Schon kurz nach seinem Amtsantritt Anfang 2017 machte Rios Bürgermeister Marcelo Crivella deutlich, was er vom Karneval hält. Anders als seine Vorgänger nahm er nicht an der Schlüsselübergabe an den Karnevalskönig Rei Momo teil, die symbolisch den Beginn des Karnevals einleitet. Beim Karneval selbst ließ er sich vergangenes Jahr auch nicht blicken. Im karnevaltreuen Rio kommt allein schon das einem Affront gleich.

Das Tourismusbüro Riotur rechnet dieses Jahr mit rund 1,5 Millionen Touristen und Einnahmen in Höhe von ungefähr einer Milliarde Dollar

Noch drastischer wurde Crivellas Abneigung gegen den Karneval Mitte letzten Jahres sichtbar, als er die Zuschüsse für die Sambaschulen halbierte. Die sagten daraufhin die Karnevalsparade 2018 vorerst ab. Rio ohne Karneval? Kaum vorstellbar. Das Megaereignis ist eine wichtige Geldquelle für Rios knappe Kassen. Das Tourismusbüro Riotur rechnet dieses Jahr mit rund 1,5 Millionen Touristen und Einnahmen in Höhe von ungefähr einer Milliarde Dollar. 

Die Situation beruhigte sich wieder etwas, als private Spender und Unternehmen bekannt gaben, für einen Teil des fehlenden Geldes aufkommen zu wollen. Zwischenzeitlich wollte auch die Regierung in Brasilia finanziell aushelfen, zog ihre Unterstützung Ende des letzten Jahres aber wieder zurück. Das meiste Geld kommt jetzt vom Taxidienst Uber, der als Profiteur der Wirtschaftskrise in Brasilien gilt.

Private Spender und Unternehmen springen ein, um das Fest zu retten – die Sambaschulen improvisieren

Die Sambaschulen bereiten sich monatelang auf den großen Tag im Sambódromo vor, wo sie sich an Karneval miteinander messen werden. Steven Harper, der seit vielen Jahren in Brasilien lebt und Choreograf bei der Sambaschule Mangueira ist, erklärt, wie das auch mit weniger Geld funktionieren soll: „Durch Kreativität! Wir haben keine aufwendige Technik wie manche Schulen in den vergangenen Jahren“, sagt Harper. „Und durch den Einsatz aller Leute, die mitmachen.“ 

In der letzten Woche vor Karneval trafen sie sich mitten in der Nacht für Proben. Dann war es etwas kühler, und weniger Leute waren unterwegs, die ihre Kostüme sehen und die Überraschung verderben könnten. „Diesen Aufwand macht nur mit, wer Karneval wirklich liebt“, sagt Steven Harper. 

 Sambódromo (Foto: YASUYOSHI CHIBA/AFP/Getty Images)

Da entfährt einem schon mal ein Freudenschrei: Die traditionelle Samba-Schule Portela wurde 2017 Champion in der Kategorie „Special“. Ihr wurden mit 22 Titeln bisher die meisten Auszeichnungen verliehen

(Foto: YASUYOSHI CHIBA/AFP/Getty Images)

Laut Bürgermeister Crivella waren die Kürzungen unumgänglich. Tatsächlich steckt Rio in einer finanziellen und sicherheitspolitischen Krise. Auseinandersetzungen in den Favelas, den Randbezirken der Stadt, sind an der Tagesordnung. Drogenbanden liefern sich fast täglich Schießereien mit der Polizei. Allein im Januar wurden 640 Konfrontationen gemeldet. Die Polizisten der Stadt erhielten 2017 ihr ohnehin geringes Gehalt oft viel zu spät, manche Einheiten hatten nicht genug Geld, um ihre Dienstwagen zu betanken. Vom Optimismus, der während der Fußballweltmeisterschaft 2014 und der Olympischen Spiele 2016 in der Luft lag, ist nicht mehr viel übrig.

Die „Universalkirche des Königreichs Gottes“ hält von nackten Brüsten wenig

Viele Beobachter und Kritiker glauben, dass es Crivella mit seinen Kürzungen um etwas ganz anderes geht. Crivella ist ein ehemaliger Bischof der evangelikalen „Universalkirche des Königreichs Gottes“, gegründet von seinem Onkel, dem Milliardär Edir Macedo. Und die hält von nackten Brüsten und berauschenden Nächten wenig.

Im traditionell katholischen Brasilien erleben evangelikale Kirchen seit ein paar Jahren einen starken Mitgliederzuwachs. Mittlerweile zählt rund ein Fünftel der Bevölkerung zu evangelikalen Gemeinden, die oft sehr darauf bedacht sind, ihre gesellschaftspolitischen Positionen in der Öffentlichkeit zu behaupten. Die Universalkirche des Königreichs Gottes, die ihren Hauptsitz in Rio de Janeiro hat, etwa besitzt ein großes Medienunternehmen. Immer mehr Menschen, die wie Crivella eng mit den evangelikalen Kirchen verbunden sind, nehmen Positionen in der Politik ein.

Samba Schule "Mocidade Independente de Padre Miguel" (Foto: Fernando Quevedo de Oliveira/Alamy Live News)

Die Samba-Schule „Mocidade Independente de Padre Miguel“, gegründet 1955, macht Love not Gang War

(Foto: Fernando Quevedo de Oliveira/Alamy Live News)
 

Ihre Wahlerfolge lassen sich aber nicht nur durch den Mitgliederzuwachs der evangelikalen Kirchen erklären, sondern auch durch die starke Abneigung gegenüber den linken Parteien. Ein großer Korruptionsskandal in Brasiliens Politik hatte in den letzten Jahren zu Ermittlungen gegen Mitglieder des gesamten Parteienspektrums geführt. Der öffentliche Ärger trifft allerdings in erster Linie Mitglieder der Arbeiterpartei (PT), die 13 Jahre lang in der Regierung war. Es sind vor allem die ehemaligen Wähler der Arbeiterpartei aus den ärmeren Vorstädten, bei denen evangelikal-religiöse und häufig auch antipluralistische Ansichten wie von Crivella Erfolg haben.

Ein Wagen sieht aus wie eine Bar, an deren Tresen verschiedene Heilige sitzen – religiöse Pluralität statt religiöse Intoleranz

Die Traditionen und Moralvorstellungen der evangelikalen Kirchen unterscheiden sich voneinander. So gilt die Universalkirche des Königreichs Gottes mit ihrem modernen Marketing, ihren Tänzen und der weniger strengen Kleiderordnung als vergleichsweise liberal. Mit der sexuellen Ausgelassenheit des Karnevals aber werden die allermeisten Kirchen nicht warm. Hinzu kommt, dass die Sambaschulen in ihren Paraden andere Religionen thematisieren, der Samba ist eng mit der afrobrasilianischen Kultur verwoben. 

Marcos Lodi ist selbst Evangelikaler und begeisterter Karnevalsfan. „Viele Evangelikale fühlen sich unwohl mit dem Karneval. Das liegt aber vor allem daran, weil sie es nicht kennen“, sagt er. „Die Paraden sind eigentlich fantastische Geschichtsstunden über die Geschichte Brasiliens.“

Auch ein großes Thema: Glitzer, als Hommage an die LGBT-Bewegung, die für die Gay-Parade kein Sponsoring mehr bekommt

In diesem Jahr steht bei den Sambaschulen allerdings weniger die Geschichte Brasiliens als ihre Abneigung gegen Crivella im Vordergrund. Als eine der kritischsten Schulen gilt Mangueira. Sie greift die finanziellen Kürzungen gleich in ihrem Motto auf: „Com ou sem dinheiro, eu brinco“ – Ich spiele mit oder ohne Geld. Einer der Mangueira-Wagen sieht aus wie eine Bar, an deren Tresen verschiedene Heilige sitzen – religiöse Pluralität statt religiöse Intoleranz. Auch ein großes Thema in diesem Jahr: Glitzer, als Hommage an die LGBT-Bewegung. Die Administration Crivellas strich das komplette Sponsoring für die Gay-Parade.

Die Kürzungen haben aber noch einen anderen Effekt: Der Karneval verlagert sich wieder mehr auf die Straße. Anders als sonst üblich dürfen dieses Jahr nur zwei der 13 Sambaschulen eine offizielle Probe im Sambódromo veranstalten, um ihren Ablauf zu üben. Dabei ist perfektes Timing in den Wettbewerbskategorien unabdingbar. Die Paraden dürfen maximal 75 Minuten lang sein – brauchen die Schulen länger, droht Punktabzug. 

Die Sambaschulen verlagern ihre Proben deshalb kurzerhand an öffentliche Orte, zum Beispiel auf die große Avenida Atlântica, die am Strand von Copacabana entlangführt. Das freut jenen Teil der Bevölkerung, der wegen der hohen Ticketpreise keine Gelegenheit hat, beim Karneval im Sambódromo dabei zu sein.

Dass Crivella nun kurz vor dem Karneval sein Image aufbessern wollte, interessiert viele Sambaschulen nicht im Geringsten. Im Fernsehen sang er wenige Tage vor dem Beginn des Treibens selbstironisch einen Samba-Klassiker mit abgeändertem Text vor: „Wer keinen Samba mag, ist kein guter Bürgermeister.“ Nach langem Hin und Her und nach Absprache mit Vertretern seiner Kirche hatte er angekündigt, an diesem Jahr ins Sambódromo zu kommen. Allerdings nicht, um Samba zu tanzen, sondern um die Infrastruktur zu überprüfen, wie er betont. „Danach wird niemand mehr sagen, dass Crivella den Karneval nicht mag, weil er gläubig ist“, sagte Crivella über Crivella. Am Sonntag – einen Tag vor dem großen Umzug – verkündete er in einer Videobotschaft vom Flughafen in Rio, dass er doch nicht teilnehmen wird. Und flog nach Europa.

Titelbild: MAURO PIMENTEL/AFP/Getty Images