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In Bewegung

Der Comicband „Movements and Moments“ erzählt vom Kampf indigener Feministinnen: gegen die Oberschicht, die Männer, ausländische Konzerne – oder gegen alles zusammen

  • 5 Min.
Movement and Moments

Kennt ihr Dolores Cacuango? Sie wurde 1881 am Fuße des Vulkans Cayambe in Ecuador geboren und kämpfte ihr Leben lang für die Rechte der unterdrückten indigenen Bevölkerung ihres Landes, zu der sie selbst gehörte. Sie trat ein für bessere Bildung und ein Ende der sexuellen Ausbeutung von Dienstmädchen, und noch heute wird sie in Ecuador als „Mama Dulu“ verehrt.

Okay, das war jetzt vielleicht ein spezieller Fall. Deswegen noch mal anders gefragt: Wie viele indigene Feminist:innen kennt ihr? Tja. Ihre Sichtbarkeit ist hierzulande, vorsichtig gesagt, ausbaufähig.

Mangastil und abstrahierten Knubbelfiguren: die zeichnerische Vielfalt ist beeindruckend

Das Projekt „Movements and Moments“ will Biografien wie die von Dolores Cacuango bekannter machen und wählte dafür das Medium Comic. Gestartet wurde das Projekt 2019 vom Goethe-Institut in Jakarta, Indonesien, mit einem Open Call, der sich explizit an Künstler:innen aus dem Gobalen Süden wandte. 218 Projekte aus 42 Ländern wurden eingesendet, 16 Geschichten wurden ausgesucht. Diese Auswahl ist online verfügbar (in der jeweiligen Landessprache und zum Teil auch auf Englisch oder Spanisch), zehn der Geschichten gibt es nun außerdem als deutschsprachigen Comicband. 

Movement and Moments

Da geht es um den Widerstand der Mapuche gegen ein Staudammprojekt in Chile, das ihren Lebensraum am Fluss Pilmaiquén bedroht, um die Reise einer indischen trans Frau und Künstlerin nach San Francisco oder um eine Vietnamesin, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, die musikalischen Traditionen der Ê-đê-Volksgruppe am Leben zu erhalten.

Beeindruckend ist die zeichnerische Vielfalt der Comics. Das reicht vom eingängigen Mangastil von Supitcha Senarak, in dem die Geschichte von Nong Air aus Thailand erzählt wird, die als Trainerin an einer „Women School“ – einer Bildungs- und Beratungseinrichtung – andere indigene Frauen betreut, bis zu Taís Koshinos getuschten, stark abstrahierten Knubbelfiguren, die die Biografien von zwei brasilianischen indigenen LGBTQIA+-Aktivistinnen ausleuchten. 

Der Umgang mit Perspektiven, Seitenlayouts und optischen Gimmicks ist fantasievoll und sehr abwechslungsreich, oft wird mit kraftvollen Farben gearbeitet. Ein besonderes Highlight ist die Geschichte über eine anarchistische Gewerkschaftsbewegung der bolivianischen „Cholas“, die in den 1930ern als Dienstmädchen, Marktfrauen oder Köchinnen kaum Arbeiterinnenrechte hatten: Vanessa Peñuelas und César Vargas’ schnörkellosen Zeichnungen im Ligne-claire-Stil (den kennt man zum Beispiel von „Tim und Struppi“) und die gedeckte Farbpalette sind wie aus einem Guss.

Movement and Moments

So originell und abwechslungsreich ist „Movements und Moments“ allerdings nicht, wenn es um das Erzählerische geht. Klar, die Lebensgeschichten sind wichtig und empowernd. Aber so aneinandergereiht wie in diesem Comicband ergibt sich ein recht gleichförmiges Erzählmuster nach dem Motto: „Schaut, da sind Frauen, die sich nicht unterkriegen lassen – von der Oberschicht, den Männern, der Regierung, den ausländischen Konzernen oder allen zusammen – und mutig ihren Weg gehen!“ Das Ganze wird dann mit spezifischen Hintergründen und Fakten verwoben – oder manchmal leider auch überfrachtet. Das mit allen Fußnoten zu lesen fühlt sich mitunter wie Arbeit an. Andererseits: In Nicht-Comicform wäre das Ganze wohl noch deutlich weniger zugänglich.

Durch den Comic bekommen Künstlerinnen eine Bühne, die sie in Deutschland sonst nicht haben

So gesehen funktioniert die Idee der Herausgeber:innen, denen es ja ohnehin vor allem darum geht, die „Herstorys“, wie sie sie nennen, zu verbreiten und Künstler:innen eine Bühne zu bieten, die sie in Deutschland sonst nicht haben.

Eine Leerstelle hat das Album übrigens, auch zum Bedauern der Herausgeberinnen: Afrika. Von diesem Kontinent gab es weniger Einsendungen, die meisten davon passten thematisch nicht ganz ins Konzept indigener feministischer Aktivismen – und die eine, die es in die Auswahl geschafft hatte, zogen die Autorinnen aus Angst vor Repressionen wieder zurück. So bleibt es bei Geschichten aus Chile, Peru, Ecuador, Bolivien, Brasilien, Thailand, Vietnam, Nepal, Indien und von den Philippinen. Dabei kann man sehr viel lernen und erfahren – und vielleicht ist Dolores Cacuango bald hierzulande so bekannt, dass sie auch einen deutschsprachigen Wikipedia-Artikel hat.

„Movements and Moments“ (316 Seiten, 27 Euro) ist im Jaja Verlag erschienen.

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.