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No more bitches in China

Anfang des Jahres verbannte die chinesische Medienbehörde „tätowierte, vulgäre oder geschmacklose“ Rapper von den Bildschirmen. Wie geht es der Hip-Hop-Szene heute?

  • 3 Min.
Die High Brothers treten beim PAC HouTou GO Hip-Hop Festival in Chengdu auf

Durch eine Fernsehshow wurden Rapper*innen zu den gefragtesten Stars des Landes – quasi von einer Nacht auf die andere

Dass in der Volksrepublik China Medien einer strengen Zensur unterliegen, hat sich mittlerweile herumgesprochen. Als Anfang des Jahres eine ganze Subkultur auf der schwarzen Liste der Zensurbehörden landete, war die Verwunderung dann aber trotzdem groß: Ab sofort sei Hip-Hop nur noch unter bestimmten Umständen erwünscht. Steht die Moral der Künstler*innen „nicht im Einklang mit der Parteilinie“, so steht es in der Weisung der Medienbehörde (SAPPRFT), tragen Rapper*innen Tattoos, bewerben sie Subkultur oder Dekadenz, hätten sie auf den Fernsehern und Smartphones des Landes nichts mehr zu suchen.

Die Underground-Rap-Szene wächst in China schon seit vielen Jahren, besonders in Städten wie Chengdu in Zentralchina oder Changsha, das zu den Entertainment-Hubs des Landes zählt. 2017 wurde Hip-Hop dann aber plötzlich Mainstream. Zuzuschreiben ist das einer zwölfteiligen Fernsehsendung namens „Rap of China“. So neu, so gut gemacht war das Programm, dass die Show auf dem Online-Videoportal iQiyi über 2,5 Milliarden Mal aufgerufen wurde – eine Zahl, die selbst für China beachtlich ist. Von einer Nacht auf die andere war einem großen Teil der Bevölkerung „Freestyle“ ein Begriff, und Rapper*innen wurden zu den gefragtesten Stars des Landes. 

Es dauerte nicht lange, bis sich auch die Zensurbehörden für Hip-Hop interessierten

Für viele Künstler*innen war schnell klar: Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Zensurbehörden den Rotstift zücken. Hip-Hop auf der einen Seite ist eine Musikrichtung, die distinkt unchinesisch und noch dazu in ihrer Herkunft eine Form des Protests einer unterdrücken Minderheit ist. Chinesische Behörden auf der anderen Seite bestehen auf einer harmonie- und traditionsbetonten Darstellung der Welt

Es war der Rapper PG One, einer der Sieger von „Rap of China“, der die Aufmerksamkeit der Zensurbehörden schließlich auf sich und den Hip-Hop zog. Nach zahlreichen Gerüchten über schlechtes Benehmen und die Verwicklung in außereheliche Affären grub jemand einen älteren Track von ihm aus, in dem er Drogenkonsum andeutete und das Wort „Bitch“ fallen ließ. Daraufhin ließen die Behörden die Musik, Videos und TV-Auftritte von PG One von Streaming-Plattformen entfernen und verdonnerten den Künstler zu einer öffentlichen Entschuldigung. „Ich war den Einflüssen von Black Music ausgesetzt, als ich den Hip-Hop entdeckte. Ich habe dadurch gesellschaftliche Normen missverstanden, wofür ich mich zutiefst entschuldigen möchte“, schrieb er auf Weibo, dem chinesischen Twitter, und machte sich damit nicht gerade Freunde.

Fans beim Auftritt der Higher Brothers auf dem  PAC HouTou GO Hip-Hop Festival in Chengdu
Fans beim Auftritt der Higher Brothers auf einem Hip-Hop-Festival in Chengdu. Wäre fluter.de ein Magazin chinesischer Behörden – die Louis-Vuitton-Tasche rechts unten würde wahrscheinlich verpixelt werden
 

Wenige Wochen nach dem Skandal um PG One wurden die Direktiven gegen Hip-Hop veröffentlicht: „Es wird ausdrücklich gefordert, tätowierte Künstler, Hip-Hop-Kultur […] aus dem Programm zu halten“, heißt es in der Weisung an die Massenmedien. Die Verwendung von „geschmacklosen, vulgären oder obszönen Künstlern untersteht strikter Unterbindung“.

Viele Veranstalter haben Sorge, Probleme mit den Behörden zu bekommen

Manche Hip-Hop-Stars wurden seitdem aus TV-Sendungen herausgeschnitten, dekadente Accessoires (Blingbling-Ketten) oder offensive Gesten (Mittelfinger) verpixelt. Hier und da verschwinden Videos oder Songs von Streaming-Plattformen, einige Rapper*innen wurden aus Festival-Line-ups gestrichen. Selbst wenn sich Künstler offensichtlich auf der „harmlosen Seite“ des Hip-Hop-Spektrums bewegen – kaum ein Veranstalter will sich dem Risiko aussetzen, mit Hip-Hop im Programm negativ aufzufallen. 

Mittlerweile zeichnet sich aber auch ab, dass die Weisung der Medienbehöre eine gezielte Intervention war, die es nicht auf die gesamte Hip-Hop-Gemeinschaft abgesehen hat. Weiterhin grünes Licht gibt es zum Beispiel für Crews wie CD Rev, die allerdings direkt von der Regierung unterstützt werden. Mit Tracks wie „The Force of Red“ verbreiten sie regierungsbefürwortende Messages. In der Szene sind sie umstritten. Skandalrapper PG One versuchte im Frühjahr ein vorsichtiges Comeback, er gelobte Besserung und „positive Energie“. Der Versuch ging aber nach hinten los: Mehrere Social-Media-Beiträge von ihm wurden gelöscht. Auch der „Rap of China“-Star GAI veröffentlichte im März ein neues Musikvideo. Aktuell gibt es außerdem mehrere Streetdance-Shows, vor allem eine Sendung namens „Hot Blood Dance Crew“ ist im Netz der letzte Schrei. Der Fokus liegt auf Tanzmoves statt auf Texten, die Verwandtschaft zur Hip-Hop-Kultur ist aber offensichtlich. 

Für den chinesischen Hip-Hop bedeutet das wohl oder übel: Back to the roots!

Ein chinesisches Sprichwort besagt: „Von oben wird gesteuert, von unten gegengesteuert.“ Gerade Künstler*innen sind in China oft darin geübt, bestehenden Auflagen auszuweichen und um sie herum Neues zu schaffen. „Es kommt darauf an, was man als gut oder schlecht für den Hip-Hop in China ansieht“, sagte der chinesisch-amerikanische Rapper Bohan Phoenix einem Magazin. „Ich persönlich glaube, dass es [die Zensur] das Geschäft weniger lukrativ macht für einfallslose Rapper, die nur über Ruhm, Frauen und Geld reden, und mehr Raum für Leute lässt, die wirklich was zu sagen haben.“ 

 

Den massiven Einschnitten in die Meinungsfreiheit zum Trotz soll sich manch ein Hip-Hop-Fan sogar ein wenig über den Eingriff der Behörden freuen. So widrig die Gründe auch sind: Gewissermaßen bleibt das Genre vom großen Hype und der damit einhergehenden Kommerzialisierung verschont, und mehr Menschen haben wieder Interesse an kleinen Konzerten. Die lassen sich nämlich nur schlecht kontrollieren. Dem ideologischen Ursprung des Hip-Hops als einer Subkultur der Unterdrückten kommt das Genre jedenfalls erst mal wieder sehr nahe. 

Fotos: Bryan Denton/The New York Times/Redux/laif

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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