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Der kann nicht alles tragen

Ob Markenhemd oder afghanische Tracht: Unser Autor wird für seine Klamotten verurteilt. Über die textilen Schwierigkeiten als muslimischer Mann

  • 6 Min.
Emran

Ich spaziere durch Innsbruck, meine österreichische Geburtsstadt im Herzen der Tiroler Alpen. „Fescher Mann, aber woher das Geld“, murmelt eine ältere Dame vor sich hin. Ein Mann starrt mich verächtlich an. Ich gehe weiter. Dass ich aufgrund meines Äußeren Diskriminierung erlebe, ist nichts Neues. Ich bin fast einen Meter neunzig groß, schwarzhaarig und vollbärtig. Kein ganz klassischer Österreicher. Für viele Menschen steht praktisch auf meiner Stirn geschrieben, dass ich einen muslimischen Hintergrund haben muss, und daraus ziehen sie ihre Schlüsse. So weit, so alltagsrassistisch. Mein Bart, meine Haare sowie Haut- und Augenfarbe bleiben stets gleich. Was sich aber ändert, ist meine Kleidung – und die stellt mich als muslimisch gelesenen Mann immer wieder vor Probleme.

Ich achte auf meinen Kleidungsstil. Gerne trage ich einen Mantel, meinen Lieblingspullover, elegante Stiefel und irgendeine Jeans. Ob Markenklamotten oder No-Name-Brands ist mir dabei meistens egal. Es muss passen, halten und gut aussehen. Doch einige Menschen sehen in meiner Kleidung mehr, als mir lieb ist. Ein gut angezogener, muslimisch gelesener Mann ist für Teile der weißen Mehrheitsgesellschaft ein Affront oder zumindest eine Irritation. Das ist nicht nur im erzkonservativen Innsbruck der Fall, sondern auch in Berlin oder Stuttgart, wo ich zurzeit lebe. Im Grunde genommen ist es ähnlich wie mit einem schicken Sportwagen. „Wie kann sich der denn so etwas leisten? Der ist doch gerade erst aus Syrien oder Afghanistan in unser Land gekommen“, sagen manche über mich.

„Formell und schick? Da kann etwas nicht stimmen. In Turnschuhen und Jogginghose? Muslimische Sozialschmarotzer!“

Nicht nur mir, sondern auch vielen Geflüchteten, die in den vergangenen Jahren nach Deutschland oder Österreich gekommen sind, ist ihr Erscheinungsbild wichtig. Sie wollen gut und gepflegt aussehen und das auch zeigen: einerseits den Menschen in der neuen Heimat, von denen sie ohnehin oft kritisch beäugt werden; andererseits den Verwandten im fernen Ausland. Immerhin hat es nicht jeder nach Europa geschafft.

Wenn Menschen andere Menschen „muslimisch“ lesen, ist damit gemeint, dass sie von Aussehen oder sonstigen äußeren Merkmalen (z.B. Kleidung) auf eine ethnische oder religiöse Zugehörigkeit schließen – egal ob das stimmt oder nicht.

Doch egal, was man als muslimisch gelesener Mann anzieht, ständig wird man abgestempelt. Formell und schick? Da kann etwas nicht stimmen. Locker, leger und in Jogginghose? Arbeitsloser Sozialschmarotzer! In Deutschland berichten rund die Hälfte der Menschen mit sichtbarem Migrationshintergrund von Diskriminierungen. Das ergab eine Studie des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration 2018. Besonders betroffen sind demnach Musliminnen und Türkinnen. Kein Wunder: Zur erwähnten Sichtbarkeit gehört eben auch die Kleidung, in ihrem Fall: das Kopftuch.

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Emran
„Wie kann sich der sowas leisten?“ Das hört unser Autor manchmal, wenn er mit Hemd durch die Straßen läuft …

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Emran

… trägt er Peran Tumban, wird ihm hingegen mangelnder Integrationswille unterstellt

Zugegeben, es passiert nicht oft, aber manchmal lege ich mir meine afghanische Tracht, den Peran Tumban (wortwörtlich übersetzt: Kleid und Pluderhose), an. Während ethnic clothes in Metropolen wie London oder New York zum Alltag gehören und Sikhs und Muslime sogar ihre religiösen Kopfbedeckungen während des Polizeidienstes tragen dürfen, sind derartige Szenen in Deutschland eine Ausnahme und teilweise sogar gesetzlich verboten. Ich trage Peran Tumban nur zu besonderen Anlässen, zu religiösen Feiertagen, Hochzeiten oder Volksfesten. Meist trägt man dazu eine Weste und Sandalen. Wer es auf die Spitze treiben will, setzt sich noch einen Pakol-Hut oder einen Turban auf.

In Kabul käme der Peran Tumban auch nicht besser an

Natürlich gibt es viele Menschen, die solch eine Kleidung schön finden. Allerdings nur in einem gewissen Maße: Wer es mit Pluderhose und Turban übertreibt, gilt als nicht integriert. Das oftmals weiße Gegenüber hat sich schon längst sein eigenes Bild gemacht, bevor man überhaupt den Mund aufmacht: Parallelgesellschaft, religiöser Extremismus, Taliban. Es gab Situationen, in denen ich mit meinem Peran Tumban Supermärkte und Tankstellen betrat und nicht nur skeptisch, sondern auch feindselig angestarrt wurde – bis ich den Mund aufmachte und man mein akzentfreies Deutsch hören konnte. Abgesehen vom Äußeren ist die Sprache ein wichtiger Aspekt, der zu Diskriminierung und rassistischem Verhalten führen kann. Wer akzentfrei spricht oder gar einen lokalen Dialekt wie ich, hat meist weniger zu befürchten als jene, die das nicht tun.

Ironischerweise könnte ich auch in Kabul den Peran Tumban nicht tragen, ohne anzuecken. Dort hat es Tradition, dass sich urbane Eliten durch ihre Kleidung vom „einfachen Volk“ abgrenzen. In den 1970er-Jahren trug mein Vater in Kabul ausschließlich westliche Kleidung. Auch heute noch versuchen viele junge Afghanen, sich durch westliche Mode „aufzuwerten“. In vielen postkolonialen Staaten ist das so. Die Wurzel des Ganzen sitzt tief: In den 1920er-Jahren versuchte der afghanische König Amanullah Khan das Land zu modernisieren, indem er der Bevölkerung nach seinen Reisen in Europa unter anderem westliche Kleidung aufzwang. Wer Peran Tumban trug, galt als rückständig. Bei politischen Versammlungen mussten alle Teilnehmer ihre afghanische Tracht ablegen. Stattdessen ordnete der König Anzug und Krawatte an. Das Ganze nahm kein gutes Ende für Amanullah Khan. Er wurde gestürzt und verjagt.

Was der König nicht verstanden hatte und viele bis heute nicht einsehen wollen: Progressivität hat wenig bis gar nichts mit dem Kleidungsstil von Menschen zu tun. Afghanische Trachten bedeuten nicht automatisch, dass ihr Träger rückständig ist. Genauso wenig stehen westliche Modeerscheinungen für die einzig wahre, moderne und aufgeklärte Erleuchtung. Doch solange derartige Konstrukte in den Köpfen vieler Menschen bestehen bleiben, werde ich wohl weiter vor meinem Kleiderschrank verzweifeln.

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

106 Kommentare
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otto russmann
  ·  
28.09.2020-11:09

Es begann damit, dass man seit einiger Zeit die Bekleidung "Klamotten" nennt.Das bedeutete sehr lange "Ärmliche oder alte Kleiderstücke" und so sehen sie auch aus, diese zerrissenen und zerknitterten Dinge, die man sich heute anzieht.
Der beste Einfall der Industrie war ja, dass man diesen Sachen Exclusivität verleiht, indem man zerrissene Bekleidung als top-modisch in den Modehimmel empor gehoben hat. Die breite Masse nimmt so etwas natürlich gerne an und die Bügeleisenhersteller vermelden Umsatzrückgänge. Man kann ja bekanntlich der breiten Masse jeden Blödsinn einreden, wenn man ihn nur über die richtigen Medien verbreitet.
Von mir aus soll sich ja jeder anziehen wie er will, aber so wie ich kein Loch in meinem Hausdach haben möchte, so möchte ich keines in meiner Bekleidung haben, denn wer weis, was mir da unbeabsichtigt raushängen könnte und da sind wir bereits bei dem Begriff "PEINLICH"
Dieses Gefühl dürfte den Menschen allmählich abhanden gekommen sein. Kurz nach dem Krieg, als die Menschen nichts hatten,aber trotzdem ordentlich angezogen waren,wäre man in der heutigen Klamottenkluft nie und nimmer aus dem Haus gegangen. Natürlich war man in Lokalen besonders ordentlich angezogen, denn es ist ja so, dass Kaffe aus Pappbechern nicht so schmeckt, wie wenn man ihn aus eine Kaffeschale trinkt.
Es kann sich ja jeder so anziehen, wie er gerne möchte, aber wie Lisa Eckhart vor kurzem sehr treffend feststellte als sie meinte, dass es etwas irritierend sei, wenn sie von der Bühne in den Zuseherraum blickt und denkt, sie sei in irgend einem Wohnzimmer.
Warum ist das so? Meine gewagte Theorie sagt mir : Die Leute werden immer fauler, es wird nicht mehr gekocht und in den TV Spots zeigt man uns wie man wirklich gepflegt isst. Am besten auf einem Sofa in einer lässigen Derwischhaltung, davor muß ein viel zu kleiner Tisch stehen, wo man nach kurzer Zeit das Essen nicht mehr von der Verpackung unterscheiden kann. Aber es ist praktisch und auch wenn dem Einen oder Anderen am Anfang leicht übel wird, man gewöhnt sich bekanntlich an alles. Weg mit den gebügelten Hemdkrägen, weg mit allem was Mühe macht, bringen wir die ganze Welt auf Körpertemperatur und lassen diese unötige Bekleidung ganz weg, macht doch nur Arbeit.....
Ausserdem sollte nicht nur die Bekleidung sauber und gepflegt sein, sondern auch die Umgebung. Wenn ihr Euch also in Eurer Markenkleidung vor Eurem Haus in lässiger
cooler Pose präsentiert, achtet bitte darauf, dass die Umgebung nicht so aussieht, wie ich sie in vielen südländischen Gebieten kennen lernen durfte. Damit sind wir wieder beim Begriff "PEINLICH"
Da bei mir der gesamte Markenkult nicht ankommt, sehe ich nur das von Werbung unbeeinflusste Ergenis. Wenn also jemand mitten in einem, wir sagen in Österreich "Sauhaufen" steht und mit grimmiger Mine unbeteiligt und cool ins Nirvana blickt, dann könnte er bereits mit einem Lächeln den gesamten Eindruck etwas positiver gestalten.

Gast
  ·  
06.11.2020-06:11

Lass eine vollbusige Frau im Dirndl durch Kabul laufen...
Was ist Deine Reaktion? Darf sie nicht, geht nicht, Religion? Es ist nur eine Tracht, wie Deine.

MB
  ·  
26.11.2020-08:11

einer, der die Motzer umtreibt!

Hamid
  ·  
03.03.2021-12:03

Der Inhalt wirkt leider etwas konstruiert. Sicherlich gibt es das hier skizzierte Schubladendenken und Herkunftlesen, aber seitdem es Modediscounter gibt, wundert sich wohl wirklich niemand mehr über Leute die ein Hemd tragen.

Yadgar
  ·  
14.04.2021-05:04

Also, was den Pakol angeht (Turban funktioniert bei mir nicht, liegt wahrscheinlich an meinen langen glatten Haaren), habe ich - als nichtmuslimischer "Biodeutscher" - eigentlich nur positive Erfahrungen gemacht, Leute fragen mich, wo man so eine Mütze bekommt, ob ich schon einmal in Afghanistan war. Mein (üblicherweise faustlanger, wenn auch nicht schwarzer) Vollbart bewirkt zusammen mit dem Pakol, dass ich mitunter "muslimisch gelesen" werde - und zwar von Muslimen, was ebenfalls durchweg positive Reaktionen bewirkt, übrigens gerade von Afghanen! Ich bin über meinen Pakol schon oft mit Afghanen ins Gespräch gekommen...

Warum trage ich überhaupt Pakol? Zum einen natürlich, weil ich seit meinem 15. Lebensjahr (1983/84) ein absoluter Afghanistan-Freak bin (und ich Ahmad Schah Massoud damals auch sehr schick fand), zum Anderen, weil das Teil auch einfach praktische Vorteile hat - ein Pakol ist nämlich dank des dicken Rollwulsts so ziemlich die einzige Art Mütze, die beim Fahrradfahren im Winter den kalten Fahrtwind von der Stirn abhält, bevor ich meinen ersten Pakol hatte (Dank dafür geht an die Ahmadiyya-Gemeinde in Köln, ein Katzensprung von meinem Wohnklo entfernt), musste ich immer mit Skimütze und Palästinensertuch improvisieren, das war auf die Dauer nicht so toll.

In jüngerer Zeit habe ich entdeckt, dass auch in den immer heißer werdenden mitteleuropäischen Sommern der Pakol gute Dienste leistet - in cremeweiß verhindert er auch bei 40 Grad zuverlässig den Sonnenstich.

Yadgar
  ·  
14.04.2021-05:04

Mit schwarzen Haaren und Vollbart ist man "kein ganz klassischer Österreicher"? Also, Andreas Hofer würde das anders sehen...

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