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Was aus uns werden kann

Der IS teilte die Gesellschaft im nordsyrischen Rakka in zwei Gruppen: Gläubige und Ungläubige. Diese Ideologie wollen junge Frauen heute aus den Köpfen vertreiben. Kann das gelingen?

Basar

Eine junge Frau mit beigefarbenem Kopftuch und einer markanten Narbe am Kinn steht in der Mitte des Gebäudes, das bis vor Kurzem ein Frauengefängnis war, und strahlt übers ganze Gesicht. „Habt ihr das gesehen?“, ruft sie und deutet auf zwei Personen, die an den beiden dösenden Wachen mit Maschinenpistolen nach draußen auf die Straßen Rakkas hasten, wo die Sonne schon vormittags heiß vom Himmel brennt. Dann sind der alte Mann mit dem weißen Bart und dem rot-weiß karierten Turban und die junge Frau mit dem schwarzen Nikab verschwunden. „Früher war der Alte ein IS-Anhänger und hat seine Probleme mit Gewalt gelöst“, sagt die Frau. „Heute kommt er dafür zu uns, weil er sagt, dass er uns Frauen mehr traut als Männern.“

Die junge Frau nennt sich Amal. Ihren echten Namen will sie nicht sagen. Zu gefährlich sei das, allein im letzten Jahr hätten sie und ihr Mann mehrere Morddrohungen erhalten. Zuletzt habe jemand vor eineinhalb Monaten einen Brief geschickt mit der Ankündigung, ihnen beiden die Köpfe abzuschneiden. Doch Amal lässt sich nicht einschüchtern. Dort, wo der IS einst Frauen mit Stockschlägen bestrafte, hat sie an der Tür ein kleines Schild angebracht, auf dem „Gericht für soziale Gerechtigkeit“ steht. Es ist eine Initiative, um Konflikte zu lösen.

Amal hat eine Mission, die so unmöglich scheint, dass sie an manchen Tagen selbst nicht daran glaubt: Sie will die Gesellschaft im nordsyrischen Rakka wieder versöhnen, vier Jahre nachdem der selbst ernannte Islamische Staat aus der Stadt vertrieben wurde.

Zwischen Ende 2013 und 2017 war Rakka in Nordsyrien so etwas wie die Hauptstadt des Islamischen Staats, im Arabischen „Daesh“ genannt. Die Bilder von Menschen in Käfigen, von öffentlichen Steinigungen, Enthauptungen und einem Video, in dem eine Geisel in orangefarbenem Overall lebendig verbrannt wird, haben sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt. Vor vier Jahren, am 17. Oktober 2017, eroberte die internationale Anti-IS-Koalition mithilfe kurdisch geführter Milizen die Stadt zurück.

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Cafe (Foto: Richard Spencer/The Times)
Auferstanden aus Ruinen: In den Cafés und auf den Basaren (siehe Titelbild) kehrt langsam das öffentliche Leben zurück (Foto: Richard Spencer/The Times)

Der IS herrschte über Rakka wie eine Kolonialmacht

Die 41-jährige Khod Issa Ali, rubinroter Lippenstift, Bluejeans, weiße Nike-Sneakers, erinnert sich noch genau daran, wie im Jahr 2013 kurz Hoffnung aufkeimte, weil Rakka die erste Provinzhauptstadt war, aus der die syrischen Revolutionäre das Assad-Regime vertrieben hatten. Das Bangen und die Ängste, als Ende desselben Jahres die islamistischen Milizen der Nusra-Front und des IS die Stadt eroberten, sind der jungen Frau noch sehr präsent. Erst zwangen die Islamisten alle Frauen, nur noch schwarze Kleidung zu tragen und ihre Gesichter zu verschleiern. Dann verboten sie ihnen, ohne ein männliches Familienmitglied auf die Straße zu gehen. Sie verbannten Handys, Internet und Fernsehen. Die Religion wurde zur Legitimierung, die Bevölkerung in zwei Kategorien einzuteilen: Fromme und Ungläubige. Anhänger und Abtrünnige. Ersteren versprachen die Terroristen das Paradies, den anderen drohten Folter und Tod. Khod Issas Mann galt als Ungläubiger. Er ist Kurde und musste deshalb gemeinsam mit dem kleinen Sohn aus der Stadt fliehen. Monatelang hielten sie sich in Dörfern versteckt, weil der IS gedroht hatte, alle Kurden in Rakka zu töten.

„Vor Daesh hat uns das Assad-Regime unterdrückt, aber wir Menschen haben alle friedlich zusammengelebt“, sagt Khod Issa. „Es waren vor allem die Ausländer, die hier einfielen und versucht haben, uns von den Gedanken des IS zu überzeugen.“ Diese Geschichte erzählen viele Menschen in Rakka: Die IS-Anhänger seien aus der Türkei, Tunesien, Ägypten, Europa oder den USA nach Syrien gekommen.

Der aus Rakka stammende Intellektuelle Yassin al-Haj Saleh beschrieb das in einem Essay so: „Daesh bezeichnet sich selbst als Staat, benimmt sich aber gegenüber den Gemeinschaften unter seiner Kontrolle wie eine Kolonialmacht, ohne auch nur im Geringsten auf die Forderungen oder Bedürfnisse der Bevölkerung einzugehen.“ Lange Zeit dachte Khod Issa, diese Herrschaft würde nie zu Ende gehen.

Ein Grund, warum der IS schließlich doch stürzte, waren die Frauen aus Rakka. Die (mehrheitlich) kurdische Frauenmiliz YPJ half mit, den IS 2015 aus der kurdischen Stadt Kobanê zu vertreiben. Eineinhalb Jahre später kämpften Hunderte Frauen bei der Befreiung von Rakka gegen die Dschihadisten. 2018 riefen die kurdischen Kräfte hier die „Autonome Selbstverwaltung Nordostsyrien“ aus, die heute rund ein Drittel des syrischen Territoriums umfasst und in der der IS verboten ist. Die neuen Machthaber wollen eine Gesellschaft, in der Geschlecht, Ethnie und Klasse keine Rolle mehr spielen.

Doch manche Bewohnerinnen und Bewohner Rakkas sind angesichts dieser Ideen skeptisch. In Wahrheit seien die Kurden nur die nächsten Fremdherrscher in der arabischen Stadt, die de facto einen Einparteienstaat etablieren. Bisweilen würden Menschen willkürlich verhaftet, denen eine Nähe zum IS vorgeworfen wird. Khod Issa aber will den Kampf weiterführen, den die kurdischen Kämpferinnen in Kobanê begonnen haben. Ihre kurdischen Freundinnen hätten ihr gezeigt, was Widerstand und Gleichberechtigung bedeuten.

Khod Issa möchte den verbleibenden IS-AnhängerInnen zeigen, dass Daesh nichts mit dem wirklichen Islam zu tun hat

Heute ist sie Frauenrechtsaktivistin bei „Zenobia“, einer kleinen Organisation von Frauen aus den Städten, die vom IS befreit wurden. Ihr Ziel: die verbliebenen IS-Frauen in Syrien aufzuklären und die IS-Ideologie aus den Köpfen zu vertreiben. Sie zieht ihr Smartphone aus der Tasche und zeigt ein Bild von Frauen in schwarzen Gewändern, deren Augen nicht zu erkennen sind. „Die Männer sind in Gefängnissen, aber ihre Frauen kommen zurück und tragen die Gedanken weiter“, sagt sie. „Wir veranstalten diese Treffen, um ihnen Schritt für Schritt zu erklären, dass Daesh nichts mit dem wirklichen Islam zu tun hatte. Dass Daesh ein Fake ist. Aber wir können sie zu nichts zwingen, sonst wären wir der nächste IS.“

Dabei helfe ihr, dass sie im Gegensatz zu vielen IS-Anhängerinnen die Sprache der Menschen spreche. „Es hilft nichts, wenn wieder jemand von außerhalb kommt und ihnen seine Meinung überzustülpen versucht.“ Manche Frauen kämen Wochen später zu ihr, um sich zu bedanken. Von vielen höre sie allerdings nie wieder. Niemand kann abschätzen, wie viele IS-Anhänger sich noch in Rakka aufhalten.

Wenn man in diesen Tagen durch die Stadt spaziert, merkt man, dass eine neue Zeit angebrochen, die alte aber noch nicht ganz vergangen ist. Am Platz des Paradieses, wo einst Menschen in Käfigen vorgeführt und gekreuzigt wurden, steht heute ein bunter Schriftzug, wie man ihn aus vielen Städten kennt: I <3 Raqqa. Dahinter hat sich eine Menschenschlange vor dem neu eröffneten Nutella-Café gebildet, das mit der Nutella-Schrift an der Fassade zwischen all dem Schutt etwas fehl am Platz wirkt.

Blickt man durch Amals vergittertes Bürofenster nach draußen, sieht man vor allem zerbombte Gebäude mit weggerissenen Fassaden. Man kann in die Wohnungen der Menschen blicken. Durch die Straßen wälzen sich Kolonnen von Lastwagen, Betonmischern und gelben Baggern, die 24 Stunden, sieben Tage die Woche Schutt abtragen, wegkarren und neue Baustoffe liefern. Es ist der Versuch, die Kerben zuzuschütten, die der IS-Terror in der Stadt hinterlassen hat.

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Khod Issa (Foto: Daniela Sala)

Khod Issa kämpft für Gleichberechtigung und gegen die IS-Ideologie

(Foto: Daniela Sala)

Rund 10.000 ausländische IS-Anhänger leben noch in Camps in Syrien

Amal sieht bei ihrer Arbeit auch die psychischen Wunden der zerrissenen Familien und elternlosen Kinder, die von der IS-Herrschaft geblieben sind: „Die junge Frau, die eben hier war, wurde während der Zeit des IS zwangsverheiratet“, erklärt Amal „Unsere Aufgabe ist es, mit der Familie zu reden und eine Lösung zu finden.“ Sie kann stundenlang von den Fällen erzählen, in denen sie und ihre vier Kolleginnen versuchen, zu vermitteln, ohne ein offizielles Gericht einschalten zu müssen. Typische Fälle sind zum Beispiel jesidische Frauen, die bei den Raubzügen des IS verschleppt und vergewaltigt wurden und jetzt nicht wissen, wer für ihre Kinder sorgen soll, Frauen, die zwangsverheiratet wurden, oder Töchter, die sich dem IS anschlossen, obwohl ihre Eltern dagegenwaren. „Wir müssen Wege der Versöhnung finden – wir können ja nicht alle einsperren“, sagt sie. „Wenn wir uns rächen, hört das Massaker niemals auf.“

Doch können Amal und Khod Issa damit erfolgreich sein?

„Wenn wir genügend Zeit bekommen, können wir unsere Probleme lösen“, sagt Amal. „Aber dazu müssen die Menschen verschwinden, die den Terror nach Rakka gebracht haben.“ Rund 10.000 ausländische IS-Anhängerinnen und Anhänger leben noch in Camps in Nordostsyrien. Darunter mindestens 1.000 Frauen und Kinder aus Europa. Staaten wie Deutschland, Frankreich oder Großbritannien weigern sich teilweise seit Jahren, ihre Staatsbürger zurückzunehmen.

„Diese Camps sind wie tickende Zeitbomben“, sagt Amal. „Diese Kinder und Jugendlichen sind für uns unerreichbar. Sie kennen nichts anderes als die IS-Ideologie, und wenn nicht bald etwas passiert, wird ein neuer IS entstehen, der noch brutaler ist als der erste. Und das werden nicht nur wir, sondern die ganze Welt zu spüren bekommen.“

Auch Khod Issa ist sich sicher: Erst wenn die letzten ausländischen IS-Unterstützer verschwinden, wird auch die IS-Ideologie keine Chance mehr haben. Dann kann das möglich werden, wovon sie träumt: eine Gesellschaft, in der Geschlecht, Ethnien und Klassen keine Rolle mehr spielen.

Titelbild: Delil Souleiman/AFP via Getty Images

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