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Bock auf Theorie?

Der Podcast „Machiavelli“ zeigt, wie Hip-Hop und Politik zusammengehen – ohne elitär, beflissen oder nerdig zu werden

Kanye West umarmt Donald Trump (Foto: Oliver Contreras - Pool/Getty Images)

Rapper und Politiker können nicht voneinander lassen. Barack Obama lud Kendrick Lamar ins Weiße Haus ein. Kanye West trug hingegen Trumps „Make America Great Again“-Cap, lobte ihn in den Himmel, nur um sich wenig später via Twitter von ihm zu distanzieren. Bushido wiederum absolvierte ein Praktikum bei einem CDU-Bundestagsabgeordneten und beleidigte später Claudia Roth von den Grünen.

Die Annäherungen und Verwerfungen haben auch damit zu tun, dass Rap eine Art fünfte Gewalt sein kann, die marginalisierten Gruppen eine Stimme gibt oder auf gesellschaftliche Missstände aufmerksam macht. Dadurch bestimmt er politische Diskurse mit. Oder lässt sich dafür einspannen. Wladimir Putin will Rap in Russland, wie er vor kurzem sagte, nun sogar „in die richtige Richtung lenken“, weil in dieser Musik „Drogen, Sex und Protest“ glorifiziert würden.

Was können wir im Rap über Politik lernen?

Jan Kawelke und Vassili Golod kennen die Wechselwirkung zwischen Rap und Politik. Beide produzieren für Cosmo, den interkulturellen Sender des WDR, seit August vergangenen Jahres „Machiavelli – Der Podcast über Rap & Politik“. Kawelke schrieb unter anderem für das Hip-Hop-Fachmagazin „Juice“, Golod ist studierter Politikwissenschaftler und arbeitet mittlerweile als Politikjournalist. Im Podcast schaffen beide etwas, das weder den Hip-Hop-Fachmedien noch den Kultur- und Politikredaktionen regelmäßig gelingt: einen unaufgeregten Blick auf kontroverse politische Aussagen von Rappern und das aktuelle politische Geschehen.

Pop oder Populismus? „Machiavelli“ bespricht auch, welche Rolle Übertreibung im Hip-Hop spielt

Die beiden produzieren keinen Laber-Podcast zum Wegdösen, stellen sich nicht als unantastbare Experten da, reißen keine platten Witze. Stattdessen schaffen sie eine Plattform, die die Stärken von Radiofeatures mit den Vorteilen des Podcastformats verbindet. Wenn Kawelke und Golod über Themen wie Kollegahs Antisemitismus oder feministische Bestrebungen in der Rap-Szene sprechen, lassen sie sich Zeit, holen weit aus. Wenn beide nicht weiterwissen, befragen sie lieber Expertinnen und Experten, als Halbwissen zu verbreiten. 

Angenehm auf Erstsemesterniveau

Der journalistische Ansatz hebt „Machiavelli“ von anderen Podcasts ab. Für eine Folge begaben sich Kawelke und Golod auf Recherchereise nach Österreich. Dort trafen sie unter anderem auf den Rapper T-Ser, der Opfer polizeilichen Racial Profilings wurde, und auf die Junge ÖVP-Generalsekräterin Laura Sachslehner, die in Österreich kein Rassismusproblem erkennen kann. Kawelke und Golod nutzen die Aussagen als Diskussionsgrundlage, ordnen sie ein und vermitteln dadurch sowohl Politik- als auch Musikwissen.

 

„Hast du Bock auf ein bisschen Theorie?“, fragt Golod in der ersten Folge des Podcasts noch. „Geht so“, antwortet Kawelke. Das war die richtige Antwort. Auch wenn der Name des Podcasts vom italienischen Staatsphilosophen Niccolò Machiavelli abgeleitet ist, bleibt die theoretische Ebene von „Machiavelli“ angenehm auf Erstsemesterniveau. Der Podcast läuft nicht Gefahr, zum elitären Nerdtalk zu verkommen. Und das Beste ist: Weder Kawelke noch Golod sind sich zu fein dafür, sich vom jeweils anderen etwas über deren Fachgebiet erklären zu lassen. Dadurch lernen beide voneinander. Und die Hörer gleich mit.

Titelbild:  Oliver Contreras - Pool/Getty Images

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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