dass nicht jeder vierte Mensch, der auftaucht, eine Migrationsgeschichte hat. Und wenn so jemand auftaucht, dann nicht in der Rolle des Helden, sondern oft mit Negativklischees und Vorurteilen.

„Wenn man Schwarze im TV immer als Verbrecher sieht, ist es schwierig, sich als junger Schwarzer eine Karriere als Bürgermeister vorzustellen“

Welche sind das konkret bei Schwarzen Menschen?

Stark sexualisierte Darstellungsweisen, bei Frauen noch mehr als bei Männern. Ich habe aber schon erlebt, dass bei meiner Rolle nicht ein Fünfer-, sondern ein Hunderterpack Kondome gefunden wurde oder dass sich Polizisten beim Abtasten überzeugen wollten, ob es wirklich stimmt, dass Schwarze Männer große Schwänze haben. Außerdem tauchen Schwarze Menschen oft ausschließlich im Zusammenhang mit Flucht, Drogen oder Gewalt auf.

Wie hat sich das auf deine Vita ausgewirkt?

Ich habe in mehr als 65 Filmen gespielt. Fast immer war ich „der Andere“, also der Ami, jemand aus Westafrika oder Jamaika. Wenn ich mal ein erfolgreicher Hoteldirektor sein durfte, dann nur auf Mauritius (Anm. d. Red.: wie in die „Die Inselärztin“, seit 2018 in der ARD). Ganz selten werde ich als rechtmäßiger Teil dieser Gesellschaft dargestellt. Dabei habe ich einen deutschen Pass und lebe seit über 40 Jahren hier.

Das sagt die Afrikawissenschaftlerin Susan Arndt

„Deutschland hat nie mit dem Rassismus gebrochen, der sich durch den Kolonialismus über Jahrtausende in Denkmustern, Handlungen und unserem Wissen etabliert hat. Teil dieses Diskurses ist es, eine weiße deutsche Überlegenheit zu begründen, also Weiße als Kultur und die so konstruierten ‚Anderen‘ als Natur zu zeigen. In Kolonial- und Afrikafilmen wird Afrika als Gefahr erzählt, gleichzeitig aber exotisiert und erotisiert. Weiße Charaktere werden als überlegen und individualisiert erzählt, während Schwarze eher entindividualisiert werden und als Kulisse von Afrika als unterlegener Natur dienen.“

Susan Arndt ist Professorin in Bayreuth. Sie arbeitet seit Jahren zu Rassismus und deutschen Afrikabildern.

Woran liegt es, dass Schwarze Schauspieler*innen fast nur fremdbestimmte Rollen bekommen?

Die deutsche Medienbranche ist Weiß – von Autoren über Produzenten hin zu Castern, Regisseuren und Intendanten. Ich bin seit 25 Jahren in der Branche und muss sagen: Ich treffe kaum Menschen, die eine Migrationsgeschichte haben, und zudem unterdurchschnittlich wenige Frauen. Diese Gruppe produziert hauptsächlich Geschichten, in denen es um sie selbst geht. Darum sind die meisten Geschichten, die man als Drehbuch auf den Tisch bekommt, nicht sonderlich divers.

Fördern deutsche Filmproduktionen so alltäglichen Rassismus?

Ich glaube schon. Letztlich sagen solche Filme der Gesellschaft, dass Menschen mit Migrationsgeschichte nicht Teil unserer Gesellschaft sind. Wenn man ein Viertel der eigenen Gesellschaft als fremd wahrnimmt, ist es für mich sogar nachvollziehbar, dass man Angst vor denen hat, die eingewandert oder gerade auf der Flucht sind.

Vier Spielfilme, die rassistische Geschichten erzählen

Siehst du Medien wie den Film in einer besonderen Verantwortung, wenn es um Diversität geht?

Viele Menschen denken immer noch im Schema „Wir“ und „Ihr“. Wenn Medien das reproduzieren und bestätigen, können sie diese Gedanken verstärken und so einen Keil in unser friedliches Zusammenleben treiben. Kommen zeitgeschichtliche Situationen wie die starke Flüchtlingsbewegung oder das Erstarken rechter Parteien dazu, kann aus Gewalt im Kopf schnell Gewalt durch Taten werden. Das haben wir in Hanau wieder erlebt.

Wie gehst du in deiner Arbeit als Schauspieler mit klischierten oder rassistischen Rollen um?

Entweder Produzenten entscheiden sich dafür, eine „normale“ Rolle mit jemandem zu besetzen, der nicht Weiß-deutsch ist – das passiert relativ selten. Die Rollen, die für einen geschrieben sind, sind meist klischeebehaftet. Ist das Drehbuch erst mal fertig, kannst du am Set nicht mehr viel ausrichten. Ich muss mir dann überlegen, ob ich versuche, das Beste aus der Rolle zu machen, indem ich mich mit dem Produzenten und Regisseur hinsetze und zum Teil auch mit ihnen anlege, und erkläre, warum Charaktere oder Dialoge rassistisch sind. Damit laufe ich aber Gefahr, als unbequem zu gelten.

„Das ist vielleicht rassistisch. Aber wenn du es nicht machst, macht es ein anderer“

Du könntest solche Rollen einfach ablehnen.

Das kann sich nicht jeder leisten. Ein Schauspieler verdient in Deutschland durchschnittlich 1.000 Euro im Monat. Da muss man sich jede Absage gut überlegen. Ich hatte schon Regisseure, die, nachdem ich sie auf rassistische Narrative hingewiesen habe, zu mir meinten: „Wenn man es so sieht, ist es vielleicht rassistisch. Aber wenn du es nicht machst, macht es ein anderer.“

Mehr als Diskussionen am Set sind für dich also nicht möglich, um dieses Problem zu lösen?

Doch. In den USA durfte ich mit Harry Belafonte zusammenarbeiten. Das hat mich sehr inspiriert: Belafonte hat Unterhaltung sein Leben lang genutzt, um die Gesellschaft zu verändern. Nach meiner Rückkehr hatte ich wieder Engagements mit rassistischen Szenen, und da ist mir richtig heiß geworden vor Wut. Das machst du nie wieder, habe ich mir gesagt. Da habe ich meine Produktionsfirma Panthertainment wieder aufgemacht, mit der ich schon in den 90er-Jahren gearbeitet habe.

Das sagt die Regisseurin Mo Asumang

„Als ich Branwen Okpakos Film ‚Tal der Ahnungslosen‘ gesehen habe, musste ich fürchterlich weinen. Ich wusste zuerst gar nicht, warum. Dann ist mir klar geworden: Das ist die erste afrodeutsche Geschichte mit einer Schwarzen Hauptdarstellerin (Nisma Cherrat), die ich je gesehen habe. Da war ich 40. Das ist traurig. Wenn man ständig nur Stereotype sieht, ärgert man sich grün und blau. Sollten Film und Fernsehen nicht weiter sein als die Realität? Die haben auch eine Lehrfunktion: Es ist wichtig, dass sich Zuschauer mit den Figuren identifizieren und über ihre Geschichten lernen können. Dass man sich nicht mit afrodeutschen Figuren identifizieren kann, dass sie im Fernsehen oft nicht mal stattfinden, ist eine große verpasste Chance.“

Mo Asumang schauspielert, moderiert, schreibt und führt Regie.

Was macht es mit Schwarzen Menschen, wenn sie in Film und Fernsehen ständig nur Schwarze Klischee sehen?

Ich vermute, dass es Auswirkungen auf das Selbstwertgefühl hat und auf die Ziele, die sich junge Schwarze Menschen im Leben setzen. Wenn man sich immer nur als Verbrecher sieht, ist es schwieriger, sich eine Karriere als Bürgermeister oder Manager vorzustellen. Die Forschung zeigt, dass Unterhaltung wegweisend für die eigene Biografie sein kann. Ich finde, wir müssen Utopien abbilden, die zeigen, wie es sein kann. Der erste Schritt ist aber, die Realität zu zeigen. Und die ist ja schon besser und vielfältiger, als sie bislang im Fernsehen dargestellt wird.

Denkst du, die Branche erkennt das und wird sensibler?

Viele erkennen zunehmend ihre Verantwortung und stellen die Bilder infrage, die sie produzieren. Dazu kommt, dass das Streaming unsere Sehgewohnheiten ändert. Die großen Plattformen produzieren für eine globale Kundschaft, und die ist überwiegend nicht-Weiß. Da ist es sinnvoll, Geschichten zu erzählen, die die Vielfalt abbilden. Ich glaube, auch die deutsche Fernsehbranche merkt, dass sie sich nicht nur dem demografischen Wandel in Deutschland anpassen muss, sondern auch diesem globalen Markt, wenn sie wirtschaftlich erfolgreich sein will.

„Schöne afrikanische Kulisse im Hintergrund, Weißer Retter im Vordergrund: Das kommt nach wie vor gut an“

Kennst du ein Positivbeispiel aus Deutschland, das Diversität schon als Normalität zeigt?

Es gibt Vorbilder. Ich habe bei „SOKO Leipzig“ im ZDF ein paar Jahre lang ganz normal den Kommissar gespielt, ohne dass oft thematisiert wurde, dass ich Schwarz bin. Viele Versuche scheitern aber, weil sie nicht ernst genug gemeint sind. Oder gut gemeint, aber schlecht umgesetzt.

Wie löst man das Problem?

Menschen mit Diversitätserfahrung gehören in die komplette Produktionskette, von der Idee übers Drehbuch bis zur Ausführung am Set. Denn letztlich muss die Gesellschaft in allen Berufen so abgebildet werden, wie sie wirklich ist.

Trotzdem sind sogenannte „Afrikafilme“ immer noch beliebt.

Der durchschnittliche Fernsehzuschauer ist Mitte 40, bei den öffentlich-rechtlichen Sendern über 60. Klischees, altbekannte Sichtweisen und die Abwendung von rassistischen Diskursen stören viele der Zuschauer nicht. Eine schöne „afrikanische“ Kulisse im Hintergrund, der Weiße Retter im Vordergrund, das kommt nach wie vor gut an, glaube ich. Und solange der eurozentrische Blick in der Gesellschaft nicht breit thematisiert wird, bleibt das auch so. Dieser Diskurs fängt gerade erst an. Aber ich bin froh, dass ich mittlerweile mitdiskutieren kann.

Tyron Ricketts ist in Österreich geboren, in Deutschland aufgewachsen und Wahlberliner. Vor seiner Schauspielkarriere arbeitete er als Moderator bei VIVA.

Übrigens: Wir schreiben „Schwarz“ in diesem Text groß, um zu verdeutlichen, dass es keine „Eigenschaft“ ist, die mit Hautfarbe zu tun hat, oder Kategorie, in die man Menschen einordnen kann. Der Begriff „Schwarz“ ist hier eine politische Selbstbezeichnung von Menschen, deren Erfahrung durch Kolonialismus und Rassismus geprägt ist. Genauso ist Weiß-Sein keine Eigenschaft, sondern eine dominante und privilegierte Position innerhalb eines rassistischen Machtverhältnisses. Diskriminierungssensible Sprache ist auf fluter.de immer Entscheidung der Autorinnen und Autoren.

Titelbild: Mary Evans/AF Archive/Constantin Film

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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