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Hör doch mal, wie krass ich bin

Grenzüberschreitungen verkaufen sich in der Rapmusik immer noch gut. Doch es gibt ein Leben nach Bitches und Spastis

Junge Männer beim Rappen (Foto: Ewen Spencer)

„Das ist meine Zeit, ich hab den Wecker gestellt / Aufgewacht, laut gedacht: Der glücklichste Rapper der Welt“, hat Şevket Dirican, der sich als Musiker Chefket nennt, 2015 gerappt. Das ist etwas Besonderes. Denn noch immer versuchen sich viele Rapper mit der größten Provokation und der größtmöglichen Respektlosigkeit gegenseitig zu übertrumpfen. Das bringt Aufmerksamkeit, das regt Leute auf, und das wiederum verkauft sich gut.

Egal, ob Bushido in seinem Song „Stress ohne Grund“ auf die Politikerin Claudia Roth schießen will, bis sie „Löcher wie ein Golfplatz“ hat, oder Farid Bang in seinem Song „0815“ „Auschwitz-Insassen“ verhöhnt – es funktioniert. Beide Künstler haben mit dieser Masche Hunderttausende Alben verkauft. Als allerdings an Farid Bang ein Musikpreis verliehen werden sollte, boykottierten etliche andere Musiker die Verleihung. Ihr Vorwurf: Beim Geldmachen mit antisemitischen Sprüchen hört der Spaß auf.

Provokation, Stress und Beleidigungen verkaufen sich gut. Aber auch respektvoller Rap kann erfolgreich sein

Oft hat die Empörung über solcherlei Grenzverletzung den gegenteiligen Effekt: Junge Menschen hören noch genauer zu, denn plötzlich hat die Musik den Charme des Verbotenen. Außerdem, das betonen Rapper immer wieder, sei das ja eh alles nicht so ernst gemeint: So sei er eben, der Rap. Doch Rap kann auch respektvoll und gleichzeitig erfolgreich sein.

Chefket erschießt in seinen Texten niemanden. Seit über zehn Jahren lebt er in Berlin und setzt sich in seiner Musik auch mit seinem Dasein als Deutschtürke und seinem Fremdheitsgefühl auseinander. Statt über Gewalt, Kriminalität, Drogen und Sex rappt er über Glück und Liebe. „Alles Liebe (Nach dem Ende des Kampfes)“ heißt sein aktuelles Album, und Chefket sagt: „Es war klar, dass ich ein Album über Liebe machen muss, weil es kein anderer macht.“

„Es war klar, dass ich ein Album über Liebe machen muss, weil es kein anderer macht“

Schon vor Jahren hat er sich dafür entschieden, bestimmte Triggerwörter nicht mehr zu benutzen. „Es ist anstrengend, auf Schimpfwörter zu verzichten, aber ich zensiere mich da gern selbst“, sagt er und fügt hinzu: „Ich habe irgendwann gelernt, wie man schreibt, und es wäre traurig, wenn ich keine kreative Lösung finden könnte, um solche Wörter zu vermeiden.“

Einmal konnte er sogar einen Kollegen überzeugen, das Wort „Spast“ aus seinen Lyrics zu streichen und kreativ zu ersetzen. Als Chefket neulich im Hamburger Mojo-Club auftrat, saß da auch ein Mann im Rollstuhl – „mit Schläuchen und allem. Ich hätte mich geschämt, wenn ich ihm dann ‚Spast‘ oder ‚behindert‘ als Beleidigung entgegengerappt hätte“.

So weit wie Chefket sind nicht alle Rapper. Der Soziologe Dr. Martin Seeliger von der Universität Flensburg, der schon mehrere Bücher über Deutschrap herausgegeben hat, sieht in dem Genre zwei Ebenen von Respekt, die die rohe Sprache erklären. Zum einen würden Rapper mit allen Mitteln Respekt für ihren eigenen unangepassten Lebensentwurf einfordern, zum anderen wollen sie Respekt innerhalb ihrer Szene. Und den bekam eben lange Zeit derjenige, der sich am krassesten gibt. Der Frauen diskriminiert, Schwächere verhöhnt und den harten Mann markiert.

Seeliger erklärt sich die Verrohung der Sprache und die immer krasseren Beschimpfungen mit dem Wettbewerb in der Szene. „Da musste immer einer draufgesetzt werden. Das hat auch damit zu tun, dass Rap eine sehr männlich geprägte Kultur ist und außerdem Ausdrucksformen aus dem Umfeld der Rapper direkt in die Texte einfließen.“

„Natürlich ist vieles geschmacklos. Es geht im Rap-Genre auch darum, zu schockieren“

Tatsächlich ist es ja erstaunlich, dass in Zeiten der #MeToo- Debatte im Rap hemmungslos Frauen zu Sexobjekten degradiert werden – in Texten und Videos. Auch hier widerspricht Chefket dem Klischee und ging sogar mit einer Frauenband auf Tour. „Die Musikerinnen haben mir gesagt, dass sie nur deswegen mit mir Musik machen können, weil meine Texte das hergeben“, sagt er.

Als die Diskussion um die Holocaust- Opfer verhöhnenden Zeilen von Farid Bang und Kollegah so richtig Fahrt aufnahm, stellte sich Chefket allerdings auf deren Seite. „Farid Bang ist ein rappender Serdar Somuncu. Und der meint, jeder hat das Recht, zu diskriminieren. Natürlich ist vieles geschmacklos. Es geht in unserem Genre auch darum, zu schockieren. Unter Rappern und deren Fans weiß man, um was es geht.“

Tatsächlich verhält sich die Rapszene bei Kritik von außen auch nicht anders als andere Gemeinschaften – man hält zusammen. Gerade wenn sich bürgerliche Medien plötzlich mit Rap beschäftigen und Kritik üben, führt das selbst bei kritischen Rappern zu Abwehrreflexen. Lieber Farid Bang recht geben als der „Bild“-Zeitung.

Auf Kritik von außen reagieren Rapper wie andere Szenen – man hält zusammen und gibt lieber Farid Bang recht als der „Bild“

Dennoch hat sich in den letzten zwei Jahren was getan. Der Straßenrapper Massiv, der auch als Schauspieler in der Serie „4 Blocks“ mitspielt, verzichtet in seinen Texten mittlerweile vollständig auf Schimpfwörter. Jüngere Straßenrapper wie Ufo361 oder Nimo nutzen in ihrer Musik zwar noch immer Beleidigungen als Stilmittel, doch es geht nicht mehr primär um die Herabsetzung eines fiktiven oder realen Gegners.

„Was du bei uns übrigens auch niemals sehen wirst: objektifizierte Frauen. Diese fast nackten Frauen in vielen Rapvideos, was transportieren die denn bitte für ein Frauenbild?“, fragt auch Hasan.K. Er ist damit wohl der erste Gangsterrapper, der eine solche Haltung auch öffentlich äußert. Die große Respektlosigkeit bringt innerhalb der Szene immer weniger Respekt.

Titelbild: Ewen Spencer 

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

3 Kommentare
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Gast
  ·  
08.01.2019-08:01

Chefket guter Mann!

Woher haben Sie das Zitat von Hasan.K? Eine kurze Internetrecherche hat nichts zu Tage gebracht. Haben Sie direkt mit ihm gesprochen, Herr Voigt? Wo finde ich etwas zu dieser löblichen Aussage von Hasan.K? Danke für die Auskunft im Voraus.

Johann Voigt
  ·  
09.01.2019-10:01

Hallo,

das Zitat ist momentan leider noch nicht online zu finden. Es stammt aus der aktuellen Ausgabe des Magazins Das Wetter - Magazin für Text und Musik (Das Wetter Nr. 16, 2018, S.25).

http://wetter-magazin.com/produkt/das-wetter-16/

Viele Grüße
Johann

Gast
  ·  
10.01.2019-11:01

Nach den ersten paar Zeilen über rap konnte ich schon direkt kotzen. Man kann 2019 nicht immer noch solche brutalen Vorurteile gegenüber hiphop haben. Und die Beispiele sind auch genau die größten beiden aufschreien der Bildzeitung. Das lässt genug Rückschluss auf den Bildungsanapruch des autoren. Ne danke.