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„Racial Profiling gibt es nun mal“

… und muss deshalb auch im Film vorkommen, findet Regisseurin Sarah Blaßkiewitz. Ein Gespräch über ihr Debüt „Ivie wie Ivie“ – dem ersten deutschen Film mit zwei afrodeutschen Frauen in den Hauptrollen

  • 4 Min.
Ivie (Haley Louise Jones) und Naomi (Lorna Ishema) in IVIE WIE IVIE

Ivie, die Protagonistin in Sarah Blaßkiewitzs Film „Ivie wie Ivie“, versucht gerade, als junge Lehrerin in Leipzig Fuß zu fassen. Doch auf einmal steht da ihre Halbschwester Naomi vor der Tür – von der sie bis dahin gar nichts wusste. Je mehr Zeit sie mit Naomi verbringt, umso mehr beginnt Ivie nicht nur ihre Identität als afrodeutsche Frau infrage zu stellen, sondern auch ihr gesamtes Umfeld: ihre Freund:innen, ihren Beruf, ihre Familie.

fluter.de: In deinem Film geht es um Freundschaft, Familie, Identität – und um Alltagsrassismus. Warum hast du dir gerade diese Themen für deinen ersten Spielfilm ausgesucht?

Sarah Blaßkiewitz: Ich wusste von Anfang an, was ich erzählen wollte: eine Protagonistin, die mit sehr guten Freunden aufwächst, die wie eine Familie für sie sind – mit allen Ups und Downs. Der Alltagsrassismus war in dieser Erzählung automatisch mit dabei, weil ich die Geschichte von zwei afrodeutschen Frauen erzähle, zu deren Realität es leider gehört, Rassismus zu erfahren. Ich wollte eine Lebenswelt zeigen, die ich selbst so vorher medial noch nicht gesehen hatte. Und tatsächlich gab es noch nie zuvor zwei afrodeutsche Frauen als Protagonistinnen in einem deutschen Film.

Inwieweit spiegelt der Film deine eigene Lebensrealität wider?

Ich habe dafür viel auf eigene Erfahrungen zurückgegriffen, die ich selbst als Schwarze Frau in Deutschland gemacht habe. Ich bin aber weder Ivie noch Naomi. Allerdings habe ich eine ähnliche Reise wie Ivie hinter mir. Auch ich habe mich als junge Frau gefragt: „Wer bin ich, und wie sehen mich die anderen?“ Ich habe viel in Zweifel gezogen. Anderes ist durch Erfahrungen und Geschichten in meinem Umkreis inspiriert. Dafür muss man keine afrodeutsche Geschichte haben. Mein Wunsch war es, dass sich alle Menschen angesprochen fühlen.

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Sarah Blaßkiewitz (Foto: picture alliance / Ralf Müller)
Sarah Blaßkiewitz, Jahrgang 1986, war als Kind in der Serie „Schloss Einstein“ zu sehen und hat danach in Wien und Berlin Film studiert (Foto: picture alliance / Ralf Müller)

Ivies beste Freundin Anne nennt Ivie „Schoko“. Beide haben diesen Begriff nie hinterfragt – bis Naomi auftaucht. Kann eine Freundschaft solche rassistischen Zwischentöne auf lange Sicht aushalten?

Ich hoffe schon, dass sich so etwas aufarbeiten lässt. Denn Anne hat das ja nicht böswillig gemeint, sondern sich kulturell verankerter Mechanismen bedient, die sie nie hinterfragt hat. In guten Freundschaften kann es gelingen, dass man solche Konflikte aushält und überwindet – und dazu gehört dann auch, die eigenen rassistischen Denkweisen und Handlungen zu reflektieren und darüber offen zu sprechen.

Du hast das Drehbuch ja schon zwischen 2016 und 2017 geschrieben. Hat sich seitdem etwas im Bewusstsein über Alltagsrassismus verändert?

Ich glaube schon. Das Thema Rassismus hat in den vergangenen Monaten viel mehr gesellschaftliche Aufmerksamkeit bekommen. Besonders die Debatten in den USA und die Black-Lives-Matter-Bewegung hatten darauf einen großen Einfluss. Das hat vielen Schwarzen Menschen – auch in Deutschland – mehr Selbstbewusstsein gegeben und die öffentliche Darstellung und Wahrnehmung von Afrodeutschen zum Positiven verändert. Es gibt medial inzwischen zum Beispiel viel mehr positiv konnotierte Darstellungen von Schwarzen Frauen, auf denen sie ihre Haare natürlich tragen.

Hat Black Lives Matter denn die Filmproduktion konkret beeinflusst?

Weil ich das Drehbuch schon 2017 geschrieben hatte, im Grunde nicht. Als die Demonstrationen im Sommer 2020 losgingen, hatte ich trotzdem eine richtige Krise: Es hat mich alles so erschlagen, und ich war so traurig. Ich habe im Drehbuch noch mal jedes Wort umgedreht. Wir haben im Team diskutiert, vor allem mit den beiden Hauptdarstellerinnen habe ich mich eng ausgetauscht: Womit geht es uns gut, womit schlecht? So gesehen hat Black Lives Matter mich und uns alle empowert, das dann durchzuziehen.

Es gibt einige sehr unangenehme Szenen im Film, etwa als Ivie beim Vorstellungsgespräch über ihren „Background“ ausgefragt wird. Reagieren Menschen, die selbst von Alltagsrassismus betroffen sind, anders auf den Film als Nichtbetroffene?

Es gibt Leute im Publikum, besonders aus der afrodeutschen Community, die sich danach erst mal sammeln müssen, weil sie Dinge gesehen haben, die sie selbst schon erlebt haben. Es gibt aber auch die, die dann sagen: „Endlich sehe ich mal mein Leben im deutschen Film abgebildet.“ Natürlich möchte ich als Erzählerin gerade das: dass man mit der Protagonistin mitfühlt. Und solche Gefühle von Scham oder Wut zeugen ja davon, dass man sich in die Protagonistin reinversetzen kann, auch als Weiße Person. In vielen Szenen, wie zum Beispiel der vom Vorstellungsgespräch, geht es darum, diese Situation einfach mal auszuhalten, zu spüren, wie unangenehm das ist.

Gibt es eine Szene, die Zuschauende bisher besonders heiß diskutieren?

Es gibt eine Szene, in der Polizisten auftreten und sich sehr rassistisch verhalten. Das könnte für einige so rüberkommen, als suggeriere ich, dass alle Polizisten rassistisch sind. Das will ich damit natürlich nicht aussagen. Aber Racial Profiling gibt es nun mal, und hätte ich das weggelassen, nur aus Angst, jemandem auf den Schlips zu treten, hätte ich einen großen Fehler gemacht.

Gleichzeitig werden durch manche Szenen, in denen auch rassistische Sprache gezeigt wird, verletzende Begriffe reproduziert. Warum hast du dich dazu entschieden, das trotzdem so konkret darzustellen?

Es gab schon Schmerzmomente, als ich diese Szenen geschrieben habe, und dann auch, als ich sie gedreht habe. Ich wurde auch selbst schon mit solchen Wörtern bezeichnet, die mich verletzt haben. Aber es bringt ja nichts, es zu beschönigen: Rassistische Übergriffe passieren. Und es macht keinen Sinn, das zu verschweigen. Denn so ein Film kann ja im Idealfall auch Menschen dazu anregen, sich mehr mit Rassismus und Menschen, die davon betroffen sind, zu beschäftigen.

„Ivie wie Ivie“ ist ab dem 16. September in den deutschen Kinos zu sehen.

Titelbild: Weydemann Bros. / Constanze Schmitt & David Schmitt

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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