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Stolz & Vorurteil

Früher fühlten sich viele Einwanderer vom Staat nicht respektiert, heute respektieren kriminelle Großfamilien den Staat nicht. Die Geschichte einer Eskalation

Illustration: Jindrich Novotny

Es ist ein sonniger Nachmittag in Berlin-Neukölln, die Menschen spazieren zum Tempelhofer Feld, fahren Fahrrad oder essen Eis. Plötzlich fallen Schüsse. „Es war ein Schock“, erinnert sich Eisverkäufer Mauro L. und zeigt fünf Einschusslöcher in seinem Verkaufswagen. Eigentlich galten die Schüsse Nidal R., acht Kugeln trafen ihn, vier davon innere Organe. Unbekannte richteten den 36-Jährigen am helllichten Tag regelrecht hin, vor den Augen seiner Frau, seiner Kinder und zahlreicher Passanten.

Das Opfer war sehr oft in seinem Leben selbst Täter: Nidal R. galt als Berlins bekanntester Krimineller, seinetwegen schuf die Berliner Staatsanwaltschaft eine eigene Intensivtäterabteilung für Jugendliche. Der staatenlose Palästinenser hatte schon als Jugendlicher über 100 Einträge in seiner Polizeiakte: Raub, Körperverletzung, Drogendelikte. Er wurde 36 Jahre alt – 14 davon verbrachte er im Gefängnis.

„4 Blocks“ – die neue Popkultur um Respekt und Ehre

Nidal R. hatte sich viele Feinde gemacht, vor allem unter anderen Kriminellen, aber er genoss auch Anerkennung. Zu seiner Beerdigung auf einem Friedhof in Berlin-Schöneberg strömten über 2.000 Menschen, darunter die Oberhäupter der wichtigsten kriminellen Großfamilien. Nidal R.s Geschichte ist auch eine Geschichte der kriminellen Clans in Deutschland.

Sie handelt von arabischen Großfamilien, die mit Diebstahl, Erpressung, Gewaltverbrechen, Prostitution, Drogenhandel und Geldwäsche mittlerweile große Teile des organisierten Verbrechens in Deutschland bestimmen – und die spätestens mit der Gangster-Saga „4 Blocks“ in die Popkultur eingegangen sind. Die Hauptfiguren sind aufgepumpte Machos in getunten Autos, deren Gangsta-Rap das Gerede von Respekt und Ehre ist. Mit seinen Verbrechen zu prahlen ist wichtig – so wächst die Ehrfurcht, macht man sich einen Ruf, verschafft sich Respekt.

Die Clans folgen einem Ehrenkodex, der für Außenstehende nur schwer zu verstehen ist. Es gibt viele Regeln, manche lehnen sich an die Scharia, das islamische Recht, an. Einige Gesetze sind auf jeden Fall unumstößlich: Den männlichen Familienoberhäuptern gegenüber sind die jüngeren Mitglieder zu Respekt und Gehorsam verpflichtet. Und gegenüber der Polizei wird eisern geschwiegen, Probleme regelt man intern.

„Wenn man nur 150 Euro im Monat bekommt, denkt man sich was aus, wie man dazuverdient“

Einer, der weiß, wie es in den Clans aussieht, ist Hammed Khamis. Als elftes von 14 Kindern einer libanesischen Einwandererfamilie geriet er auf die schiefe Bahn: Raub, Erpressung, Körperverletzung. Fünf Monate saß er in Untersuchungshaft. Dann änderte er sein Leben, stieg aus, wurde Streetworker, Journalist und schrieb ein Buch: „Ansichten eines Banditen“.

Heute trifft sich der 37-Jährige zum Gespräch lieber auf einem Spielplatz als in einer Shisha-Bar. „Bis ich 19 war, war ich in Deutschland nur geduldet. Du darfst nicht verreisen oder arbeiten, fühlst dich ausgegrenzt. Wenn man nur 150 Euro im Monat bekommt, denkt man sich was aus, wie man dazuverdient.“ Das Geld sei aber nur das eine: „Es geht auch um Respekt. Um Ehre.“

Wer sich in Schlägereien behauptet, sich für die Ehre von Mutter oder Schwester prügelt, viel Geld verdient und das auch zeigt, der bekomme Anerkennung, erklärt Khamis. „Es ist wie in den Charts: Du kannst steigen oder fallen.“ Als er sich von der Familie distanzierte, war er „wieder bei null“. Natürlich könne man sich auch als Arzt oder Anwalt Respekt verdienen. „Aber du musst auch deinen Mann stehen. Das heißt, wenn die Familie ruft, sie zu verteidigen.“

Das kann bedeuten, per Handy spontan zu einer Schlägerei gerufen zu werden oder im Extremfall sogar für ein anderes Familienmitglied ins Gefängnis zu gehen. Wobei Khamis mit fester Stimme betont: Die allermeisten der Mhallami-Kurden, wie er selbst einer ist, seien keine Verbrecher.

„Dieses Phänomen gibt es mittlerweile in fast allen deutschen Großstädten“, sagt Ralph Ghadban. Der ebenfalls aus dem Libanon stammende und in Berlin lebende Politologe und Islamwissenschaftler hat gerade das Buch „Arabische Clans – Die unterschätzte Gefahr“ veröffentlicht. Zu den Minderheiten aus dem Libanon, wie die Mhallami, die Ende der Siebziger während des Bürgerkrieges eingewandert sind, kämen zunehmend andere ethnische Gruppen wie Türken, Albaner oder Tschetschenen hinzu.

„Der Ehrenkodex in den Familien macht es schwer, Ermittler einzuschleusen“

Es ist ein düsteres Bild, das Ghadban in seinem Buch zeichnet: Die kriminellen Clans betrachten demnach die demokratisch-freiheitliche Grundordnung und ihre liberalen Gesetze nicht als Errungenschaft, sondern als Schwäche. Die Familien seien streng patriarchalisch-hierarchisch aufgebaut, Frauen hätten kaum Freiheiten, Recht und Gesetz würden selbst definiert, Polizisten, Zeugen und Richter eingeschüchtert.

Einige der Clans sollen deutschlandweit mittlerweile Tausende von Mitgliedern haben. Nicht alle seien kriminell, betont Ghadban, aber als Mitwisser verpflichtet, über die Taten ihrer Verwandten zu schweigen. „Die Familienehre ist ein Zwang, Verräter müssen mit Konsequenzen rechnen.“ Geeignete Aussteigerprogramme gebe es kaum. „Dieser Ehrenkodex in den Familien macht es schwierig, verdeckte Ermittler einzuschleusen“, sagt Daniel Kretzschmar vom Bund Deutscher Kriminalbeamter. „Und wir können nicht gegen ganze Familien ermitteln, nur gegen Einzelpersonen oder Gruppen, die Straftaten begangen haben.“

Nach dem Mord an Nidal R. veröffentlichten Freunde im Internet Fotos der angeblichen Täter. Manche Kommentare in sozialen Netzwerken drückten Bewunderung für Nidal R. aus, andere freuten sich auf zynische Weise: „Einer weniger.“ Am Tatort liegen verwelkte Blumen, auf Zetteln stehen Trauerbotschaften. Ein Graffito, das den Verstorbenen zeigte, ließ die Polizei übermalen, sie will keine Heldenverehrung. Aus Sicherheitsgründen standen die Maler unter Polizeischutz.

Jens Rockstedt, der Integrationsbeauftragte von Neukölln, befürchtet, dass angesichts der Berichte über den Mord an Nidal R. und die Beerdigung, die an ein Mafia-Begräbnis erinnerte, nun wieder von der „Parallelgesellschaft“ geredet wird – und dadurch eine Negativspirale entsteht: „Vorbehalte gegen Migranten werden dadurch nicht weniger“, so Rockstedt. Dabei gebe es durchaus Erfolge.

Hat die Integrationspolitik versagt?

Die Polizei komme vielleicht kaum ran an die Clans, aber Sozialarbeiter aus der Community würden sehr wohl in die Familien gehen und über die Risiken sprechen, die mit den Verlockungen des schnellen Geldes einhergehen. Die Rückmeldung sei gut, gerade die Kinderkriminalität gehe zurück. „Die Integrationspolitik hat aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt“, sagt Rockstedt. Damit meint er die 1970er-, 1980er- und 1990er-Jahre, als in der Asyl- und Einwanderungspolitik eine harte Linie verfolgt wurde: Um Asylbewerbern keine Anreize zum Bleiben zu bieten, erschwerte ihnen der Staat sowohl die Ausbildung als auch die Möglichkeit, eine Arbeitsstelle zu finden.

1983 sank so in Deutschland die Beschäftigungsquote bei Ausländern auf 38 Prozent. Vor allem staatenlose Flüchtlinge ohne Papiere wurden nur geduldet. Einige warfen ihre Papiere aber auch bewusst weg, um nicht in ihre Herkunftsländer zurückgeschickt zu werden, wo sie mitunter schon kriminell geworden waren. Hätten die Verbrecher von heute eine Chance gehabt, sich zu integrieren, wenn sie anders behandelt worden wären? Politologe Ghadban verneint die Frage. „Viele Clanmitglieder sind doch schon 40 Jahre hier und nachträglich anerkannt worden.“

Die Polizei schlägt da zu, wo es besonders wehtut: beim Geld

Nidal R. kam mit acht Jahren als Flüchtling aus dem Libanon, 2003 sagte er dem „Spiegel“, er sei „unter Kriminellen“ aufgewachsen und „irgendwann selbst zum Kriminellen“ geworden: „Wenn du einmal drin bist, kommst du nicht mehr so leicht raus.“

Anti-Gewalt-Seminare, die er besuchte, fruchteten nicht. Stattdessen lieferte er sich Verfolgungsjagden mit der Polizei, fuhr unter Drogeneinfluss und ohne Führerschein, verwüstete Gefängniszellen. Da seine eigene Familie nur wenige Mitglieder umfasste, verdingte er sich als Schläger für andere Clans. Es gab zuvor schon versuchte Anschläge in Berlin, die offenbar ihm galten. Die Polizei hatte Nidal R. vor weiteren gewarnt, trotzdem machte er weiter.

Die Polizei hofft, den Zusammenhalt in Verbrecherclans zu schwächen, indem sie dort zuschlägt, wo es denen besonders wehtut: beim Geld. Im Juli 2018 wurden in Berlin 77 Immobilien und Grundstücke im Wert von etwa zehn Millionen Euro, die mutmaßlich zur Geldwäsche dienten, vorläufig beschlagnahmt. Doch das allein wird wohl nicht reichen. „Die Bekämpfung der Clan-Kriminalität ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe“, sagt Politologe Ghadban. Und fordert mehr Austausch zwischen Polizei, Justiz, Ämtern und Schulen. „Es darf nicht erst reagiert werden, wenn Blut fließt.“

Illustrationen: Jindrich Novotny

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

2 Kommentare
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Michael Hock
  ·  
04.01.2019-06:01

Ich verstehe die Israelis immer besser, dass sie eine Mauer zwischen sich und dieses archaische Volk ziehen. Die Misere der Palästinenser ist hausgemacht.

Antonia Meyer
  ·  
23.01.2019-08:01

Michael Hock, dein Kommentar ist vollkommen unangebracht. Rassistische Scheiße!
Es wird aber tatsächlich über ein hausgemachtes Problem in diesem Artikel geschrieben, nähmlich dass Rassismus deutsche Behörden wie auch weiße Bürger*innen dazu motiviert Migrant*innen systematisch auszuschließen. Ein Folge davon ist, dass sich diskriminierte Menschen der Kriminalität zuwenden, weil sie im Raum der Legalität nicht existieren dürfen.